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StartseiteBüchermarktWer reitet so wirr durch Lug und Trug?08.11.2018

Philipp Schwenke: "Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste" Wer reitet so wirr durch Lug und Trug?

Karl May beschrieb in seinen Romanen Amerika, obwohl er nie dort gewesen war. 1899 wollte er dies ändern und sich selbst dorthin aufmachen. Philipp Schwenke erzählt in seinem aufwendig recherchierten und klug kombinierten Romandebüt "Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste", warum dann alles anders kam.

Von Samuel Hamen

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Buchcover: Philipp Schwenke: „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ und undatiertes Porträt von Karl May (Buchcover: Kiepenheuer & Witsch Verlag, Foto: picture-alliance / dpa)
Buchcover: Philipp Schwenke: „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ und undatiertes Porträt von Karl May (Buchcover: Kiepenheuer & Witsch Verlag, Foto: picture-alliance / dpa)
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Auch in "Winnetou II" muss wie wild geritten, geschossen und gerettet werden. Die Figuren, für die Karl May weltberühmt wurde, verfolgen in diesem Buch einen Schwindler, der sich als Irrenarzt ausgegeben und den Sohn eines deutschen Kaufmanns entführt hat. Dieser möchte als Tragödiendichter debütieren, verliert sich aber in der eigenen Fiktion und glaubt, der wahnsinnige Schriftsteller aus seinem Text zu sein. Ihnen hinterher reitet wiederum Old Shatterhand, die Figur, die sich May als Alter Ego erschrieben und dessen Erlebnisse er als eigene Erfahrungen ausgegeben hat.

Nochmals: Karl May lässt einen windigen Hochstapler und einen umnachteten Autor von seinem höchstpersönlichen Stellvertreter-Helden verfolgen. Wer den Autor im Werk sucht, findet ihn hier gleich dreifach codiert. Tatsächlich schreibt May hier bemerkenswert triftig über seine Position im damaligen literarischen Feld, die bestimmt war durch seine pseudo-authentischen Romane und die Angst davor, als Schriftsteller-Scharlatan aufzufliegen. In "Winnetou II" lesen wir eigentlich, wie der Hochstapler May den Autor May zur Flucht nötigt, um dem Abenteurer May zu entkommen. So schreibt dieser Schriftsteller seine Bücher.

Die erste große Reise - eine Kompensation

Diesem Irrsinn rund um Trugbilder, Paranoia und Entlarvung hat sich nun Philipp Schwenke in seinem grandiosen Romandebüt "Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste" angenommen. Eröffnet wird der Ritt durch Lug und Trug mit einer historisch belegten Episode, als Karl May 1862 wegen Uhrendiebstahl vor Gericht steht. Für den jungen Erwachsenen läuft die Verhandlung nicht gut:

"'Es dürfte klar geworden sein', schloss der Staatsanwalt sein Plädoyer, 'dass wir es mit einem zutiefst sittenlosen Individuum zu tun haben. Ein Mann, der trotz seines jungen Alters aus Gewohnheit lügt und Gesetze bricht, ein verdorbenes Gemüt, für dessen Besserung einzig eine Gefängnisstrafe in Betracht kommt'."

Oder die Schriftstellerei, ließe sich ergänzen. Der 1978 geborene Schwenke nimmt die Autoren-Vita Karl Mays zum Anlass, um von einem Leben zwischen Ambition und Fälscherpraxis, zwischen Rechtschaffenheit und Verblendung zu erzählen. 1899, zu einer Zeit, als seine Abenteuerromane längst erfolgreich sind, setzt May hoffnungsfroh zu seiner ersten großen Reise an. Von Italien aus will er nach Port Said in Ägypten übersetzen, später weiter in den Orient vordringen. Aber es ist nicht nur ein Aufbruch in die Ferne, sondern auch und vor allem eine Flucht vor den Zweiflern und Pedanten zuhause. Kritische Stimmen sind laut geworden, die Frankfurter Zeitung schreibt Kommentar um Kommentar:

"Alle Geschichten Karl Mays sind 'Ich'-Erzählungen, aber während bei Erzählungen solcher Art der Verfasser sonst mit größerer oder geringerer Bescheidenheit im Hintergrunde verblieb, finden wir hier zum ersten Mal die Erscheinung, dass der Verfasser selbst sich in der allerpersönlichsten Form  zum Helden macht. Dieser persönliche Zug in all den Geschichten ist wohl das eigentlich Wirkende, das die Leser beeinflusst. Wir halten also die ganze Karl-May-Literatur für keine erfreuliche Kulturerscheinung. Auf die Gefahr hin, die zahlreichen Anhänger des Autors aufs Schmerzlichste zu verletzen, geben wir schließlich noch der Meinung Ausdruck, dass Karl May die fremden Länder, die er so anschaulich schildert, mit keinem Fuß betreten hat."

Auf einem Suq in Kairo lernt May den preußischen Adligen Wilhelm von Hoven kennen, der ihn dazu überredet, mit ihm nach Sri Lanka überzusetzen und ihn bei einem halbseidenen Geschäft zu unterstützen. Endlich bietet sich May ein tatsächliches Abenteuer, um der zu werden, der er laut seiner Bücher schon längst ist. Im Folgenden wird May von Schwenke als tollpatschiger Touri-Trottel portraitiert, dem nichts so recht gelingt. Würde er heute leben und reisen, er säße an Bord eines AIDA-Kreuzfahrtschiffes und trüge weiße Tennissocken und Sandalen. Tatsächlich macht sich Schwenke einen Spaß daraus, Mays behauptete Dauer-Souveränität mit Dauer-Peinlichkeiten zu kontern: Seine Figur rülpst in der Moschee, redet lächerliches Denglisch, verläuft sich im Dschungel auf Sri Lanka und gibt die abgeschnittene Mähne eines Pferdes als das Haar von Winnetou aus. Oder er versucht, seine so gerühmten wie inexistenten Boxkünste unter Beweis zu stellen:

"Karls Faust traf von Hovens Schläfe sauber, wenn auch leicht von unten, und produzierte einen dumpfen, aber gar nicht einmal lauten Klaps. Hoven taumelte. Mit der Hand hielt er sich die getroffene Schläfe, kniff einen Moment lang die Augen zu und keuchte - blieb jedoch bei Bewusstsein. Karl konnte nur die wenigen Sekunden nutzen, in denen von Hoven nicht hinsah, um kurz und panisch seine Hand in die andere zu pressen. Es war ihm, als stäche ein glühender Nagel vom Mittelfinger bis in den Unterarm. Kaum blickte von Hoven wieder auf, ließ Karl die Hände sinken und bemühte sich, den Eindruck vollkommener Unversehrtheit zu machen. 'Donnerwetter', sagte von Hoven."

Diese Verwicklung von Slapstick und Ehrgeiz garantiert eine an Charlie Chaplin erinnernde szenische Leichtigkeit, die einen munter durch die sechshundert Seiten trägt. Als zweite Figur neben von Hoven dynamisiert der Investigativ-Journalist Georg Scharffenstein das Geschehen. Er folgt May auf Schritt und Tritt, um ihn als Hochstapler zu überführen.

Eine manipulative ménage à trois

Zu diesem ersten Schlamassel gesellt sich indes ein zweites: Die Ehe zwischen Karl und Emma steht auf Messers Schneide. Das Paar muss eine Beziehung unter dem Druck von Ruhm, Geld und Lüge führen und droht, daran zu zerbrechen. Vervollständigt wird die ménage à trois durch Klara, die Frau von Richard. Beide sind Freunde des Paares und wohnen im sächsischen Radebeul, ganz in der Nähe der Villa Shatterhand, wie May sein Domizil irrsinnigerweise getauft hat. Klara nimmt im Laufe der Geschichte eine Zwitterrolle zwischen Trösterin, Vermittlerin und Verführerin ein; besonders nachdem Richard gestorben ist, treibt sie einen Keil zwischen Karl und Emma. Es muss Schwenke hoch angerechnet werden, dass ihm diese Theodor Fontane-haften Passagen rund um Liebesbekundungen und Eifersüchteleien nicht ins Trübe und Seifige abschmieren. Stattdessen zeigen sich auch in dieser Dreierkonstellation, in der es um abgezweigtes Geld und ungesunde eheliche Pädagogik geht, die vielen Fratzen von Intrige und Manipulation.

"Natürlich, hatte Klara in ihrer leeren Villa überlegt, stünde vor einer Heirat mit Karl eine Scheidung. Es wäre eine hohe Hürde, aber über die, dachte sie, würde man ihn vielleicht bugsiert bekommen. Also begann sie, Wasser in jeden Riss zu füllen, den die May’sche Ehe hatte. Dann wartete sie, bis der Frost kam."

Um das Phänomen May zugänglich und verständlich zu machen, wählt Schwenke den Weg der Pathologisierung. Seine May-Figur wird zur labilen Seele, zum schizophrenen Stimmenhörer, der - bedrängt und gebeutelt von der Welt - dazu ansetzt, sich mit Lügen und Schwindel zu wehren:

"'Es dauerte nicht lang, da tauchten Vorwürfe in mir auf, aber keine Vorwürfe, die nur Gedanken sind. Ich sah sie in mir kommen, und ich hörte, was sie sagten - jedes Wort, ja wirklich, jedes Wort! Wieder waren es Gestalten, wirkliche Wesen, und ihre Stimmen vernahm ich so deutlich, als ob sie vor mir stünden. Und sie blieben. Ich vernahm unausgesetzt den inneren Befehl, an der menschlichen Gesellschaft Rache zu nehmen - und zwar dadurch, dass ich mich an ihren Gesetzen vergriff'."

Problematisch ist dabei weniger das voyeuristische als vielmehr das diagnostische Moment: Woher soll Schwenke das alles wissen? Der Autor ist kein Arzt, seine Figur kein Patient. Wenn man diesem sprachlich austarierten, auch architektonisch raffinierten Roman etwas vorwerfen muss, dann dessen Psycho-Erklärwut bezüglich Mays Verhalten. In zahlreichen Szenen greift der immer gleiche Mechanismus: Dort, wo historische Auskünfte fehlen, werden fiktive Scharniere eingesetzt, um eine kohärente Apparatur zusammenzufügen, etwa wie May - das haben wir gerade gehört - sich seinem Freund Richard offenbart und sein Seelenleben minutiös darlegt.

May – ein populäres Gesamtkunstwerk

Natürlich stellt einem die schriftstellerische Lizenz alle möglichen Freiheiten aus. Letztlich aber erliegt Schwenke demselben Trugschluss wie seine Autorenfigur: Durch die Verschaltung von Lebens- und Fiktionspraxis wird alles triftig, möglich, wahr. Wenn es keine Belege für seinen Entwurf gibt, erfindet der Autor halt welche. So wie May sich ein falsches Leben erschrieben hat, so dichtet auch Schwenke ihm ein falsches an, ohne dieses Verfahren kritisch zu kommentieren.

Das Reflexionsangebot bezüglich Fake News und alternativen Fakten, mit dem der Verlag verständlicherweise wirbt, hält sich dementsprechend in Grenzen; dafür setzt Schwenkes Roman auch zu sehr auf den ab und zu plakativen Unterhaltungswert der May’schen Vita. Wer also biografische Wahrheit beziehungsweise avancierte Fiktionstheorie hinter all dem Flimmern sucht, wird nicht fündig werden.

Aber, und das wäre die An- und Abschlussfrage: Ist das überhaupt nötig? Liegt der Reiz dieser literaturgeschichtlich einmaligen Autor-Inszenierung nicht darin, wie sich alles zu einem populären Gesamtkunstwerk verschaltet? Die Sehnsüchte der Leserschaft, der Fiktionsfuror eines Autors und die imaginativen Ebenen der Literatur fallen in eins. Hieraus entsteht die Magie eines bizarren Kunstlebens, die Philipp Schwenke in seinem aufwendig recherchierten, rasant montierten und klug kombinierenden Roman einzufangen und weiterzuspinnen weiß.

Philipp Schwenke: "Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste"
Kiepenheuer & Witsch, Köln. 608 Seiten, 23 Euro.

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