Freitag, 29.05.2020
 
Seit 12:00 Uhr Nachrichten
StartseiteInterviewSozialverband VdK: Wertschätzung auch nach der Coronakrise06.04.2020

PflegeberufeSozialverband VdK: Wertschätzung auch nach der Coronakrise

Applaus auf Balkonen sei für die Pflegekräfte wohltuend, sagte Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, im Dlf. Auch die politische Wertschätzung sei positiv. Neben Einmalzahlungen und Prämien benötige man aber flächendeckende Tarifverträge und langfristig eine bessere Bezahlung.

Verena Bentele im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Zwei Pflegerinnen gehen durch einen Gang, an dessen Wand Intensivstation steht (dpa/picture-alliance/Kästle)
Die gesellschaftliche Anerkennung sei gut für die Gemüter der Menschen in Pflegeberufen, aber am Ende müsse man sehen, ob es auch eine nachhaltige Aufwertung gebe (dpa/picture-alliance/Kästle)
Mehr zum Thema

Neue Initiative Bundesregierung will Pflegeberufe attraktiver machen

Häusliche Pflege in der Coronakrise Wegfall ausländischer Pflegekräfte befürchtet

Lehren aus der Coronapandemie "Die Pflege zur Schicksalsfrage der Nation machen"

Pflegekräfte werden plötzlich als systemrelevant anerkannt. Es ist das medizinische Personal in Deutschland, das derzeit am meisten mit den Folgen der Corona-Pandemie beschäftigt ist, tagtäglich für und um die Gesundheit der Patientinnen und Patienten kämpft. Es ist eine Branche, die ohnehin als überlastet und unterbezahlt gilt, in der viele Menschen trotz Enthusiasmus nach wenigen Jahren aufgeben.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder kündigte an: "Wir werden 500 Euro als Bonus an alle Pflegekräfte zahlen". Finanzminister Olaf Scholz hat ebenfalls betont, dass sich die Leistung der Pflegenden auch in der Bezahlung niederschlagen müsse.

Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, forderte im Dlf angesichts der Coronkrise eine nachhaltige Aufwertung der Pflegeberufe. Es sei erschreckend, wie viele Menschen aus dem Pflegeberuf wegen der mentalen und auch der körperlichen Belastung ausstiegen, so Bentele. Einmalzahlungen und Prämien seien als politische Botschaft schön, aber "die Frage ist, was kommt danach."

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Das Interview in voller Länge

Ann-Kathrin Büüsker: Frau Bentele, bekommt die Pflege jetzt die Wertschätzung, die sie verdient hat und die Sie auch immer gefordert haben?

Verena Bentele: Auf jeden Fall bekommen Pflegeberufe berufe gerade eine gute Wertschätzung, was natürlich super ist, und ich freue mich auch sehr darüber, dass die Zeichen der Anerkennung vielfältig sind. Es gibt in Manchen Städten Aktionen, dass Pflegekräfte und medizinisches Personal umsonst Taxifahren können, auf dem Balkon wird geklatscht und gesungen. Wir fordern aber seit vielen Jahren, dass sich das mal endlich auf dem Gehaltszettel auch zeigt für die Pflegekräfte und dass Pflegekräfte natürlich auch andere Arbeitsbedingungen haben und dann auch länger in ihrem Beruf bleiben, weil es schon ein bisschen erschreckend ist, wie viele Menschen aus dem Pflegeberuf wegen der mentalen und auch der körperlichen Belastung aussteigen.

"Bezahlung langfristig verbessern"

Büüsker: Wie beurteilen Sie jetzt diese Bonuszahlungen, die etwa Markus Söder angekündigt hat? Ist das eine gute Maßnahme, um im Akutfall zu zeigen, wir sind euch dankbar?

Bentele: Ja, ich finde es eine gute Maßnahme, um Dankbarkeit zu zeigen. Aber die Frage ist, was kommt danach, weil das ist natürlich im Moment für die Pflegekräfte im individuellen Fall total schön. Als politische Botschaft ist es, klar, auch gut, weil die Menschen jetzt sehen, die bayerische Staatsregierung sorgt sich um die Menschen, die den Laden am Laufen halten. Aber gemessen werden wird es dann daran, was nachhaltig passiert, ob es flächendeckende Tarifverträge gibt, ob die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung sich langfristig verbessern, und wie sich Markus Söder dafür einsetzt, daran können wir ihn dann mal messen in zwei, drei Jahren. Die politische Botschaft jetzt ist für die Gemüter der Menschen natürlich gut und fürs Image, aber die Nachhaltigkeit wird am Ende die Qualität bescheinigen.

  (imago / epd) (imago / epd)Pflege in Corona-Zeiten Sie gehören zur Risikogruppe: Ältere Menschen, die in den Alten- und Pflegeheimen leben. Doch auch für die Pflegekräfte gelten während der Coronakrise besonders strenge Regeln.


Büüsker: Nun setzt sich die Politik ja schon seit einigen Jahren tatsächlich auch für einen branchenweiten Mindestlohn ein. Hubertus Heil hat den jetzt in der Krise auch noch mal gefordert, weil derzeit auch nur 20 Prozent der Beschäftigten tatsächlich nach Tarif bezahlt werden. Warum ist dieser flächendeckende Mindestlohn bisher gescheitert?

Bentele: Das hat natürlich sehr viele Ursachen. Einmal ist es in der Pflege so, dass wir ganz unterschiedliche Systeme haben. Wir haben die Altenpflege, die Pflege im Krankenhaus, bei Kindern, in Einrichtungen der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen, und in all diesen Einrichtungen wird sehr unterschiedlich gezahlt, was auch dazu geführt hat, dass zum Beispiel Altenpfleger oft sehr viel schlechter bezahlt werden wie Personen im Krankenhaus. Schon da bräuchte s mal eine Vereinheitlichung. Und dann sind sehr viele Pflegekräfte auch nicht organisiert in Verbänden oder Gewerkschaften, was in dem Fall jetzt auch dann schwierig ist, wenn man den flächendeckenden Mindestlohn durchsetzen möchte. Und man hat ganz generell in Deutschland gesehen, wie viele Menschen sich mit dem Mindestlohn schwertun. Wir als Verband sagen ja auch, dass der gesetzliche Mindestlohn, den wir für alle Branchen haben, immer noch zu niedrig ist, weil mit dem jetzigen Mindestlohn kriegt man immer noch eine Rente unterhalb des Grundsicherungsniveaus. Deswegen sind auch wir ein Verband, in dem sich ja Menschen organisieren können, die für ihre Rechte kämpfen, weil wir natürlich ganz klar sagen, Menschen brauch erst mal eine Möglichkeit, für ihre Rente auch ordentlich zu verdienen, und die haben viele Menschen in Deutschland immer noch nicht.

"Pflege darf nicht teurer werden"

Büüsker: Das andere Problem, wenn man die Menschen jetzt gerecht bezahlen würde, würde das ja im Umkehrschluss auch bedeuten, dass Pflege teurer würde.

Bentele: Klares Nein, weil die Pflegekosten sind jetzt schon so hoch, dass es für viele Menschen eigentlich kaum mehr finanzierbar ist. Man muss erst mal gucken, wie sich die Kosten zusammensetzen. Zum Beispiel viele Bundesländer beteiligen sich noch deutlich zu wenig an den Investitionskosten in der Pflege, die in Einrichtungen entstehen. Die müssten tatsächlich deutlich mehr aus Steuermitteln bezahlt werden. Und dann ist eine unserer großen Forderungen natürlich auch, dass es endlich eine Zusammenlegung gibt in den Systemen, was private und gesetzliche Krankenversicherung angeht, aber auch die private und die gesetzliche Pflege muss deutlich enger zusammenarbeiten, damit sich dann auch die Kosten fairer verteilen und für die Menschen, die wenig Geld haben, die Pflege auch finanzierbar bleibt. Das ist heute schon eins der wirklich ganz großen Probleme. Deswegen sagen wir auch ganz klar nein, Pflege darf nicht teurer werden einerseits, und andererseits braucht es natürlich auch Maßnahmen für die Menschen, die zuhause gepflegt werden von ihren Angehörigen. Das sind immer noch über 70 Prozent. Da haben wir jetzt als größter Sozialverband gerade eine Studie in Auftrag gegeben, wo wir mal die ambulante Pflege uns auch näher anschauen.

VdK-Päsidentin Verena Bentele am Rednerpult, hinter ihr eine Europa-Fahne. (picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka)VdK-Päsidentin Verena Bentele (picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka)

Büüsker: Frau Bentele, Sie sagen jetzt, Pflege darf nicht teurer werden, sagen aber im gleichen Atemzug, auch der Staat muss sich stärker an den Investitionen beteiligen. Das Geld des Staates kommt aber doch auch von den Bürgerinnen und Bürgern. Dann wird Pflege doch letztlich für alle ein bisschen teurer, wenn der Staat auch noch was dazulegt.

Bentele: Das ist natürlich immer eine Frage, wie Steuern geleistet werden von den Bürgerinnen und Bürgern, und da gibt es ja noch viele Möglichkeiten, die wir nicht wirklich ausschöpfen. Eine verfassungskonforme Vermögenssteuer zum Beispiel ist eine der Forderungen, die wir haben, und das Geld könnte dann auch wieder unter anderem genutzt werden, um Kosten in der Pflege zu tragen. Ich würde immer erst mal gucken, wie kann man die Steuermittel auch für die sozialen Bereiche, für den Gesundheitsbereich sinnvoll einsetzen, wie kann man auch das Gesundheitssystem sinnvoll finanzieren, weil unser Gesundheitssystem ist ja nicht unterfinanziert, sondern da muss man sich eher mal die Frage stellen, wie viele OPs, die sehr viel Geld bringen, sind vielleicht überhaupt nicht nötig, oder welche Maßnahmen sollten stattdessen stattfinden.

Private Krankenversicherungen mehr an Coronakrise beteiligen

Büüsker: Was meinen Sie da jetzt zum Beispiel? Was ist nicht nötig aus Ihrer Sicht?

Bentele: Was nicht nötig ist, ist immer ein Einzelfall, klar. Aber in Deutschland werden sehr viele Operationen gemacht, seien es beispielsweise künstliche Knie, wo wir zwischen den Bundesländern schon Unterschiede sehen, in welchem Bundesland wieviel da gemacht wird, wo man sicherlich das eine oder andere mal sagen könnte, oder auch Rückenoperationen. Da würde vielleicht auch was durch Training gehen. Ich will jetzt hier mich nicht versteigen zu Einzelfallbeurteilungen. Ich bin keine Ärztin. Aber da gibt es sicherlich Möglichkeiten zu gucken, wie kann man da ein bisschen anders auch die ökonomische Wertigkeit im Gesundheitssystem gestalten und dafür das Geld für die Versorgung aufbringen.

Abonnieren Sie unseren Coronavirus-Newsletter (Deutschlandradio)Abonnieren Sie unseren Coronavirus-Newsletter! (Deutschlandradio)

Büüsker: Und Sie haben den Verdacht, dass OPs unter Umständen nur gemacht werden, weil man dafür als Klinik von den Krankenkassen hohe Beträge bekommt?

Bentele: Zumindest werden OPs deswegen vielleicht ein bisschen schneller gemacht, oder auch Menschen, die beispielsweise beatmet werden, die dann vielleicht auch wieder entwöhnt werden könnten. Es gibt Menschen, da ist es dringend nötig, und genau für die braucht man jetzt ja auch die Beatmungsgeräte. Bei anderen gäbe es sicherlich auch Möglichkeiten, wieder von der 24-Stunden-Beatmung wegzukommen. Das sind alles Themen, die muss man sich einfach mal angucken. Und wie gesagt: Eine der ganz großen Forderungen von uns ist auch, dass unser Gesundheitssystem nicht mehr weiterhin in der Aufteilung ist zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung, weil auch da sehen wir derzeit, dass sich die privaten Krankenversicherungen deutlich weniger gerade an den Kosten beteiligen für den Mehraufwand durch die Corona-Krise als die gesetzlichen. Es sind deutlich mehr Menschen privat versichert, wie im Moment die Kostenbeteiligung der privaten Versicherer ist.

Büüsker: Wobei wenn wir auf unser Gesundheitssystem schauen und es etwa mit dem in anderen Ländern vergleichen, jetzt zum Beispiel die USA – darüber haben wir heute in dieser Sendung auch schon gesprochen -, wo viele Menschen einfach gar keine Krankenversicherung haben und sich jetzt gar keine Corona-Behandlung leisten können – wenn wir diesen Vergleich heranziehen, müssen wir schon feststellen, wir stehen eigentlich mit unserem Gesundheitssystem aktuell ganz gut da, oder?

Bentele: Auf jeden Fall! Ich kritisiere auch nicht prinzipiell unser Gesundheitssystem. Ich bin froh darum, dass wir ein gesetzliches Krankenversicherungssystem haben. Dass bei uns erst mal per se jeder Mensch krankenversichert ist in Deutschland, ist eine gute Sache, die man auf keinen Fall leichtfertig aufgeben sollte, wo wir tatsächlich wirklich uns darauf konzentrieren sollten, eher zu gucken, wie kann man hier noch "effektiver" arbeiten, effektiver für die Gesundheit, nicht ökonomisch nur effektiv, sondern auch effektiv für die Gesundheit, aber vor allem, wie kann man wirklich jetzt auch was für die Menschen tun, einerseits die Patientinnen und Patienten, aber andererseits auch die Personen, die im Gesundheitssystem arbeiten. Da gibt es, denke ich, schon Möglichkeiten, die wir haben. Aber klar: Im Vergleich zu anderen Ländern müssen wir hier jedenfalls froh sein, dass es auch möglich ist, zum Beispiel hier die medizinische Intensivversorgung so hochzufahren, wie es in den letzten Wochen geschehen ist in Deutschland, wo die Intensivversorgung wirklich extrem gesteigert werden konnte. Das finde ich schon eine gute Sache.

Büüsker: Und tatsächlich ja auch europäische Solidarität zu leisten. Derzeit werden ja auch Patientinnen und Patienten aus anderen europäischen Ländern in deutschen Kliniken behandelt. Das ist schon bemerkenswert!

Bentele: Genau. Das ist auch eine tolle Sache, die wir als Europäische Union gerade in Europa wirklich auch ganz dringend brauchen, so einen Zusammenhalt und so eine Solidarität. Das nächste, was, denke ich, auch eine ganz gute Lehre ist aus dem Ganzen hier, ist, dass auch lebensnotwendige Dinge, zu denen auch medizinisches Equipment gehört, dass die auch wieder hier produziert werden, auch vermehrt produziert werden. Deswegen finde ich auch den Vorstoß jetzt gut, dass tatsächlich viele Unternehmen gerade gucken, wie sie umstellen können, um zum Beispiel Gesichtsmasken, Desinfektionsmittel oder medizinisches Gerät hier in Deutschland zu produzieren und es dann natürlich auch in europäische Nachbarländer zu liefern.

"Pflege wieder mehr in kommunale Hand geben"

Büüsker: Frau Bentele, wenn wir gemeinsam ein Zwischenfazit ziehen an diesem 6. April 2020, wo wir ja noch mitten drin sind in der Krise und das Schlimmste vielleicht auch noch kommen könnte. Aber Stand heute können wir sagen, wir lernen gerade die Stärken unseres Gesundheitssystems zu schätzen, sehen aber auch, wo wir was verbessern können?

Bentele: Genau! Wir lernen die Stärken zu schätzen. Wir sehen aber auf jeden Fall, wo wir was verbessern können. Zum Beispiel im Bereich der Pflege auch wieder mehr in kommunale Hand zu geben, finde ich, ist ein ganz großer Wunsch. Darauf zahlt auch ein, dass wir zum Beispiel wirklich genügend Pflegeplätze haben, auch genügend Kurzzeit-Pflegeplätze, die es derzeit nicht gibt. Auch das brauchen wir und da ist ein Aufnahmestopp in Pflegeeinrichtungen, wie es von einigen Bundesländern verhängt wurde, definitiv im Moment nicht die Antwort, die den Menschen Mut und Zuversicht gibt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk