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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDie Ordnung der Zeit09.12.2018

PhysikDie Ordnung der Zeit

Zeit ist relativ – das ist seit Einsteins Relativitätstheorie bekannt. Doch der italienische Physiker Carlo Rovelli geht noch weiter. Er ist überzeugt: Die Zeit ist überhaupt keine reale Größe, sondern existiert allein in unseren Köpfen. Ein verrückter, aber zugleich befreiender Gedanke.

Von Michael Lange

Cover von Carlo Rovelli: "Die Ordnung der Zeit"; im Hintergrund ist eine Frau im Bett zu sehen, die einen Wecker ausschaltet (Rowohlt / dpa / Collage: DLF Kultur)
Der Lauf der Zeit - ein Konstrukt menschlicher Phantasie? In seinem neuen Sachbuch untermauert Carlo Rovelli diese Hypothese. (Rowohlt / dpa / Collage: DLF Kultur)
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Carlo Rovelli: "Die Ordnung der Zeit" Zeit wird in Gefühlen gemessen

Sachbuch Ordnung der Zeit

Jegliches hat seine Zeit, und eine Welt ohne Zeit ist für uns Menschen schlichtweg nicht vorstellbar. Aber genau das verlangt der Physiker Carlo Rovelli von seinen Lesern. In seinem ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Buch verbindet er Physik mit Philosophie und zerstört mal eben die Ordnung der Zeit, an die wir uns so sehr gewöhnt haben.

Gegenwart verschwindet aus der Physik

Seit Einsteins Relativitätstheorie ist den Physikern klar, dass Zeit keine absolute Größe ist. Sie ist relativ und hängt davon ab, wie schnell wir uns durch den Raum bewegen. Und der Raum ist natürlich auch keine Konstante. Er dehnt sich, krümmt sich oder zieht sich zusammen. Für unsere Alltagslogik ist das schwer zu fassen. Aber Carlo Rovelli verlangt noch etwas mehr. Auch die Gegenwart verschwindet aus der Physik und mit ihr die klare Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft. Für unsere Vorfahren war die Erkenntnis, auf einer riesigen, sich drehenden Erdkugel durch das Universum zu rasen ebenso "weltfremd" wie für uns eine Welt, in der die Gegenwart nicht existiert. Orientiert sich doch unser ganzes Leben wie die Grammatik aller Sprachen an der Trennung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Zeit als Konstrukt unserer Wahrnehmung

Natürlich will uns Rovelli die Zeit nicht völlig wegnehmen. Sie bleibt als Konstrukt unserer Wahrnehmung. Wir ordnen den Ablauf von Bewegungen. Das gilt für unsere Alltagswelt ebenso wie für die Welt der Quanten. Zeit bleibt der Physik erhalten als eine Manifestation der ständigen Zunahme an Entropie, die auch als zunehmende Unordnung bezeichnet werden kann. Rovelli legt nahe, nicht die Energieflüsse zu betrachten, um physikalische Abläufe zu verstehen, sondern vielmehr die Entropie (Unordnung). Die Sonne ist schließlich keine Energiequelle, wie oft behauptet wird - die Menge der Energie bleibt stets gleich – sie ist vielmehr eine Quelle niedriger Entropie.

Die neue Welt der Physik akzeptieren

Der theoretische Physiker Carlo Rovelli gibt sich alle Mühe, dass wir die neue Welt der Physik akzeptieren, so wie unsere Ahnen akzeptiert haben, dass die Erde um die Sonne kreist, obwohl ihre Intuition dieser Sichtweise widersprach. Er verbindet Alltagserlebnisse mit theoretischer Physik und Philosophiegeschichte. Dabei erweist er sich als talentierter Erzähler und kommt fast ohne Formeln aus. Auch wenn man nicht alles versteht, was er erzählt, überwiegt auch für physikalische Laien der befriedigende Eindruck, etwas gelernt zu haben.

Carlo Rovelli: Die Ordnung der Zeit      
Aus dem Italienischen von Enrico Heinemann   
Rowohlt 2018. 192 Seiten, 20 Euro

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