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StartseiteInterview"Im besten Fall ein bisschen Symbolpolitik"07.09.2019

Plastiktüten-Verbot"Im besten Fall ein bisschen Symbolpolitik"

Das geplante Plastiktüten-Verbot gehe nicht weit genug, sagte Peter Quicker im Dlf. Denn Plastiktüten machten nur einen winzigen Teil der fünf bis sechs Millionen Tonnen Kunststoffabfälle in Deutschland aus, so der Rohstoff-Experte. Besonders kritisch sieht er den Grünen Punkt.

Peter Quicker im Gespräch mit Sandra Schulz

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Eine gelbe Plastiktüte hängt in den blätterlosen Ästen eines Baums. (imago)
Die Anteile, die bisher im gelben Sack landen, hätten keine Chance, recycled zu werden, sagte Energie-Rohstoff-Experte Quicker im Dlf (imago)
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Sandra Schulz: Es war eine drastische Warnung, die vor einigen Jahren vom Weltwirtschaftsforum kam: Wenn wir weitermachen wie bisher, dann könnte bis 2050 mehr Plastikmüll im Ozean schwimmen als Fische. Zwar sind die Zahlen umstritten, unbestritten ist aber die lange Haltbarkeit des Plastikmülls und die Schilderungen von Tierschützern, die vielfach dokumentiert haben, wie gefährlich der Plastikmüll für Tiere im Meer und an der Küste ist. Die Bilder von Schildkröten mit Strohhalmen im Hals sind im Internet leicht zu finden.

Laut Umweltbundesamt ist Deutschland in Europa Spitzenreiter beim Thema Plastikmüll mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von gut 200 Kilo pro Jahr. Bundesumweltministerin Svenja Schulze will jetzt gegensteuern und Plastiktüten an der Supermarktkasse ab dem nächsten Jahr verbieten.

Gestern habe ich darüber mit Peter Quicker gesprochen, Professor an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen, dort beim Lehr- und Forschungsgebiet Technologie der Energierohstoffe. Als erstes habe ich ihn gefragt, ob es aus seiner Sicht Sinn ergibt, die Plastiktüten an der Ladenkasse zu verbieten?

Peter Quicker: Es  kommt darauf an, was man erreichen möchte. Ich denke mal, für die Politik macht es schon Sinn, für die Umwelt vielleicht nicht unbedingt.

"Den Dreck, den wir produzieren, auch selbst beseitigen"

Schulz: Das heißt, das wird nicht unmittelbar was bringen.

Quicker: Sehe ich so. Auf jeden Fall wird das nicht viel bringen. Das ist im besten Fall ein bisschen Symbolpolitik.

Schulz: Vielleicht lässt es sich auch prozentual einschätzen, wenn man sagt, der Kampf gegen den Plastikmüll oder der Berg ist 100 Prozent groß, wie viel Prozent sind dann abgetragen mit diesem Verbot der Plastiktüten?

Quicker: Da muss ich wieder einhaken. Von welchem Berg sprechen Sie? Wir reden hier von Deutschland, da haben wir fünf, sechs Millionen Tonnen Kunststoffabfälle, die eigentlich einer Verwertung zugeführt werden sollten, und davon geht natürlich ein Teil – das wissen wir alle – oder ging bis vor Kurzem zum Teil nach Südostasien, und da ist sicher dann auch etwas davon im Meer gelandet, wenn wir also von dieser Problematik reden. Wenn wir allerdings von den Stoffen ausgehen, die hier dann vernünftig verwertet werden, da haben wir natürlich mit Marine Littering nichts zu tun, und das ist auch anders zu bewerten.

Schulz: Marine Littering, das ist die Verschmutzung der Ozeane, das würden Sie ganz klar trennen, diesen Ansatz, den es jetzt ja auch gibt, zu sagen, das kann einfach nicht weitergehen mit diesen Müllexporten ins Ausland, und es kann nicht sein, –

Quicker: Genau.

Schulz: – dass die Frage dann entscheidet, ob China den Müll nun nimmt oder nicht. Ist das dann der richtige Weg?

Quicker: Also auf jeden Fall sollten wir doch den Dreck, den wir produzieren, auch selbst beseitigen oder verwerten, je nachdem, was möglich ist. Es war bequem, den Müll nach China, Vietnam, sonst wohin, Südostasien zu bringen, man konnte dann sogar das Ganze in die Verwertungsstatistik einfügen, weil es ist ja angeblich dort verwertet worden. Es gab ja auch Berichte, wie das dann wirklich ausgesehen hat. Also tatsächlich müssen wir unseren Dreck vor der eigenen Haustür behalten und uns dann auch darum kümmern. Da reden wir von Produktverantwortung, das tut allerdings weh. Wenn die Politik sowas umsetzen will, da ist es einfacher, ein paar Plastiktüten zu verbieten.

"Plastiktüten, das ist ein winziger Teil"

Schulz: Was tut daran weh?

Quicker: Da müssen Sie zum einen mal auf die Produzenten schauen. Schauen Sie doch an, was wir in Verkehr bringen, die wildesten Kunststoffprodukte – ich rede nicht von den Plastiktüten, das ist ein winziger Teil –, wir haben ganz viel Verpackungsmüll. Ganz viel können wir davon nicht recyceln.

Von den fünf, sechs Millionen Tonnen gehen ohnehin drei Millionen Tonnen in die energetische Verwertung, was auch nicht schlimm ist. Man fragt sich nur, warum es vorher separat gesammelt und sortiert wird, aber das ist ein anderes Thema. Letztlich geht es darum, zu gucken, wie kann ich vorne am Eingang der Produktkette etwas ändern, dass ich einfache Produkte gestalte, die vernünftig recycelt werden können: keine mehrschichtigen Geschichten, möglichst aus einem Stoff, gewisse bedruckte Sachen funktionieren nicht, Beschichtungen sind schlecht. Also da gibt es sehr viele Ansätze. Vielleicht müssen wir da sogar mal dort mit Verboten aufwarten, aber das macht die Politik natürlich ungern bei der Industrie. Lieber ein paar Plastiktüten am Ladentresen.

"Ich habe sogar schon tatsächlich in Südostasien eingeschweißte Coladosen gesehen"

Schulz: Wie ist es dazu gekommen, welchen Weg sind wir da gegangen zu dem Status quo, den wir jetzt haben, mit den teils ja absurdesten Verpackungen – Sie haben es auch gerade schon zitiert – mit eingeschweißten Gurken und Bananen, also mit Lebensmitteln, die eigentlich schon mit solider Verpackung geliefert werden?

Quicker: So ist das. Ich habe sogar schon tatsächlich in Südostasien eingeschweißte Coladosen gesehen, offensichtlich, damit sie dann am Mundstück hygienisch sind oder sowas. Man findet immer einen Grund, aber das ist tatsächlich absurd.

Da sind natürlich zwei Dinge: Zum einen mag der Verbraucher gewisse Dinge, auch wenn er gerne ökologisch ist, aber im Regal greift er dann vielleicht doch zu den besserverpackten, hochwertiger aussehenden Produkten, ich weiß es nicht. Das ist die eine Geschichte. Das  andere ist, wir haben Produktverantwortung seit mehr als 20 Jahren im Gesetz stehen und passiert ist nicht viel. Wir haben das duale System eingeführt, der klassische Ablasshandel. Wie gesagt, mit den Verpackungen, die landen trotzdem über die Hälfte im Ofen, ein Teil irgendwo in Südostasien, nur ein geringer Teil wird verwertet. Das kann es auf die Dauer nicht sein.

Quicker: System der Mülltrennung ist festgefahren

Schulz: Warum ist das ein Ablasshandel?

Quicker: Wir sammeln die Verpackungen ein unter dem Siegel: Wir wollen die recyceln, und es ist schon beim Einsammeln bekannt, dass mehr als die Hälfte davon letztlich im Verbrennungsofen landet, was nicht verkehrt ist. Das ist eine saubere Sache, da kann man Energie draus erzeugen, aber vorher gibt man den Leuten noch das Gefühl, sie hätten es recycelt, wenn sie diese Stoffe dem gelben Sack zuführen. Das ist einfach nicht der Fall, das weiß jeder in der Branche ganz genau und auch darüber hinaus. Trotzdem wird nichts geändert. Man ist, glaube ich, einfach nicht in der Lage, dieses festgefahrene System ohne größere Erdbeben zu korrigieren. Das ist mein Eindruck.

Schulz: Wenn Sie beim Thema Plastikmüll, also jetzt vielleicht nur über Deutschland, sprechen, wenn Sie da im Alleingang durchentscheiden könnten, was würden Sie als erstes machen?

Quicker: Was ich direkt ändern würde zum Beispiel ist, dass die Anteile, die bisher im gelben Sack landen, von denen wir wissen, dass wir keine Chance haben, das zu recyceln, das kann man bitte gleich in die graue Tonne schmeißen, dann wissen wir nämlich, dass es verbrannt wird und zu Energie verwertet wird unter wirklich guten ökologischen Bedingungen und nicht irgendwo über Südostasien dann doch noch im Meer landet, weil das passiert dann mit den Sortierresten, die keiner mehr haben will und die wir ins Ausland bringen. Das würde ich zum Beispiel als erstes ändern, ganz konkret.

"Papierrecycling, Metall, Glas, das funktioniert alles gut"

Schulz: Also dieses große Thema, auf das sich viele Deutsche möglicherweise auch viel einbilden, dass wir ganz vorbildliche Mülltrenner sind und wo wir dann auch manchmal den Kopf schütteln über Länder, die den Müll nicht so trennen, das gilt ja als großes Thema. Wie ist denn das überhaupt in die Welt gekommen?

Quicker: Wir waren ja mal sehr gut, und wir hatten auch mal gute Konzepte, und es gibt ja auch sehr viele Dinge, die ganz toll laufen. Papierrecycling, Metall, Glas, das funktioniert alles gut. Momentan ist einfach Kunststoff das Thema, sicherlich durch diese schrecklichen Bilder dieser verendenden Meerestiere, das kann ich sehr gut nachvollziehen, aber für uns in Deutschland ist das Kunststoffthema eigentlich überhaupt kein abfallwirtschaftliches Thema.

Wenn wir diese eineinhalb Millionen, zwei Millionen Tonnen nicht nach Südostasien liefern würden, dann können wir sagen, wir haben damit eigentlich nichts zu tun. Wir haben natürlich global gesehen mit allem zu tun, ganz selbstverständlich, aber auf jeden Fall nicht konkret mit diesen Abfallströmen, weil wir dann für die selbstverantwortlich wären. Wir haben vernünftige Verwertungswege, das klappt alles.

Also worauf ich mich jetzt gerade beziehe, ist tatsächlich Kunststoffe, duales System, Grüner Punkt, da liegt das Problem, aber auf das fokussiert sich ja auch momentan die ganze Öffentlichkeit. Wir reden ja nicht vom Glas oder Metall oder sonst was. Da sind wir richtig gut, und das machen wir auch richtig nett. Ich war jetzt gerade im Urlaub wieder mal in Südosteuropa unterwegs, da stehen zwar auch getrennte Tonnen, da ist aber die Trennmoral nicht so toll. Wenn ich bei uns da immer gucke, was wir da für Quoten haben, auch gerade bei Papier und Glas für Reinheiten, das ist schon beeindruckend. Da dürfen sich auch die, die sauber trennen, auch was drauf einbilden. Das will ich um Gottes Willen auch nicht verändern oder irgendwie verunglimpfen oder sonst irgendwas. Ich beziehe mich nur auf die Kunststoffe in dem Punkt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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