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Pilzbefall bei Weinreben Ein unverhofftes Gegenmittel

Im Weinbau geht eine Pilzerkrankung um, die als "Esca" eigentlich schon länger bekannt ist, aber sich jetzt auch in Deutschland stärker ausbreitet und große Schäden anrichtet. Bisher gab es kein Gegenmittel, doch das haben Forscher nun offenbar gefunden - interessanterweise in den Weinreben selbst.

Von Volker Mrasek | 20.04.2015

Trauben der Sorte Müller-Thurgau hängen im Weinberg in Hohberg-Diersburg (Baden-Württemberg) vor Beginn der Weinlese am Rebstock.
Neuerdings verbreitet sich Esca auch in deutschen Weinbergen. (picture alliance / Patrick Seeger)
"Wir haben jetzt ein Stück mal vor uns liegen. Einen kranken Rebstock, der durch verschiedene Holzpilze abgestorben ist."
Der Biologe Andreas Kortekamp leitet die Abteilung für Rebkrankheiten im DLR Rheinpfalz, der früheren Staatlichen Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Neustadt an der Weinstraße.
"Dieser Rebstock ist richtig aufgerissen. Und man hat im Inneren eine typische Vermorschung. Man kann das Holz mit den Fingerspitzen einfach herauskratzen. Das heißt, dass das meiste Holz abgebaut ist. Das führt dann letztendlich auch dazu, dass sowohl der Wasserfluss als auch der Nährstofffluss unterbrochen ist und die Rebe abstirbt."
Der Demo-Stamm zeigt die typischen Spuren von Esca, einer gefürchteten Pilzkrankheit bei Weinreben. Im Mittelmeerraum ist sie schon lange bekannt. Doch neuerdings verbreitet sich Esca auch in deutschen Weinbergen, und das in besorgniserregender Weise, wie Pilzexperte Kortekamp sagt:
"Wir beobachten in den letzten Jahren eine stetige Zunahme dieser Erkrankung, was bedeutet, dass in jedem Jahr ungefähr ein Prozent der Reben verstärkt betroffen ist und diese Reben dann absterben. Und wir vermuten, dass auch durch eine klimatische Veränderung, durch höhere Temperaturen, durch eine veränderte Regenverteilung bessere Überlebensbedingungen für diese Pilze eingetreten sind."
Die Erreger sind von Natur aus in der Umwelt verbreitet. In die Reben gelangen sie durch offene Wunden an Stämmen und Ästen. Die entstehen, wenn Winzer ihre rankenden Weinpflanzen alljährlich zurückschneiden. Je älter ein Rebstock, desto mehr Wunden trägt er. Und desto größer ist das Risiko für die Infektion mit Esca.
"Es sind vier, fünf Pilze, die an der Krankheit beteiligt sind, die sich in ihren Schadwirkungen ergänzen können. Man diskutiert zurzeit darüber, dass da möglicherweise auch eine zeitliche Abfolge ist, sodass ein Pilz möglicherweise die Rebe schon schwächt und sie anfälliger macht für einen zweiten Schädling."
Derselbe Flur, nur zwei Türen weiter. Ein Labor mit Luftabzug.
"Hier in dem Raum hinter uns befinden sich die Sterilbänke, an denen wir das Holz aufarbeiten und die Pilze herausisolieren."
Auf dem Labortisch der Biologin Martina Haustein türmen sich Petrischalen mit Pilzkulturen in allen möglichen Farben.
"Spezielle Pilze wie hier zum Beispiel der Mittelmeer-Feuerschwamm, der direkt mit Esca assoziiert ist. So ein bisschen wie so ein gelblich-flauschiges Schwämmchen. Das riecht auch alles sehr intensiv nach Pilz. Riechen Sie das?"
Hemmstoffe hindern Pilze am Wachstum
In dem Labor gedeihen aber nicht nur Esca-Erreger. Die Forscher züchten hier auch andere Pilze. Und zwar solche, mit denen sich die Reb-Schädlinge offenbar wirkungsvoll bekämpfen lassen. Es sind Schimmelpilze aus der Gattung Trichoderma.
"Es gibt da relativ viele verschiedene Arten. Und manche haben hohes Potenzial, eben tatsächlich zu schützen vor den Schaderregern."
Laut Andreas Kortekamp gibt es bisher keine Fungizide oder anderen Mittel gegen die Esca-Krankheit der Rebe. Mit den Trichodermen könnten jetzt aber geeignete biologische Gegenspieler der gefürchteten Holzzersetzer gefunden sein. Diese Schimmelpilze besiedeln frische Rebwunden sehr zügig, ohne den Reben zu schaden. Außerdem setzen sie Hemmstoffe frei, die andere Pilze am Wachstum hindern. Das Verblüffende daran: Trichodermen kommen sowieso in Weinbergen und Reben vor, ...
"... sodass wir keine nicht-natürlichen Pilze auf die Weinrebe bringen, sondern wir natürlich vorkommende Pilze aus der Weinrebe isoliert haben. Dass wir sie vermehren können und dass wir sie zum Wundschutz bei der Weinrebe wieder einsetzen können."
Die Pflanzen verfügen also im Grunde schon über die richtige Medizin gegen Esca. Man muss sie nur höher dosieren. Die Neustädter Forscher haben das getan - inzwischen auch draußen im Weinberg. Mit dem Ergebnis, "dass bis zu 80 Prozent der Infektionen verhindert werden können. Wir haben hier in Kooperation mit verschiedenen Firmen verschiedene Produkte in der Entwicklung, sodass wir hoffen, in den kommenden Jahren mehrere Produkte dem Winzer anbieten zu können für einen Wundschutz nach dem Rebschnitt."
Schon in ein, zwei Jahren, so kann es sich Andreas Kortekamp vorstellen, hätte die Esca-Krankheit der Reben dann ihren Schrecken für Winzer verloren.