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StartseiteCampus & Karriere"Anteil resilienter Schüler wächst"29.01.2018

PISA-Studie"Anteil resilienter Schüler wächst"

Der Anteil resilienter Schüler - also Schüler, die aus einem sozial ungünstigen Umfeld kommen und trotzdem gute Leistungen erreichen - ist in Deutschland weiter gestiegen, belegen neue Zahlen der PISA-Studie. "Eine stärkere soziale Durchmischung an Schulen wirkt sich positiv aus", sagte Andreas Schleicher (OECD) im Dlf.

Andreas Schleicher im Gespräch mit Michael Böddeker

Andreas Schleicher bei einem Vortrag in Mexiko (imago / Zuma Press)
Andreas Schleicher - "Durchweg positive Ergebnisse" (imago / Zuma Press)
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Michael Böddeker: Heute gibt es eine neue Auswertung der Schulleistungsstudie PISA. Das Ergebnis: Bestimmte Schüler schneiden heute besser ab als noch vor einem Jahrzehnt.

Mehr darüber weiß Andreas Schleicher, Bildungsdirektor bei der OECD und damit verantwortlich für die PISA-Studie. Um welche Schüler geht es in der aktuellen Studie? Die Rede ist da ja von Resilienz und resilienten Schülern – wer ist damit gemeint?

Andreas Schleicher: Wir sind der Frage nachgegangen, inwieweit Schüler aus sozial ungünstigem Umfeld, also dem Viertel der Schüler mit den größten Benachteiligungen, unter welchen Umständen diese Schüler trotzdem gute Leistungen erbringen können, und haben dabei festgestellt, dass es doch einen großen Teil dieser Schüler gibt, die trotz ungünstiger Voraussetzungen wirklich auf ein gutes Niveau bei PISA kommen.

Von einem Viertel auf fast ein Drittel gestiegen

Böddeker: Und das sind diese resilienten Schüler, von denen die Rede ist.

Schleicher: Ja, genau.

Böddeker: Inwiefern hat sich denn bei diesen Schülerinnen und Schülern etwas verändert in dem untersuchten Zeitraum, also 2006 bis 2015?

Schleicher: Also man kann sagen, dass der Anteil resilienter Schüler, also Schüler, die trotz ungünstiger Voraussetzungen zumindest gute Leistungen erreichen, in Deutschland von 2006 bis 2015 von einem Viertel auf fast ein Drittel gestiegen ist, also das ist ein durchweg positives Ergebnis. Man kann immer noch sagen, dass Chancengerechtigkeit für Deutschland die größte bildungspolitische Herausforderung bleibt, denn insgesamt ist der Einfluss von sozialem Hintergrund auf Bildungsleistung in Deutschland nach wie vor überdurchschnittlich hoch. Auf der anderen Seite kann man sehen, dass es eben doch sehr viele Schüler gibt, denen es gelingt, trotz ungünstiger Startvoraussetzungen auf ein gutes Niveau zu kommen, und das sollte uns eigentlich positiv stimmen.

Positive Effekte durch Einführung von Ganztagsschulen 

Böddeker: Wie kommt es denn, dass sich da in Deutschland was verbessert hat?

Schleicher: Ich glaube, da kommen viele Faktoren zusammen. Zunächst einmal zeigt die Schule, dass eine stärkere soziale Durchmischung an den Schulen sich positiv auswirkt und das ist in Deutschland durch die Zusammenführung von Haupt- und Realschule im Grunde ja so passiert. Wir sehen auch, dass die Einführung von Ganztagsschulen einfach mehr Zeit und mehr Raum geschaffen hat – auch das ist ein wichtiger Faktor –, aber dann zeigt auch, dass Schulklima, ein gutes positives Disziplinklima in den Schulen, doch erheblichen Einfluss auf Resilienz hat.

Böddeker: Wie definieren Sie denn Schulklima? Was macht das aus, ein gutes Schulklima?

Schleicher: Das ist einfach, also es kommen einfache Faktoren …, dass nicht viel Zeit verloren geht, dass die Schüler sich gut auf die Arbeit konzentrieren können, dass es positive Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern gibt, also all die Faktoren, die im Grunde des Unterrichtsklima bestimmen, und das ist schon ein ganz wichtiger Einflussfaktor beim Thema Resilienz.

Auswirkungen des Schulklimas

Böddeker: Und wer bestimmt dieses Schulklima? Ist das die Schulleitung, sind das die Lehrer, sind das alle zusammen?

Schleicher: Das ist eine interessante Frage. Also, wir haben zunächst ja die Schüler nach dem Schulklima gefragt, aber dann uns Schulfaktoren angeschaut und sehen zum Beispiel, dass in Schulen, wo es eine gute Zusammenarbeit zwischen den Kollegen gibt, wo es auch Schulleitungen gibt, Schulleiter, die sich wirklich darum bemühen um ein kollaboratives Arbeitsklima in den Schulen, dass das sich dann auch positiv niederschlägt auf das Unterrichtsklima. Also gute Zusammenarbeit, Teamarbeit in den Schulen und Schulleitung, die sich wirklich um das Personal auch dann kümmern.

Böddeker: Gute Zusammenarbeit, mehr Chancengerechtigkeit, ein gutes Schulklima, das sind ja Dinge, die bestimmt jeder Lehrer und jeder Schulleiter auch gerne so an seiner Schule hätte, aber wie kann man die Voraussetzung dafür schaffen, dass das überhaupt möglich ist?

Schleicher: Also zunächst einmal sehen wir, das ist nicht unbedingt eine Frage des Mehr vom Gleichen, also zum Beispiel einfach kleinere Klassen oder mehr Technologie. Da haben wir keine Zusammenhänge sehen können. Das sind Fragen, wie wir Ressourcen wirklich einsetzen. Gelingt es uns, die besten Lehrer für die schwierigsten Schüler und Klassen zu gewinnen; gelingt es uns, im Grunde dort Zeit und Raum, Lernzeit zur Verfügung zu stellen, wo sie dann auch am meisten bringt, also im Grunde, Lernen stärker zu personalisieren, individualisieren, in den Schulen mehr Raum zu schaffen. Da muss man sagen, das ist in Deutschland teilweise noch schwer. Auf der einen Seite werden Lehrkräfte in Deutschland relativ gut bezahlt, auf der anderen Seite haben sie aber auch überdurchschnittlich hohe Stundendeputate. Das heißt, die Lehrkräfte in Deutschland haben in der Tendenz weniger Zeit als Lehrkräfte in anderen Ländern, sich wirklich individuell mit Schülern zu beschäftigen, und da kann man sicherlich auch dann noch mehr tun.

Unterschiede zwischen den Staaten

Böddeker: Das wäre dann ein Punkt, den auch die Politik, die Bildungspolitik ändern könnte?

Schleicher: Absolut. Ich denke, das zeigt ja so eine Studie, dass sich diese Faktoren nicht nur zwischen den Schulen, sondern auch zwischen den Staaten unterscheiden. Man kann zum Beispiel sehen, dass Schüler aus den sozial schwächsten Umständen in Kanada oder Singapur oder Shanghai in China, die können sich noch mit dem durchschnittlichen Schüler in Deutschland messen, also man kann wirklich dort noch sehr viel mehr erreichen, um Chancengerechtigkeit zu verbessern, und das ist ja im Grunde das große Thema unserer Zeit, denn nie zuvor haben die, die gut gebildet sind, bessere Chancen, Lebenschancen, Chancen auf dem Arbeitsmarkt gehabt als heute.

Und nie zuvor standen die, die an einer guten Bildung scheitern, vor größeren Risiken, und das wird durch die Digitalisierung ja noch mal extrem verstärkt heute. Insofern, das ist die große Herausforderung unserer Zeit, und der internationale Vergleich zeigt ja, dass die Bildungspolitik und Praxis da sehr viel beitragen kann.

Böddeker: Sie haben gerade noch mal das Stichwort Digitalisierung genannt. Eben sagten Sie schon, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, wie viele Ressourcen da sind, zumindest für diesen Faktor, dass es eben viele resiliente Schüler gibt. Heißt das, diese ganze Debatte um die Ausstattung von Schulen, Ausbau der Netzverbindung von Breitband, Ausstattung mit Tablets mit Computern, spielt in diesem Zusammenhang zumindest keine Rolle?

Schleicher: Also sicher kann man sagen, dass die Zahl der Computer, die irgendwo in den Schulen und Klassenzimmern stehen, nicht mit Resilienz in Verbindung gebracht werden kann. Das heißt eben aber nicht, dass Technologie nicht eine große Rolle spielen kann, sondern das heißt, dass es uns gelingen muss, Technologie wirklich sinnvoll in pädagogische Maßnahmen umzusetzen zur Individualisierung von Lernen, zur Bereicherung des Lernstoffes, zur Kommunikation. Das ist die entscheidende Frage, und da müssen wir uns noch sehr viel mehr Gedanken machen. Das ist nicht eine Frage der Quantität, von technologischen Ressourcen, sondern der Pädagogik.

Veränderungsdynamik hat sich verflacht

Böddeker: Deutschland hat in der Vergangenheit bei Schulstudien ja oft nicht so gut abgeschnitten. Vor Kurzem gab es ja zum Beispiel erst wieder die IGLU-Studie, also die Grundschul-Lese-Untersuchung. Waren Sie überrascht, als jetzt diesmal bei Ihrer Untersuchung mal was Positives rauskam?

Schleicher: Ja, also man muss sagen, dass sich in Deutschland die Veränderungsdynamik verlangsamt hat. Also wenn man sich die Ergebnisse anschaut zwischen 2000 und 2006, da ist ja in Deutschland sehr viel in Bewegung gekommen, und auch viele Faktoren, die wir mit Resilienz in Verbindung bringen, also denken Sie an die stärkere soziale Durchmischung an den Schulen oder denken Sie an die Einführung von Ganztagsschulen, die sind schon auf Entwicklung in den Anfängen der 2000er zurückzuführen, während in den letzten Jahren in Deutschland deutlich weniger passiert ist und auch im Grunde sich die Veränderungsdynamik schon verflacht hat. Dennoch kann man sagen, wenn man den Gesamtzeitraum anschaut, eine positive Entwicklung zumindest beim Faktor Resilienz.

Böddeker: OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher über die neuste PISA-Auswertung, laut der immer mehr Jugendliche in der Schule erfolgreich sind trotz schwieriger Startbedingungen. Vielen Dank für das Gespräch!

Schleicher: Bitte schön, danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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