Sonntag, 05.07.2020
 
Seit 09:30 Uhr Essay und Diskurs
StartseiteKulturfragen"Permanente Erreichbarkeit kann so etwas wie Psychoterror sein"02.02.2020

Philosoph Christoph Türcke"Permanente Erreichbarkeit kann so etwas wie Psychoterror sein"

Alle benutzen es, immer, in der U-Bahn, im Café, am Küchentisch: das Smartphone. Ein "Spiel mit dem Feuer", sagte der Philosoph Christoph Türcke im Dlf zu den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung. Deren ungeheure Dynamik müsse gezähmt werden - bei Kindern durch radikale Dosierung.

Christoph Türcke im Gespräch mit Karin Fischer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Paar sitzt auf dem Sofa, beide sind mit ihrem Smartphone beschäftigt. Dazwischen sitzt ein kleines Mädchen. (imago images / Panthermedia / Andrey Popov)
Eltern am Smartphone: Vorbildliches Verhalten sieht anders aus (imago images / Panthermedia / Andrey Popov)
Mehr zum Thema

Warum Smartphone-Zombies nerven Kriegt ihr eigentlich noch was mit?

Bitkom-Studie Jugendliche Ein Leben ohne Smartphone ist kaum vorstellbar

Smartphone-Porträts Wie Selfies unseren Gesichtsausdruck bestimmen

Smartphone und Sprache "Wir kontrollieren viel weniger, was wir schreiben"

Die Folgen der Digitalisierung sind unübersehbar: Die Arbeitswelt verändert sich, die Beziehungen auch. Wir kommunizieren digital, produzieren global und denken mit der Hosentasche. Das Smartphone ist unsere Nabelschnur zur Welt. Aber auch ein Medium, das die Vereinzelung des Menschen vorantreibt. Das Smartphone produziere "Suchtverhältnisse", sagt Christoph Türcke, Professor emeritus für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.

Heutzutage sei kaum jemand noch in der Lage, es aus der Hand zu legen. Wer es doch tut, kriegt womöglich Schweißausbrüche oder Herzrasen. "Alles das", so Türcke, "was Sie auch kriegen würden, wenn zum Beispiel mal für einige Stunden Google sämtliche seiner Dienste einstellen würde. Und diese Reaktionen sind ganz typische Entzugserscheinungen."

Die Schulklasse als WhatsApp-Gruppe

Pädagogen berichteten, so Türcke, dass in vielen Klassen sämtliche Schülerinnen und Schüler ständig an ihrem Smartphone hängen, weil die Klasse durch eine WhatsApp-Gruppe definiert sei. "Und wer zum Beispiel abends nach acht Uhr nicht mehr zu erreichen ist, der wird am nächsten Tag gefoppt und gemobbt, weil er ja ein kleiner Bubi oder ein kleines Mädi ist, das schon so früh ins Bett gehen muss."

Eine Frau liegt auf einer Steinbank und schaut dabei auf ihr Telefon (dpa/Lukas Schulze) (dpa/Lukas Schulze)Sarah Diefenbach vs. Volker Busch - Digital Detox – ist Smartphone-Fasten sinnvoll? Ein Leben ohne Smartphone ist für viele unvorstellbar. Ständig tippen oder wischen wir auf dem Handy herum und bemerken kaum, wie sich unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit verändert.

Auch für Erwachsene sei das Smartphone eine ambivalente Angelegenheit. Natürlich stelle es Beziehungen her. Doch das Medium, das aus der Islation heraus führe, führe auch in die Isolation hinein.

"Da erleben wir gelegentlich ganz absurde Dinge, nämlich die Familie, deren Mitglieder am Esstisch sitzen, und jeder schaut auf sein Gerät und stellt Beziehungen her, nur nicht mit den Familienmitgliedern, die da sitzen. Und auf der anderen Seite ist das Herstellen von Beziehungen auch eine Form, Kontrolle auszuüben, Menschen permanent erreichbar zu machen. Und permanente Erreichbarkeit kann so etwas sein wie Psychoterror."

Ungeheure Dynamik erfordert radikale Dosierung

Den gesellschaftlichen Umgang mit dieser "ungeheuren Dynamik" nennt Christoph Türcke ein "Spiel mit dem Feuer": "Feuer ist einerseits, wie wir wissen, eine große kulturelle Errungenschaft gewesen. Feuer machen können, gehört zu den kulturellen Anfängen der Menschheit.

Auf der anderen Seite ist ganz offensichtlich, wie hoch gefährlich Feuer ist. Wenn wir die Analogie des Feuers nehmen, dann liegt man einigermaßen richtig." Türcke fordert eine radikale Dosierung und Einschränkung der Nutzung von Smartphones gerade bei Kindern. Erst müssten die psychischen Grundlagen da sein, um mit einem solchen Medium umzugehen. Kinder bräuchten "rituelle Strukturen, die einem Schulalltag zum Beispiel ein klares Format und eine klare Orientierung geben.

Wenn zum Beispiel Grundschullehrer erstmal ein, zwei Monate nichts anderes machen als ganz geduldig mit den Kindern Regeln und Gewohnheiten einüben, wie die gemeinsame Zeit, der gemeinsame Alltag ablaufen soll, dann holen die das stofflich nachher erfahrungsgemäß bequem wieder ein." Statt Mediennutzung in der Grundschule sollte "die Wiederholung zu einem entscheidenden Erziehungs- und Bildungsfaktor gemacht werden."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk