Mittwoch, 06. Juli 2022

Leipziger Sieg im DFB-Pokal
Aushöhlung der Regeln

Sonderregeln für Vereine wie Hoffenheim, Leverkusen, Wolfsburg oder Leipzig waren ein historischer Fehler, kommentiert Klaas Reese den Pokalsieg von RB Leipzig. So werde der Wettbewerb dauerhaft und unwiederbringlich geschädigt.

Ein Kommentar von Klaas Reese | 22.05.2022

Leipzigs Trainer Domenico Tedesco mit dem DFB-Pokal im scheinbar leeren Berliner Olympiastadion.
Klar verteilte Sympathien: RB Leipzig wollten beim Pokalfinale nur wenige Fußballfans siegen sehen, meint Klaas Reese. (Tom Weller/picture alliance/dpa/)
Vor dem Finale in Berlin waren die Sympathien klar verteilt, denn dort traf ein durchgeplantes Marketingkonstrukt auf einen gewachsenen Fußballverein. Unerschöpfliche Millioneninvestitionen eines Unternehmens traten gegen nachhaltiges Wirtschaften an.

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Es war ein Kampf der Systeme, den die Leipziger gewannen. Außerhalb Leipzigs mögen sich nicht allzu viele freuen, denn Rasenballsport ist der Beweis, dass ein Milliardär es mit seinem Unternehmen schaffen kann, binnen weniger Jahre Pokale zu gewinnen, obwohl die 50+1-Regel den Fußball vor Investoren schützen soll. Doch Investoren gewinnen Titel - auch in Deutschland.

Einschaltquoten im nicht messbaren Bereich

Es war ein sporthistorischer Fehler, dass Mannschaften wie Hoffenheim, Leverkusen, Wolfsburg oder Leipzig dank Sonderregelungen in die Bundesliga aufsteigen oder dort bleiben durften. So unterschiedlich die Konstruktionen im Einzelnen sind, so eint sie, dass sie die 50+1-Regel aushöhlen und den Wettbewerb verzerren. Leipzig ist hier die Perfektion dieser Entwicklung mit seinen nicht mal zwei Dutzend Mitgliedern und den Partnervereinen in aller Welt, die sich gegenseitig die Spieler zuschieben.
Christian Streich, Trainer vom SC Freiburg
Christian Streich, Trainer vom SC Freiburg, wünschte sich schon lange vor dem Pokalfinale, dass externe Sponsoren in der Bundesliga keine so große Rolle spielen wie in England. (picture alliance / dpa)
Dem deutschen Fußball tut die Aushöhlung der Regeln nicht gut. Duelle zwischen Wolfsburg und Hoffenheim etwa interessieren kaum. Die Einschaltquoten ihrer Spiele liegen im Pay-TV oft im nicht messbaren Bereich. Und das, obwohl Wolfsburg bereits Meister und Pokalsieger war und in der Champions League antrat. Hängen geblieben ist davon nichts. Deshalb zeigte der Privatsender RTL im Halbfinale der Europa League auch lieber zweimal die Eintracht im Fernsehen, denn für die Leipziger interessierten sich nicht mal die eigenen Fans. Kaum vierstellig war die Anhängerschaft, die zum Halbfinale mit nach Glasgow reiste.

Den Wettbewerb beschädigt

Das "Produkt Bundesliga", wie es in Funktionärskreisen gern genannt wird, ist beschädigt. Bayern als Abonnementsieger und vier Teilnehmer, die wenig Interesse außerhalb ihrer Heimatregion erwecken. Emotionen ergeben sich zumeist nur noch aus dem Abstiegskampf. Da ist es nur verständlich, dass sich Sportschau und Sportstudio darüber freuen, wenn Schalke und Bremen, vielleicht sogar der Hamburger SV wieder aufsteigen. Das wird eingebrochene Quoten steigern, am Grundproblem ändert es wenig.

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Jahrelang hat man sich vorgemacht, dass es egal ist, welche Mannschaften in der Liga gegeneinander antreten. Zu sehr ist man davon ausgegangen, dass sich die Stadien überall in der Republik schon füllen werden und die immer gleichen Jubelbilder produziert werden können. Gerade die Zeit nach den Zuschauerausschlüssen in der Corona-Pandemie zeigt aber, dass es nicht so einfach ist, Tradition und generationenübergreifende Zuneigung zu ersetzen durch sportlichen Erfolg dank tiefer Taschen.
Die Mannschaft von RB Leipzig nach dem Sieg im Elfmeterschießen auf dem Feld.
Die Mannschaft von RB Leipzig jubelt nach dem Gewinn des DFB-Pokals. (AP)
Leipzig ist der Beweis, dass es möglich ist, mit Geld und guter Planung Titel zu gewinnen. Vereine wie die Frankfurter Eintracht zeigen, dass Fannähe, Teilhabe der Mitglieder und Zusammenhalt dies sogar international erreichen können. Auf lange Sicht hat Rasenballsport aber einen riesigen Vorteil, denn bei Misserfolg gibt es immer einen österreichischen Rettungsschirm. Den haben andere nicht und so werden die benachteiligt, die sich an die Regeln halten. Das hat den Wettbewerb beschädigt. Dauerhaft und unwiederbringlich.