Donnerstag, 30. Juni 2022

Philip Oltermann: „The Stasi Poetry Circle“
Der Club der wachsamen Dichter

Es war ein eigentümlich exklusiver Lyrikkreis: dichtende Grenzsoldaten in der DDR. Einmal im Monat trafen sie sich und lasen sich ihre Gedichte vor. Einige von ihnen wurden selbst Opfer von Bespitzelung. Philip Oltermann erzählt ihre Geschichte und leuchtet tief in die politischen Zustände der DDR hinein.

Von Michael Meyer | 26.05.2022

Philip Oltermann: "The Stasi Poetry Circle"
Zu sehen sind der Autor und das Buchcover
Philip Oltermanns vielschichtiges Buch "The Stasi Poetry Circle" ist bislang nur auf Englisch erschienen. Dabei sagt auch schlichte Soldatenpoesie viel über die Kulturfunktion in der DDR aus. (Cover: Faber & Faber / Foto: picture alliance / ZB / Karlheinz Schindler)
„Als jungscher Spunt, als Literatur-Interessierter, war das für mich sehr neu, sehr positiv, weil es dort um teilweise Werkstätten ging, es wurde an den Texten gearbeitet, ich hatte nicht das Gefühl, dass es da um meine Person ging, sondern dass es um die Texte ging. Und dann lernte ich ja viele junge und ältere interessante Leute kennen, in den Diskussionen darum, um die Texte. Und dann ging es mitunter auch hart zur Sache in politischen und aktuellen Fragen.“
So erinnert sich Jürgen Polinske, einer jener Männer, die damals Wachsoldaten waren und am Dichterkreis teilnahmen. Polinske arbeitete in den 80er-Jahren als „Grenzer“ wie es in der DDR hieß  und war gleichzeitig im Dienst der Stasi, später wurde er Mitglied im Kreis der Lyriker.
Kaum ein anderes Land hatte so viele Spione und Inoffizielle Mitarbeiter wie die DDR, nicht einmal andere sozialistische Länder wie Polen oder die Sowjetunion beobachteten ihre Bürger und Bürgerinnen so flächendeckend und engmaschig. Laut Schätzungen ein Spion auf 180 Überwachte. Man geht davon aus, dass über 600.000 Bürger hauptamtlich oder inoffiziell für die Stasi kundschafteten. Und doch: Selbst in einem repressiven Apparat wie der Staatssicherheit gab es ein Bewusstsein dafür, dass die Mitarbeiter ein Ventil brauchten. In der Kaserne des Wachregiments Felix Dzierzinsky in Berlin-Adlershof wurde eine Vielzahl von kulturellen Aktivitäten angeboten. Dzierzinsky galt der ostdeutschen Stasi als Vorbildfigur, er gründete 1917 im damaligen Russland die „Tscheka“, eine Geheimpolizei im Kampf gegen Konterrevolution und Sabotage.

Dichtende Grenzer unter professioneller Anleitung

Eines jener Kulturangebote für die Wachsoldaten war ein Dichterkreis, der sich 1982 erstmals traf und einmal im Monat über die selbstgeschriebene Lyrik diskutierte. Geleitet wurde der Kreis vom damals durchaus über die Grenzen der DDR hinaus bekannten Schriftsteller Uwe Berger, erinnert sich Jürgen Polinske:
„Uwe Berger war für mich ein arrivierter Dichter, man kannte ihn, ob mir damals all seine Gedichte gefallen haben, das stand für mich überhaupt nicht zur Debatte, sondern ja, okay, der kann das, der ist ein Schriftsteller, als Beruf, der ist anerkannt, von dem kann ich was lernen. Und das war der Beweggrund.“
Der Journalist Philip Oltermann, der für den britischen „Guardian“ aus Berlin schreibt, ist über einen Zufall an die Geschichte gekommen. 2006 hatte der "Spiegel" kurz über den Stasi-Dichterclub berichtet und Oltermann besorgte sich über Umwege eine jener Anthologien, die die Stasi für den internen Gebrauch drucken ließ. Lange stand das Buch nur im Regal, irgendwann nahm Oltermann das Buch dann wieder in die Hand und war fasziniert. In dem dünnen Büchlein waren jene Gedichte, die die Stasi für besonders gelungen befand.

Dialektische Soldatenlyrik

„Es ging um das Soldatensein, um das Kämpfen, so um Dialektik, sozusagen Gedankenstrukturen, die halt sehr sowjetisch oder ostdeutsch geprägt waren. Und das hat ein bisschen gedauert, um mich da reinzuarbeiten, zu verstehen, wie sollten diese Gedichte funktionieren.“
Kritik war in den Gedichten nicht völlig tabu, sagt Oltermann, aber: „Es sollte halt bloß nur in diesem dialektischen Korsett stattfinden, das heißt, eine Kritik sollte nur dann geäußert werden, wenn danach auch sozusagen wieder ein Einschwenken spürbar stattfindet, dass man diesen Kritikpunkt neutralisiert und dann doch in einem staatstragenden Ergebnis wieder herauskommt."
"Dialektik

Auf der harten Holzbank des W50,
den Lauf der MPi in der Hand,
den Stahlhelm schmerzhaft am Schenkel,
eingeschnürt in Koppel und Tragestell in Teil Eins,
denke ich nach über die Wohnungen,
die wir statt Kasernen bauen könnten.
Dann, auf dem Schießplatz,
ziele ich ruhig und genau."
Solche  Art „Soldatenlyrik“ wirkt aus heutiger Sicht lächerlich und banal – und doch war sie im strengen ideologischen Korsett der Stasi eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt halbwegs seine Gefühle niederzuschreiben. Die „schreibenden Tschekisten“ sollten sich aber dennoch weniger mit privaten Emotionen befassen, sondern sich an das Credo des kommunistischen Schriftstellers Friedrich Wolf halten, der einmal schrieb: "Der Stoff unserer Zeit liegt vor uns, hart wie Eisen. Die Dichter arbeiten daran, es zu einer Waffe zu schmieden. Der Arbeiter muss diese Waffe in die Hand nehmen.“ 

Unter dem Pflaster der Politik: die Emotionen

Die Themen der Gedichte, die die Männer besprachen, kreisten im Grunde um jene Bandbreite, die jede Lyrik ausmacht, erzählt Jürgen Polinske. „Die Frage Krieg und Frieden war immer wichtig. Die wurde unterschiedlich betrachtet. Dann die Natur, die Liebe, Kindergeburt, also alle eigentlich ewigen Themen, die die Menschen bewegen, persönlich bewegen, die waren Gegenstand von unserer Dichtung. Aber eben auch politische Sachen, und da ranken sich die Auseinandersetzungen danach.
Wenn man heute die Gedichte liest, kommt vieles holprig daher, eingezwängt in die Denkstrukturen der offiziellen Politik.  Der Vogel der Lyrik sollte nicht zu weit fliegen, sondern wieder zurückkommen.  Und dennoch gibt es unter den Gedichten ein paar interessante, auch amüsante Fundstücke, die eben nicht staatstragend daherkamen und selbst aus heutiger Sicht interessant sind, sagt Philip Oltermann:
„Es gab sicherlich Gedichte, die ich witzig fand, weil sie scheinbar einen Widerspruch darstellten, ein Liebesgedicht, das davon spricht, dass ein Mann im MfS davon träumt, dass seine Liebe nicht verstaatlicht werden soll, das ist schon witzig. Oder wenn ein Soldat davon träumt, dass er die Worte „Ich liebe Dich“ in den Nachthimmel schreibt mit seinem Scheinwerfer, das hat dann auch schon was leicht Komisches.  Ich fand dann einige Gedichte spannend, weil sie so doppeldeutig waren. Und das ist meine Überzeugung, dass das das Beste ist, was Lyrik machen kann, in sehr kurzem Raum sehr viele Fragen auf verschiedene Arten beantwortet, es gab ein paar kürzere Gedichte, die ich sehr interessant fand, man hatte das Gefühl, man kann das Gedicht so umdrehen, von vorne nach hinten oder seitwärts und jedes Mal kommt was anderes bei raus.“
"Mein Menschenrecht

Auf meine Art und Weise leben
In der Lebendigkeit der Welt
Auf meinem Wege zuzustreben
Dem Ziel, das uns zusammenhält
Nenne ich mein Menschenrecht
Eine Liebe zu erwidern, die mich weiterleben lässt
In den Kindern, in den Liedern
Ein Haus zu bauen, licht und fest,
Nenne ich mein Menschenrecht
Ich nenne auch mein Menschrecht
Des Lebens Wege zu bewahren
Das Haus, das Kind, der Liebe licht
Vor Todeschlägen, atomaren.
Mein Menschenrecht ist meine Pflicht."

Technisch ausgefeilte Poesie

Die Verknüpfung von hoch-politischen Fragen und sehr privaten Gefühlen durchzieht viele Gedichte auf der inhaltlichen Ebene. Formal folgten die kreativen Ausflüge der Lyrik folgten durchaus einer strengen Struktur, erzählt Philip Oltermann:
„Es gab in der DDR eine sehr strikte Lyrik-Lehre, man hat die technischen Parameter der Lyrik sehr ernst genommen. Es gab da Lehrbücher, die von den Teilnehmern auch alle benutzt wurden, und es gab eine Philosophie, die Johannes R. Becher artikuliert hat, in der DDR das Sonett die höchste Form der Lyrik überhaupt ist. Das ist jetzt, könnte man sagen, vielleicht nicht ganz so neu, weil Shakespeare war bekannt für seine Sonette, das ist schon sozusagen die Meisterprüfung der Lyrik anerkannt, aber Becher hatte die Idee, dass das Sonett nicht nur philosophisch, sondern auch politisch ist. In der dreistufigen Form des Sonnetts spiegelt sich eigentlich der dialektische Materialismus wider, die Grundphilosophie der Sowjetunion. Von These zu Anti-These zu Synthese. Das war die höchste Form, aber auch die schwierigste Form, die jetzt nicht jeder dort in der Stasi praktizieren konnte.“

Das Private war politisch

Lyrikabende gab bereits in den 60er-Jahren in der DDR. Und da das Private politisch war, die Kultur sowieso, blieb es nicht aus, dass sich die DDR-Kulturpolitik intensiver mit dem Thema Poesie auseinandersetzte. Bei all dem dürfe man nicht vergessen, so Oltermann, dass Literatur, Prosa wie auch Lyrik, im Arbeiter- und Bauernstaat ohnehin ernster genommen wurde als in der Bundesrepublik. 1959 trafen sich DDR- Schriftsteller im Volkseigenen Betrieb Bitterfeld auf einer Konferenz und debattierten über eine neue Kulturpolitik und den Weg zu einer eigenständigen „sozialistischen Nationalkultur“.  Diese sollte den, Zitat, „wachsenden künstlerisch-ästhetischen Bedürfnissen der Werktätigen“ entgegenkommen:
„Es gab dieses Programm des Bitterfelder Weges. Die Idee dahinter war, dass man diesen Graben zwischen den arbeitenden Menschen und den Intellektuellen überbrückt, indem man Schriftsteller in die Arbeitsplätze holt und da eine Kollaboration stattfindet. Weshalb sollte die Stasi da nicht mitmachen? Das ist jetzt so die ganz simple Erklärung.“
Warum ab 1982 der Lyrikkreis der Grenzsoldaten gegründet wurde, und ein echter Schriftsteller wie Uwe Berger dort hereingeholt wurde, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Dabei hat Philip Oltermann vier bis fünf Jahre an seinem Buch gearbeitet, hat Akten gelesen, an Türen geklopft und soweit wie möglich die Stimmung jener Jahre versucht einzufangen.

Vielschichtiger Einblick in die Kulturpolitik der DDR

Herausgekommen ist ein vielschichtiges Buch, dass auf mehreren Ebenen funktioniert: „The Stasi Poetry Circle” ist zuweilen reportagehaft wie ein Politthriller geschrieben, der Autor verwebt mehrere Deutungs- und Erzählebenen miteinander: Die Geschichte einer Gruppe von Männern, die unter den extremen Bedingungen der Arbeit für die DDR-Staatssicherheit eine eigene Kultur pflegen. Einerseits. Auf einer zweiten Ebene leuchtet er tief hinein in die politischen Zustände in der DDR.
Denn wie sich später herausstellen sollte, war das literarische Freizeitvergnügen nicht unverfänglich.  Die Teilnehmer des Dichterkreises wurden von ihrem Leiter Uwe Berger intern bewertet und auf ihre ideologische Standfestigkeit hin überprüft. Berger schrieb viele Berichte. „Ich wurde ja genötigt von meinem Führungsoffizier, irgendwelche Beurteilungen abzugeben", erzählte der 2014 verstorbene Schriftsteller Uwe Berger in einer Sendung des WDR:
„Ich würde das nicht als IM-Berichte ansehen, sondern es waren Beurteilungen in poetischer und politischer Hinsicht so wie jede Schule Beurteilungen abgibt. Allerdings werden diese Beurteilungen in einer normalen Schule den Schülern mitgeteilt. Hier nicht.“
„K. beeinflusst die Zirkelteilnehmer negativ und behindert die Ziele der Kreisleitung. Die miesen Gedichte gibt er nicht aus der Hand. Durch parteiliche Gedichte verschafft er sich Alibis.“

Die Stasi bewertete auch ihre Freizeit-Poeten

Oltermann beschreibt in seinem Buch, wie die kulturellen Freiheiten im Lauf der Jahre immer enger wurden.  Der Stasi war der Dichterkreis selbst offenbar nicht ganz geheuer, wie auch aus Akten des MfS hervorgeht. Nach Einschätzung von Uwe Berger lag das auch daran, dass die Teilnehmer alles andere als ideologisch gefestigt waren:
„Das waren nicht überzeugte DDR-Bürger oder überzeugte Kommunisten. Nein, die waren gar nicht überzeugt. Die kamen in der Regel deshalb dahin, weil sie einen Ausbildungsplatz an der Universität sicher haben wollten. Und kamen mit sehr gemischten und unterschiedlichen Gefühlen dorthin.“
Dem damals noch jungen Jürgen Polinske ging es eher um die Kunst der Dichtung, weniger um politische Inhalte. Polinske kam unbeschadet aus dem Dichterkreis heraus, zumindest hatte man ihm nicht mangelnde Treue zum Sozialismus vorgeworfen. Seine Gedichte sieht er im Rückblick als unverfänglich an:
„Kritisch in dem Sinne, regimekritisch, wie man das heute sagen würde, waren sie offensichtlich nicht. Sonst hätte ich….genau so eine Auseinandersetzung haben müssen, wie Gerd Knauer, der ebenfalls in diesem Zirkel war.  Und der einige Sachen sehr drastisch und sehr pointiert in seinen Gedichten geschrieben hat, wo andere gesagt haben: Nein, das kann man nicht, das darf man nicht.“

Abenteuerromantik bis zur Wende

Das Misstrauen und die gegenseitige Bespitzelung führten aber nicht zur Auflösung des Dichterkreises, wie man vielleicht vermuten könnte. Bis zur Wende wurde weitergedichtet und diskutiert und 1989 sogar noch ein viertes kleines Buch mit Gedichten gedruckt, wenige Wochen vor der Maueröffnung. Die Lyrik selbst ist aus heutiger Sicht weitgehend als oberflächlich zu betrachten, analysiert der Germanist Matthias Braun:
„Wir sehen einfach, dass dort total ausgeblendet werden, Widersprüche, dass man zu einem extrem pathetischen Denken neigt, dass das hymnisch ist, dass es glorreich ist, dass das verklärend ist, dass das Militärspionage, Kundschafter sein etwas ganz Tolles im Grunde genommen ist. Also es ist auch eine Abenteuerromantik, die dabei zum Tragen kommt. Und nur sehr, sehr dosiert und nur sehr wenig wird dann auch die Problematik eines Kundschafters angesprochen.“
"Vor fünf Minuten noch
war ein kleiner Junge auf der Straße
an der Hand der Mutter lernte er laufen.
Wenig später
probierte der Vierzehnjährige das Moped aus
der Vater war gerade nicht da.
Eben
Trat ein Schüler aus dem Schultor
Das Abgangszeugnis befriedigend.
Vor einer Sekunde
beendete der junge Drucker seine Nachtschicht
die Tageszeitungen mussten erscheinen.
Da steht nun
ein Soldat auf Wache.
Seine Frau erwartet zu Hause das Kind.
Vor fünf Minuten noch
war ein kleiner Junge auf der Straße
an der Hand der Mutter lernte er laufen."

Uwe Bergers Abneigung gegen Metaphern

Erstaunlich ist es, dass trotz der strengen Überwachung durch den Leiter des Kreises, Uwe Berger, so manch interessantes Gedicht zustande gekommen ist. Berger selbst wurde im Laufe der Jahre immer rigider, seine Texte und Gedichte immer systemkonformer. Bekannt war im Dichterkreis auch seine Abneigung gegen Metaphern, erzählt Philip Oltermann:
„Und er hat teilweise Gedichte geschrieben, die fast gegen Metaphern arbeiten, wo er sagt: Ich sehe ein Flugzeug am Himmel mit einem Kondensstreifen, und man erwartet, dass er das Gedicht als Symbol oder irgendeine Metapher liest für irgendeine abstrakte Idee, aber er sagt einfach: Das bedeutet nichts anderes, als: Dort ist ein Flugzeug am Himmel mit einem Kondensstreifen, und es ist der Fortschritt der Wissenschaft. Also es arbeitet eigentlich gegen diese Idee, dass Gedichte eine Tiefenbedeutung haben. Ein gutes politisches Gedicht muss so funktionieren wie ein politischer Mensch, er muss seine politischen Sympathien ganz offen darlegen, uns allen zeigen, es sollte hier nichts versteckt sein.“
Doch viele der Stasi-Lyriker hielten sich keineswegs an diese Vorgaben und ließen ihren Gedanken und ihrer Kreativität freien Lauf. Auch den Zweifel ließen sie in so manchem Gedicht durchscheinen, was bei Uwe Berger keineswegs gut ankam, sondern ihn zuweilen sogar verzweifeln ließ, wie es in den Stasi-Akten hieß.
Vom Postengang

Zwölf mal schlägt nachts die Rathausuhr
Ich zähle mühsam mit und wach halte ich mich mühsam nur
mit monotonem Schritt
und plötzlich stellt sich mir die Frage: Wie komme ich denn hierhin?
Das ist jetzt diese Waffe trage
Hat alles das denn Sinn?
Ich schaue ins ferne Lichtermeer
Tief atmend schläft die Stadt
Es ist dein Land
Hier bist Du wer hier lebst Du und wirst satt
Da wieder tönt der Glockenschlag
Ein neuer Tag bricht an
Leute, schlaft Euch aus
Weil ich Euch mag und
weil man uns vertrauen kann

Keiner der Mänenr im Dichterkreis wurde Schriftsteller oder Lyriker

Philip Oltermanns Verdienst ist es, dass er sich nicht nur mit sechs der schreibenden Stasi-Veteranen getroffen hat. Sondern auch mit solchen Schriftstellern, die unter der Stasi-Spitzelei litten. So etwa Annegret Gollin, die aufgrund eines einzigen Gedichts, das nie veröffentlicht wurde, verhaftet und zu einer 20-monatigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Die Stasi ging also durchaus ohne Gnade gegen Lyrik vor, die sie als staatsfeindlich ansah.
Doch was bleibt vom Lyrikkreis der Grenzsoldaten? Nicht viel, denn die vier kleinen Büchlein mit Gedichten, die intern verteilt wurden, sind heute nur noch antiquarisch zu bekommen. Und Oltermanns Buch erscheint, trotz seiner spannenden Geschichte, bislang nur auf Englisch und bald auch in einer italienischen Übersetzung.  Einen deutschen Verlag hat Oltermann noch nicht gefunden. Von den Männern, die sich bis zur Wende im Dichterkreis engagierten, ist keiner Schriftsteller oder Lyriker geworden. Einer von ihnen hoffte, als Krimi-Autor groß herauszukommen, als eine Art Henning Mankell Ostdeutschlands, aber daraus wurde nichts. 
Die Liebe zur Lyrik hat dennoch viele der ehemaligen Stasi-Poeten nicht verlassen, erzählt Philip Oltermann, auch Jürgen Polinske schreibt noch immer Gedichte: „Die meisten Leute, die ich getroffen habe, schreiben weiterhin Lyrik, es wird halt nur nicht irgendwo groß veröffentlicht. Das sind dann teilweise Lyrikkreise, die es immer noch gibt, und die sich informell treffen, und weiterhin Gedichte füreinander schreiben.“
Philip Oltermann: „The Stasi Poetry Circle. The Creative Writing Class that Tried to Win the Cold War.“
Faber & Faber Verlag, London 2022.
224 Seiten, ca. 15 Pfund