Sonntag, 05. Dezember 2021

PIMSWenn Kinder nach Corona erneut schwer erkranken

Kindern macht Covid-19 nicht viel aus, so dachte man lange. Doch das ist ein Irrtum. Kinder können sich mit SARS-CoV-2 anstecken. Corona kann in seltenen Fällen bei Kindern zu schweren Problemen führen. Ärzte sprechen vom Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS).

Von Volkart Wildermuth | 24.03.2021

Ein Kind trägt eine Schutzmaske und läuft zwischen Erwachsenen
Eins von 1.000 Kindern erkrankt nach einer Covid-Infektion am PIM-Syndrom (Symbolbild) [*] (IMAGO / UPI Photo)

Was beobachten die Eltern und Ärzte bei PIMS?

Es gibt mehrere Phasen. Am Anfang steht die akute Ansteckung, die überstehen die meisten Kindern ohne oder nur mit milden Symptomen. Und wenn alle denken, das war es, dann kommt sehr selten das dicke Ende hinterher. Eines von 1.000 Kindern wird vier bis sechs Wochen nach der Infektion plötzlich wieder krank, schwer krank.
Hohes Fieber, Schwäche, Probleme am Herzen, im Darm, rote Haut, Lunge, Blutgerinnung, es gibt ein ganzes Bündel an Symptomen. Die Ärzte sprechen deshalb vom Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome, also ein Multiorgan-Entzündungssyndrom bei Kindern, kurz PIMS. In den USA wird es auch MIS-C genannt Multiystem Inflammatory Syndrome in Children. Also ein dramatischer Verlauf, der plötzlich eintritt, sich meist aber auch innerhalb von einer Woche, zehn Tagen wieder beruhigt. Allerdings muss gut die Hälfte der PIMS-Patienten zeitweise auf der Intensivstation behandelt werden.

Wie sieht aktuell die Situation in Deutschland aus?

Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie hat 245 Kinder mit PIMS registriert, sieben haben Folgeschäden behalten, vor allem am Herzen. In der ersten Welle gab es kaum Fälle, vielleicht war da die Diagnose noch nicht so bekannt. Aber wahrscheinlich hängt es damit zusammen, dass damals ja die Schulen schnell geschlossen wurden und sich gar nicht so viele Kinder überhaupt mit SARS-CoV-2 angesteckt haben. Das war in der zweiten Welle anders. Und auch aktuell steigen die Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen, schneller, als in anderen Altersgruppen. Die haben sich in den vergangenen vier Wochen verdoppelt. Das bedeutet leider auch, dass einige dieser Kinder und Jugendlichen demnächst PIMS entwickeln werden. Das Risiko ist am höchsten bei den Vier- bis Sechs- und ganz besonders bei den Sieben- bis Zehnjährigen. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen.

Ist denn überhaupt klar, was bei PIMS im Körper passiert?

Vieles ist noch unklar. Zuerst dachten die Ärzte, sie hätten es mit dem Kawasaki-Syndrom zu tun. Das ist eine schwere Entzündung der Blutgefäße, geht auch mit Fieber einher. Aber das trifft meist Kleinkinder. Die PIMS-Patienten sind dagegen meist eher um die zehn Jahre alt. Es gibt inzwischen mehrere Studien, die die Immunreaktion bei PIMS verglichen haben mit Covid-19, mit Kawasaki und noch anderen Krankheiten. Dabei zeigt sich: Das Immunsystem ist deutlich überaktiv. Hier setzten auch die Behandlungsstrategien an, die Ärzte geben Kortison um das Abwehrsystem zu beruhigen.
Interaktive Karte mit COVID-19-Statistiken vom Zentrum für Systemwissenschaft und Systemtechnik der Johns Hopkins University in Baltimore
Was die Neuinfektionen für die kommenden Wochen bedeuten 
Eine Epidemie bedeutet ständige Veränderung. Die Situation ist im Fluss, doch wohin? Zahlen bieten Orientierung, aber sie verwirren auch. Ein Wert alleine wird der Dynamik nicht gerecht. Ein Überblick über Zahlen und Trends.
Das ist das allgemeine Bild, aber es gibt auch eine ganze Reihe von Besonderheiten, wie genau das Immunsystem bei PIMS aus dem Ruder läuft. Forscher aus Philadelphia haben entdeckt, dass insbesondere Immunzellen aktiviert sind, die in den Blutgefäßen patrouillieren. Sie sind für die Bekämpfung von Viren wichtig, deshalb sollen sie angeregt werden. Aber bei den PIMS-Patienten sind häufig auch nach Wochen immer noch sehr geringe Virusspuren mit der PCR nachzuweisen. Es scheint eine Minimalinfektion weiterzulaufen, auf die diese speziellen Abwehrzellen reagieren.
Auf Dauer können sie das Herz-Kreislaufsystem schädigen, das ist aus anderen Zusammenhängen her bekannt. Das könnte also ein häufiges PIMS-Symptom erklären. Eine Forscher-Gruppe aus Schweden hat außerdem bei PIMS-Patienten Autoantikörper gefunden, die den eigenen Körper angreifen. Diese fehlgeleitete Abwehrreaktion könnte auch eine Rolle spielen. Also vieles ist nach wie vor unklar bei PIMS, aber die gute Nachricht ist, dass die Mediziner inzwischen wissen was zu tun ist und über sehr effektive Behandlungsmöglichkeiten verfügen.

Könnten Impfungen auch für Kinder ein Ausweg sein?

In jedem Fall. Aktuell laufen mehrere klinische Studien zur Impfung von Kindern zwischen sechs und 17 Jahren. Im Herbst sollen Ergebnisse vorliegen. Pfizer geht davon aus, dass dann Jugendliche geimpft werden können, Kinder eher ab dem Jahresende. Ähnliche Zeiträume sind für die anderen Impfstoffe realistisch.

[*] Anmerkung der Redaktion: In der Bildunterschrift und dem Titel des Beitrags wurde ein fachlicher Fehler korrigiert.