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StartseiteSonntagsspaziergangBescheidene Gelassenheit29.10.2017

Pinsk in WeißrusslandBescheidene Gelassenheit

Weißrussland hat das Image einer düsteren, rückwärtsgewandten Diktatur. Das Land zwischen der Ukraine, Litauen, Russland und Polen ist aber keineswegs zurückgeblieben oder unansehnlich, sondern zeichnet sich durch eine eindrucksvolle, weite Landschaft, saubere Städte und freundliche Menschen aus.

Von Stefan May

Kathedrale der Himmelfahrt Marian in Pinsk, Weißrussland (Viktor Drachev/TASS/dpa)
Vielleicht liegt der Reiz von Pinsk und der des ganzen Landes auch daran, dass sich kaum Touristen hierher verirren. Die Kathedrale der Himmelfahrt Marias in Pinsk, Weißrussland (Viktor Drachev/TASS/dpa)
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Sonntag in der beschaulichen Kleinstadt Pinsk. Sie liegt im Bezirk Brest, der Grenzstadt zu Polen. Auf dem Zentralmarkt wird eifrig verkauft und gekauft: Kleidung, Küchengeräte, Artikel für den täglichen Bedarf. Am Eingang zum Marktgelände sitzen Bauern der Umgebung auf Obstkisten nebeneinander an der Straße. Sie haben vor sich ihr bescheidenes Sortiment aufgetürmt: Honig, Tomaten, Paprika und Pfifferlinge bieten sie an. Auch wenn das Gemüse verlockend aussieht, ist Vorsicht geboten. Belarus war 1986 die von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl am Stärksten betroffene Sowjetrepublik, und noch heute gibt der Staat Strahlenwerte für bestimmte Gegenden bekannt, damit die Menschen wissen, welche Lebensmittel sie unbedenklich verzehren können.

Nachwehen von Tschernobyl

Im Süden begrenzt der Fluss Pina die Stadt, grenzt sie ab gegen die am anderen Ufer beginnende Sumpflandschaft der Region Polesien. Sie reicht bis in die Ukraine. In Pinsk mündet die Pina in den Prypjat. Er ist nach einer Stadt flussabwärts benannt. Gleich hinter der Grenze liegt sie, in der Ukraine. Prypiat ist seit dem Reaktorunglück eine Geisterstadt. Doch in Pinsk ist die Katastrophe vor mehr als drei Jahrzehnten heute nicht mehr präsent. Es gibt sogar einen kleinen Badestrand an der Pina. Und am Wochenende kreuzt ein Ausflugschiff über den Fluss vor der Stadt. Ein beliebtes Sonntagsvergnügen für die Pinsker Familien.

Leer stehendes Hochhaus und christliches Kreuz in der Geisterstadt Pripjat (picture alliance / MAXPPP / Thierry Gachon)In Pinsk ist die Tschernobyl-Katastrophe heute nicht mehr präsent. Aber die Stadt Prypiat direkt hinter der Grenze zur Ukraine ist seit dem Reaktorunglück eine Geisterstadt (picture alliance / MAXPPP / Thierry Gachon)

Vom Wasser aus sieht die Kaistraße aus wie eine Allee an einem französischen Kanal. Hinter ihren hohen Bäumen ragt der barocke Kirchturm der katholischen Himmelfahrtskathedrale aus dem Grün. Sie ist heute das Zentrum des alten Pinsk und der Zwiebelturm Wahrzeichen der Stadt. Über den großen kahlen Hauptplatz, ein paar Schritte weiter, schreibt der in Pinsk geborene polnische Reiseschriftsteller Ryszard Kapuscinski in seinem Buch "Imperium".

"An diesem Platz steht auch eine große, wirklich sehr große Kirche, die größte in der ganzen Stadt. Man muss den Kopf schon tief in den Nacken legen, um zu sehen, wo die Kirche endet und wo der Himmel beginnt. Und genau auf diese Stelle dort oben zielt die Kanone. Sie schießen auf den Turm, um ihn zu zerstören."

Die polnische Epoche von Pinsk

Kapuscinski beschreibt seine Kindheit in Pinsk 1939, als die Rote Armee das bis dahin zu Polen gehörende westliche Weißrussland besetzte. An seinem Elternhaus, einem niedrigen Gebäude in der Nähe der schnurgeraden Bahnlinie durch Pinsk, hängt heute eine zweisprachige Gedenktafel. Eine der wenigen Spuren in der 140.000 Einwohner zählenden Stadt, die auf ihre polnische Periode hinweist.

"In der Klasse erklären wir uns das so: Als die Bolschewiken anmarschiert sind, haben sie, ehe sie noch Polen und unsere Stadt sahen, schon den Turm der Kirche von Pinsk erblickt. So hoch ist er. Das hat sie offenbar in Wut versetzt. Da die ganze Artillerie an der Front ist, haben sie nur diese eine Kanone. Und mit der schießen sie blind drauflos. Wenn sie treffen, steigt vom Turm eine dunkle Rauchwolke auf, manchmal sind auch Flammenzungen zu sehen. In den tiefen Hauseinfahrten um den Platz herum verbergen sich Menschen, die dieses Bombardement verdrossen, aber gleichzeitig auch neugierig beobachten."

Heute ist der große Hauptplatz eine weite Leerstelle. Die mächtige Kirche und ihren Turm gibt es nicht mehr. Ihre Ruinen wurden von den Sowjets beseitigt. An der einen Längsseite des Platzes erhebt sich der Kulturpalast. Jeden Donnerstagabend spielt in der schönen Jahreszeit davor die Musik zum Tanz auf. Gegenüber ragt eine riesige Leninstatue empor und scheint mit wehendem Mantel auf den Platz stürmen zu wollen. Lenin-Monumente gibt es noch in fast jedem Ort von Belarus. Auch den Geheimdienst KGB. Hätte der Kommunismus einst überlebt und sich modernisiert, er würde heute wohl so wie in Belarus aussehen. Denn Belarus hat dem Kommunismus eigentlich nicht abgeschworen. Auf ein überhitztes wirtschaftsliberales Zwischenspiel nach dem Fall der Sowjetunion folgte Alexander Lukaschenko und riss das Ruder wieder herum.

Alles wirkt extrem sauber und gepflegt

Doch es gibt große Unterschiede zum Klischee eines kommunistischen Staates von damals: In Belarus steht kein Laternenpfahl schief, die Eisenbahn fährt pünktlich, in den Geschäften gibt es alles zu kaufen, die Straßen haben keine Schlaglöcher. Minsk, die Hauptstadt von Belarus, ist mit keiner anderen Metropole des ehemaligen Ostblocks zu vergleichen. Vielmehr ähnelt sie einer skandinavischen Stadt. Alles wirkt extrem sauber und gepflegt. Allgemein werden die Weißrussen als die Preußen des Ostens bezeichnet.

Kirche des Heiligen Theodor von Amasea (picture alliance / dpa / RIA Nowosti / Andrei Aleksandrov)In Belarus steht kein Laternenpfahl schief, die Eisenbahn fährt pünktlich, in den Geschäften gibt es alles zu kaufen, die Straßen haben keine Schlaglöcher. Im Bild: Die Kirche des Heiligen Theodor von Amasea (picture alliance / dpa / RIA Nowosti / Andrei Aleksandrov)

Regelmäßig lässt sich Alexander Lukaschenko erneut zum Präsidenten wählen. Da die Menschen in Belarus die Wahlen als Farce empfinden, werden sie in alter sowjetischer Tradition am Wahltag mit Volksfesten, Märkten und anderen Attraktionen zur Urne gelockt. Auch die Musikschule von Pinsk wird zum Wahllokal. Dort geben dann die Schüler Kostproben ihres Könnens.

Das kleine Pinsk könnte eine von vielen Städten im Westen sein. Vielleicht liegt ihr Reiz und der des ganzen Landes auch daran, dass sich kaum Touristen hierher verirren. Elzbieta Ciesielska aus Polen hat sich einige Wochen beruflich in Pinsk aufgehalten und festgestellt, dass ihr vieles von daheim vertraut ist. Dabei spricht man in Polen kaum vom großen Nachbarn, immerhin Europas größtem Binnenland.

"Wir haben keine Ahnung, wie es wirklich aussieht," sagt sie. "Ich habe befürchtet, dass ich keinen Zugang zum Internet haben werde, um mit meiner Familie in Kontakt zu kommen. Mein Eindruck war, dass es ein sehr schlecht entwickeltes Land mit nicht sehr netten Leuten ist, vielleicht schmutzig. Ich hatte überhaupt keine Vorstellung darüber. Deshalb war es sehr schön, es auf eine sehr positive Weise zu erleben."

Weder Europäer, noch Russen

Und doch ist es hier ein wenig anders. Die Weißrussen fühlen sich nicht als Europäer. Auch nicht als Russen. Seit der Annexion der Krim schon gar nicht. Der Umgang Russlands mit der Ukraine hat den Weißrussen einen großen Schrecken eingejagt. Eifrig versucht man nun die eigene Sprache, das Weißrussische, zu kultivieren, um möglichst eigenständig zu erscheinen. Es kursiert sogar der Aufruf: Lernt Weißrussisch, bevor euch die russischen Panzer befreien kommen. Die Belarussen lieben ihre Heimat wie der aus Pinsk stammende Kulturschaffende Igor Kryvalap kurz und bündig bestätigt.

"Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht, für mich ist es ein gemütliches Heim," sagt er. 

Und seine Frau Valentina Martynovich ergänzt, dass die Stadt Pinsk schon 1097 erwähnt wurde und somit sehr alt sei. Dass sie heute wie eine europäische Stadt wirke, aber mit einigen Besonderheiten, die Europäisches mit sehr Belarussischem kombiniere.

Bisweilen mutet manches in aller Vertrautheit fremd, sogar etwas eigentümlich an. Etwa, wenn an einem Sonntagmittag eine orthodoxe Prozession fast im Eilschritt vom Zentrum hinaus zu einem Kirchenrohbau zieht. Frauen mit Spitzenkopftüchern trippeln hinter den Popen in festlichen Messgewändern durch einen Park, wo Panzer, Stacheldraht und Schützengräben an eine Schlacht im Großen Vaterländischen Krieg erinnern. Am Ziel angelangt, weiht der Bischof, ein alter Mann mit grauem Bart, im Wechselgesang mit den zahlreichen Gläubigen, das neue Gotteshaus ein.

Am Wochenende wird das sonst recht beschauliche Pinsk lebendig. Dann treibt es die Familien hinaus, eben auch in diesem Park, der nicht nur Militärisches bereit hält. Eine Lok mit Wägelchen zieht ihren Kreis um ein Gehege mit zwei Straußen darin.

Und am Abend geht man, wie auch in vielen anderen Städten der Welt, ins Theater. Jenes von Pinsk ist ein entzückendes Jugendstilgebäude, das einmal ein Kino war. Pinsk ist also keine exotische Spezialität, aber in seiner bescheidenen Gelassenheit einen Besuch wert, wenn man sich aufmacht, Belarus zu erkunden.           

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