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StartseiteForschung aktuellIst der Kampf gegen die Kunststoff-Flut noch zu gewinnen?24.07.2020

PlastikmüllIst der Kampf gegen die Kunststoff-Flut noch zu gewinnen?

Plastikmüll findet sich mittlerweile überall in der Umwelt: Er treibt in Flüssen, Seen und Ozeanen. Ein Forscherteam hat nun berechnet, dass sich die Menge des weltweiten Plastikmülls in den kommenden zwei Jahrzehnten um fast 80 Prozent reduzieren ließe. Doch dafür wäre ein umfassender Systemwandel notwendig.

Von Volker Mrasek

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Der verschmutzte Kanal Nini, in der Hauptstadt Accra. Unmengen an Plastikflaschen, Plastikdosen, Plastiktüten, Plastikkanister- und Verpackungen sammeln sich dort, das Wasser ist kaum zu sehen. (Roland Jodin)
Plastikabfall in einem Fluss in Accra, der Hauptstadt von Ghana. (Roland Jodin)
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Unglaubliche elf Millionen Tonnen Plastik landen jedes Jahr als Müll in den Weltmeeren, so die Schätzungen der neuen Studie. Es ist eine aufwendige Analyse aller globalen Stoffströme, und das Bild, das sie für die Zukunft zeichnet, ist noch viel düsterer. Es könnte nämlich sein, dass sich die Kunststoff-Produktion in den nächsten 20 Jahren noch einmal verdoppelt. Richard Bailey, Professor für Umweltsysteme an der Universität Oxford in England, spricht von einem Horrorszenario:

"Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann landet im Jahr 2040 sogar dreimal so viel Plastik im Ozean, rund 29 Millionen Tonnen. Um es anschaulicher zu machen: Das sind 50 Kilo Plastikmüll für jeden Meter Küste rund um den Globus!"

Reduktion der Einträge um 80 Prozent

Die Studie in der Fachzeitschrift Science rüttelt aber nicht nur auf – sie weckt auch Hoffnung. Denn das Problem lasse sich weitgehend in den Griff kriegen, resümiert die US-Meeresforscherin und Ko-Autorin Winnie Lau:

"Wir haben uns angeschaut: Welche Gegenmaßnahmen gibt es, und wie stark können wir sie vorantreiben? Wir haben Experten aus aller Welt zu Rate gezogen und die Fachliteratur ausgewertet. Und es zeigte sich: Wir können die Plastikeinträge ins Meer um 80 Prozent verringern. Es wird bestimmt nicht einfach! Aber wenn wir das wirklich wollen, geht es."

Die Autoren propagieren einen Systemwandel. 95 Prozent aller Plastiktüten und -verpackungen landeten heute nach einmaligem Gebrauch auf dem Müll; etwa ein Drittel davon finde sich später in der Umwelt wieder. Das sei nicht nur eine ökologische Katastrophe, sondern auch eine immense industrielle Materialvergeudung.

Mikroplastik in einem Sieb  (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck) (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)Mikroplastik kann aus dem Meer zurückkehren
Jedes Jahr gelangen Millionen Tonnen Plastikmüll in die Ozeane. Bisher bestand die Ansicht, dass der Abfall dauerhaft im Meer bleibt. Doch eine neue Studie im Fachblatt "PLoS One" legt jetzt nahe: Durch Gischt und Wind können Mikroplastik-Partikel aus dem Wasser auch wieder an Land gelangen.

Alternative: Einstieg in eine Kreislaufwirtschaft

Nach den Szenarien der Forscher lässt sich ein Sechstel des ganzen Plastikmülls schon ‘mal durch alternative Verpackungsmaterialien vermeiden. Der deutsche Geologe und Betriebswirt Martin Stuchtey, Professor für Ressourcenstrategie an der Universität Innsbruck:

"Da gibt es Alternativen wie geschichtetes Papier oder wie zum Beispiel diese biologisch abbaubaren Stoffe. Glas - nicht immer die richtige Antwort, aber oft eben schon. Und dann gibt es einen Teil der Lösung, der besteht darin, dass wir diese Verpackungsleistungen liefern zwar als Kunststoff, aber als Kunststoff, der bereits ein Kunststoff war, der nämlich aus Rezyklaten besteht."

Nötig sei der Einstieg in eine Kreislaufwirtschaft. Und der Abschied von Plastiksorten und -gemischen, bei denen es nicht möglich sei, sie wiederzuverwerten. Es gehe auch darum, das chemische Recycling auszubauen, was bedeutet: Die Kunststoffindustrie soll ihre Grundbausteine künftig vermehrt aus Altplastik gewinnen. Man müsse ans Betriebssystem der Plastikwirtschaft, sagt Stuchtey:

"Von heute 21 Prozent rezyklierfähig müssen es in unserem Szenario mindestens 54 Prozent sein. Wir dürfen nicht vergessen: Viele Menschen auf der Welt – insbesondere diejenigen, die zunehmend Kunststoff gebrauchen – sind gar nicht an die Entsorgung angeschlossen: Philippinen, Ghana, Nigeria. Wir müssen bis 2040 4,5 Milliarden Menschen in die Entsorgung einbinden. Eine Mammutaufgabe!"

Forderung: konzertierte globale Aktion

Aber zu bewältigen, meint auch Winnie Lau – sofern Regierungen und Industrie gemeinsam eine Initiative gegen die Flut von Plastikmüll starten. In der Umweltversammlung der Vereinten Nationen werde darüber bereits diskutiert:

"Was wir brauchen, ist eine konzertierte globale Aktion! Dabei muss es auch darum gehen, die Menge an Kunststoffen zu reduzieren, die heute produziert und gebraucht wird. Das letzte Puzzlestück ist dann, jenes Plastik sicher zu entsorgen, das wir nicht wiederverwerten oder ersetzen können. Damit es am Ende nicht in der Umwelt landet."

Das wäre zum Beispiel das Konzept für ärmere Länder, in denen sich eine Recyclingwirtschaft nicht so schnell aufbauen lässt oder wo sie schlicht zu teuer ist.

Recycling lohnt sich auch wirtschaftlich

Anders die Situation in entwickelten Ländern. Ihnen biete das Konzept auch finanzielle Anreize, sagt Martin Stuchtey. Denn wenn sie weniger Plastik produzierten und mehr davon wiederverwerteten, reduziere das die hohen Kosten für seine Entsorgung:

"Und wir schaffen Gestaltungsspielräume für innovative Unternehmen, die mit ozeanfreundlichen und rezyklierbaren Lösungen auf den Markt kommen. Gerade wir in Deutschland, gerade wir in Europa sollten das als Chance begreifen und nicht als Einschränkung."


Wenn Regierungen und Unternehmen jetzt sofort handelten, könnten wir die Plastikschwemme innerhalb einer Generation eindämmen, sagt Richard Bailey. Fast jedenfalls!

"2040 werden es immer noch fünf Millionen Tonnen sein, die im Meer landen. Es bedarf also noch zusätzlicher Technologien und Ideen. Das ist auch eine wichtige Information!"

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