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StartseiteWirtschaft und GesellschaftKapitulation vor der Masse an Arbeit 16.07.2018

PflegenotstandKapitulation vor der Masse an Arbeit

Wegen Personalmangel müssten Pflegekräfte morgens entscheiden, welche Abstriche sie bei ihren Patienten machen, kritisierte die Präsidentin der Pflege-Berufe-Kammer Schleswig-Holstein, Patrizia Drube, im Dlf. Eine bessere Personalausstattung allein reiche aber nicht aus, um Schulabgänger für den Pflegeberuf zu gewinnen.

Patrizia Drube im Gespräch mit Ursula Mense

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ARCHIV - Eine Pflegekraft (l) begleitet am 22.02.2013 die Bewohnerin eines Altenheims mit Rollator beim Gang über den Flur. Seit Jahren bauen Krankenhäuser Pflegestellen ab, trotz steigender Patientenzahlen. Nun zeigt ein Bericht des Statistischen Bundesamtes, wie dramatisch die Situation des Pfleger in Thüringen ist. (zu dpa «Arbeitsbelastung für Pflegekräfte in Thüringen gestiegen» vom 05.10.2017) Foto: Oliver Berg/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit (dpa)
Trotz steigender Patientenzahlen werden Pflegestellen abgebaut. Die Belastung der verbleibenden Pflegekräfte wird dadurch über die Grenzen hinaus strapaziert. (dpa)
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Ursula Mense: Mangelnde Wertschätzung, geringes Gehalt, chronische Überbelastung, kein Wunder, dass viele auch motivierte Altenpflegerinnen und Pfleger resignieren und den Dienst quittieren. Andere, die vielleicht Interesse an diesem Beruf haben, bewerben sich erst gar nicht: Zehntausende Stellen im Land sind nicht besetzt.

Die Bundesregierung hat versprochen das Problem mit der Konzertierten Aktion Pflege anzugehen. Und heute besucht die Bundeskanzlerin eine Pflegeeinrichtung in Paderborn. Ein Altenpfleger hatte sie in einer Sendung dazu eingeladen.

Ich konnte vor der Sendung mit der Präsidentin der Pflege-Berufe-Kammer Schleswig-Holstein, Patrizia Drube, sprechen. Die Wirtschaftswissenschaftlerin war lange Jahre selbst Altenpflegerin. Ich habe sie zunächst gefragt, wie hilfreich dieser Besuch der Kanzlerin für die Pflegeberufe sein kann.

Patrizia Drube: Ja, der Besuch der Kanzlerin trägt zumindest mal dazu bei, dass auch öffentlich viel Aufmerksamkeit dem Bereich Pflege geschenkt wird. Das ist erst mal gut. Wieviel die Kanzlerin in diesem kleinen Besuch an Eindrücken dort gewinnen kann, die vielleicht auch zu einem besseren Verständnis und zu besseren Handlungsideen führen, kann ich noch nicht beurteilen, aber zumindest sind wir mal froh, dass darüber berichtet wird medial.

"Auf Biegen und Brechen" mehr Personal

Mense: Es soll ja nach den Vorstellungen der Konzertierten Aktion bis zu 13.000 neue Stellen bundesweit geben. Mal abgesehen davon, dass das auf das ganze Land bezogen ja nicht allzu viel ist, meine Frage: Ist es nicht ein viel größeres Problem, junge Menschen überhaupt noch für den Pflegeberuf zu begeistern?

Drube: Das ist mindestens ein genauso großes Problem. Aber die hängen ja auch genau damit zusammen. Die schlechte Personalausstattung ist das, was auch den Pflegeberuf insbesondere unattraktiv macht, und von daher ist die Herausforderung, dass wir wirklich beides brauchen. Wir müssen einerseits eine bessere Personalbesetzung in den Einrichtungen haben und parallel dazu brauchen wir ein ganzes Paket an Maßnahmen, was dazu beiträgt, dass der Pflegeberuf auch bei den Schulabgängern wettbewerbsfähig ist.

Mense: Was muss denn aus Ihrer Sicht als erstes passieren, damit sich an den Zuständen schnell etwas ändert?

Drube: Als erstes muss auf Biegen und Brechen eine bessere personelle Besetzung in die Einrichtungen, indem attraktive Stellen ausgeschrieben werden auch für diejenigen, die den Beruf oder zumindest ihre praktische pflegerische Tätigkeit verlassen haben, weil sie unter den Bedingungen nicht mehr arbeiten mochten. Ich glaube, diese Kolleginnen und Kollegen kann man zurückgewinnen, wenn man ihnen glaubhaft macht und es auch verlässlich ist, dass sie einen Arbeitsplatz vorfinden, an dem sie tatsächlich das, was sie gelernt haben und warum sie ihren Beruf ausüben, auch anwenden können.

Mitarbeiter schauen nicht mehr genau hin 

Mense: Was sind denn ganz konkret, wenn Sie mal ein paar Beispiele nennen, die Dinge, die den Pflegealltag so schwierig machen, auch für die Pflegerinnen und Pfleger und nicht nur für die zu Betreuenden?

Drube: Schwierig ist, dass ich immer so schlecht besetzt bin, dass ich ständig Abstriche machen muss. Wenn ich morgens zum Dienst komme, ist mir schon klar, dass ich nicht bei jeder Bewohnerin, bei jedem Bewohner das tun kann, was eigentlich fachlich geboten wäre, sondern ich muss ad hoc entscheiden, hier fasse ich mich jetzt mal kurz, da gucke ich vielleicht gar nicht genauer hin, damit ich dort nicht vielleicht noch ein Versorgungsproblem sehe, um das ich mich noch kümmern muss, weil ich sonst einfach die Masse an Arbeit nicht schaffe.

Mense: Zuwendung, von der immer gesprochen wird, dafür ist ja überhaupt keine Zeit mehr da.

Drube: Ja, wobei es mir nicht nur um Zuwendung geht. Ich halte die auch für sehr wichtig. Aber ich halte es auch für wichtig, überhaupt zu erkennen, wo bahnen sich Krankheiten oder Verschlechterungen an. Ich möchte eigentlich Menschen helfen, wieder selbständiger zu werden, selbstbestimmter und eigenverantwortlicher ihre Entscheidungen zu treffen, aber dafür muss ich auch mit ihnen kommunizieren und muss überhaupt herausfinden, was ist denn jetzt heute ihr Wunsch und ihr Wille, um sie dann darin zu unterstützen, das auch auszuleben.

Überschüsse für bessere Löhne verwenden?

Mense: Nun sind ja auch immer wieder höhere, bessere Bezahlung und auch die Tarifbindung im Gespräch. Auch das soll ja auf den Weg gebracht werden. Ministerin Giffey hat unter anderem jetzt in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" vorgeschlagen, dass die Betreiber von Pflegeheimen auch ihre Überschüsse einsetzen sollten, um bessere Löhne zu bezahlen. Wie einfach oder vielleicht besser gesagt kompliziert muss man sich das denn vorstellen? Ist das realistisch?

Drube: Das wird natürlich auf sehr großen Gegenwind stoßen und klar ist, auch ein Pflegebetrieb muss Überschüsse erwirtschaften, um auf Dauer Pflege anbieten zu können. Deshalb muss man da mal etwas genauer hingucken. Ich glaube, die Landschaft ist sehr heterogen und es gibt tatsächlich Betreiber und Institutionen, die hohe Überschüsse erwirtschaften, indem an Personalkosten aus meiner Sicht unzulässig einsparen. Das ist ein Missstand.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Einrichtungen, die Probleme haben mit ihren Preisen, sich überhaupt am Markt noch zu behaupten, weil sie ihre Mitarbeiter gut bezahlen, und am Ende ist das dann ein Wettbewerbsnachteil. Und die Schwierigkeit, die daraus folgt, ist: Die Einrichtungen, die auf einem hohen tariflichen Niveau bezahlen, reagieren dann oft, indem sie Stellen abbauen, damit die Kosten insgesamt reduziert werden. Das ist natürlich dann ein ganz großes Übel. Dann kriege ich zwar als Pflegefachperson eine gute Vergütung, aber habe schreckliche Arbeitsbedingungen, weil wir personell dann so knapp besetzt sind.

Weg vom Teilkasko-Prinzip

Mense: Und wo ist der Ausweg?

Drube: Aus meiner Sicht kann der Ausweg eigentlich nur darin bestehen, dass die Pflegeversicherung von ihrem Teilkasko-Prinzip abweicht. Die Kosten, die entstehen, müssen einfach refinanziert werden, und es kann nicht sein zu sagen, dass die Eigenbelastung der pflegebedürftigen Menschen durch die steigenden Kosten immer höher wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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