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StartseiteForschung aktuellPlastikplane für Fukushima24.05.2011

Plastikplane für Fukushima

Kernschmelze in den Reaktordruckbehältern setzte schon sehr früh ein

Energie.- In den Reaktordruckbehältern des AKW Fukushima hat offenbar schon wenige Stunden nach dem Unglück die Kernschmelze eingesetzt - viel früher als ursprünglich angenommen. Die Wissenschaftsjournalistin Dagmar Röhrlich erläutert im Interview, woher diese plötzliche Erkenntnis kommt.

Der zerstörte Reaktorblock 1 in Fukushima aus der Vogelperspektive.  (picture alliance /  dpa)
Der zerstörte Reaktorblock 1 in Fukushima aus der Vogelperspektive. (picture alliance / dpa)

Monika Seynsche: Der Atomunfall in Fukushima ist weitgehend aus den Medien verschwunden, aber er ist noch lange nicht vorbei. Erst vergangene Woche kam heraus, dass schon vier Stunden nach dem Erdbeben am 11. März im Reaktordruckbehälter des Blocks I eine Kernschmelze lief. Und innerhalb von 16 Stunden war der größte Teil des Kernbrennstoffs geschmolzen und am Grund zusammengelaufen. Heute nun wurde bekannt, dass es sehr wahrscheinlich auch in Blöcken II und III zu Kernschmelzen gekommen ist. Im Studio in meine Kollegin Dagmar Röhrlich, die seit Monaten die Geschehnisse in Japan verfolgt. Frau Röhrlich, woher kommt diese plötzliche Erkenntnis?

Dagmar Röhrlich: Man hat zum einen ja in der vergangenen Woche die Füllstandsmessung im Reaktordruckbehälter kalibrieren können, wie es so schön heißt. Sprich, man hat festgestellt, dass dort nicht so viel Wasser drin ist, wie man gedacht hat, sondern im Prinzip gar keins mehr. Und damit war klar, dass es dort eine Kernschmelze gegeben hat. Daraufhin hat man dann alle Daten genommen, die man noch hatte in den Blöcken II und III. Bis zum Tsunami hat man noch Messdaten bekommen und danach nur noch, was die Batterien einem zulieferten, also welche Geräte noch Batterien hatten - die haben noch Daten geliefert. Dann hat man damit Szenarien gerechnet. Und zwar eines: wenn die Brennelemente noch ein bisschen Wasser gehabt hätten. Und das andere ist: wenn gar kein Wasser mehr drin war. Und die Szenarien ergaben entweder eine teilweise Kernschmelze oder eine vollständige Kernschmelze. Was dann passiert ist, stellt man sich dann so vor, dass in Reaktorblock I schon vier Stunden danach das Ganze lief, dass die Masse runtertropfte auf den Boden und sich dann am Boden des Reaktordruckbehälters so eine Art schaumiges Granulat gebildet hat, wo dann Brennelemente, Reste von dem Metall, wo Meersalz, alles zusammen dann rumliegt sozusagen. Und das hat auch noch kleine Löcher in den Reaktordruckbehälter gebrannt, so dass das Wasser, was immer reingepumpt worden ist, durch diese Löcher halt - ein Teil - nach unten raussickern konnte. Und das ist das Wasser, was in den tieferen Etagen der Anlagen so große Probleme bereitet. Und zumindest in Block II wird es ähnlich gewesen sein und Block III wahrscheinlich auch, die Kernschmelze auf jeden Fall. Nur, ob da jetzt Wasser irgendwo rauskommt, das ist da noch nicht so ganz klar.

Seynsche: Kann das denn noch zu Kettenreaktionen führen jetzt?

Röhrlich: Man sagt nein, weil dem Kühlwasser anscheinend immer Bor zugesetzt worden ist. Das fängt die Neutronen ab und damit kommt keine Kettenreaktion zustande. Aber in Fukushima weiß man es ja nie so genau. Nur das Risiko ist sehr, sehr gering.

Seynsche: Diese Kernschmelzen, wahrscheinlich ja auch in Block II und III - heißt es, die Situation ist jetzt grundlegend anders? Muss man also bei den Aufräumarbeiten zum Beispiel was anderes berücksichtigen?

Röhrlich: Die Situation selbst hat sich nicht geändert. Man weiß jetzt nur, wo die Gefährdung herkommt. Wo beispielsweise diese hoch kontaminierten Wässer, die dort zu finden sind, eigentlich herkommen. Und man muss weiterhin zuerst einmal mit diesen Wässern fertig werden, ehe die Leute da überhaupt arbeiten können. Das bedeutet, es steigt immer weiter an. Man muss also immer mehr Volumen finden, wo das hinkommt, und man weiß überhaupt nicht mehr, wohin damit. Die Situation wird zwar immer tragischer und immer schwieriger, aber sie hat sich nicht durch die Erkenntnis Kernschmelze geändert. Was allerdings der Fall ist, wenn das eines Tages ganz aufgeräumt werden soll - dass man dann sehr große Schwierigkeiten hat, diese, ja, wie auch immer das dann aussehen wird, was dort unten liegt, zu beseitigen.

Seynsche: Das, was durch die Kernschmelze entstanden ist?

Röhrlich: Genau, im Reaktordruckbehälter unten.

Seynsche: Wie sieht es denn aus mit der Strahlung, die austritt? Hat man da jetzt neue Erkenntnisse, dadurch, dass es zu Kernschmelzen gekommen ist?

Röhrlich: Die Strahlung ist vor allen Dingen in den ersten Tagen ausgetreten, als es ja auch diese Explosionen gegeben hat. Seitdem nimmt sie immer ab. Wir ja inzwischen auch sehr viel weniger Jod 131 als noch zu Beginn. Das Cäsium bleibt natürlich mit seiner langen Halbwertszeit auch lange erhalten. Die Werte sind inzwischen sehr viel niedriger als anfangs, aber aus diesem offenen Abklingbecken kommt natürlich immer noch Wasserdampf heraus, der auch dann Radionuklide mitschleppt. Und auch dieses hoch kontaminierte Wasser, das in den verschiedenen Blöcken steht, gelangt auch in die Umwelt, ins Meer, ins Grundwasser. So dass man noch viele Wege nach außen hat, aber das ist nur noch ein Bruchteil dessen, was anfangs gewesen ist. Man will das jetzt nur verhindern, indem man beispielsweise eine Art Abdeckelung für die einzelnen Blöcke baut. Für Block I soll es jetzt bald gebaut werden. Das ist dann so eine Plastikplane, die drumgezogen wird, damit nicht mehr so viel rauskommt.

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