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Polen
Streit um Exhumierung von Opfern der Flugzeugkatastrophe in Smolensk

Unglück oder Anschlag? Sechs Jahre nach dem Absturz der Präsidentenmaschine bei Smolensk lässt Polen die Opfer der Katastrophe exhumieren - auch gegen den Wunsch zahlreicher Angehöriger. Viele Kritiker meinen allerdings, dass die Ermittler Beweise für ein Attentat ohnehin nicht finden würden. Was also sind die Motive?

Von Florian Kellermann | 14.11.2016

    In der Gruft des ehemalischen polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczynski und seiner Frau Maria, die beim Flugzeugabsturz bei Smolensk 2010 ums Leben kamen
    Gruft des ehemaligen polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczynski und seiner Frau Maria (imago stock&people/camera4)
    Einmal im Monat, an jedem Zehnten, gedenkt Jaroslaw Kaczynski öffentlich der Flugzeugkatastrophe in Smolensk. Der Vorsitzende der rechtskonservativen Regierungspartei PiS zieht mit seinen Anhängern vor den Präsidentenpalast in der Warschauer Innenstadt. Dorthin, wo sein Zwillingsbruder residierte - der ehemalige Präsident Lech Kaczynski, der bei dem Flugzeugabsturz vor fast sieben Jahren ums Leben kam.
    Am vergangenen Donnerstag sagte er dort: "Es wird kein wirklich freies Polen geben ohne Wahrheit. Die Causa Smolensk muss irgendwann der Vergangenheit angehören. Aber das kann erst dann passieren, wenn unsere Mission zu Ende ist."
    Was Jaroslaw Kaczynski damit meint, verstehen seine Anhänger ganz genau. Die Wahrheit über den Flugzeugabsturz von Smolensk ist für den mächtigsten Mann in Polen, dass damals ein Verbrechen geschehen ist, ein Attentat auf seinen Bruder.
    Regierung veranlasst neue Ermittlungen
    Deshalb hat die PiS-Regierung die Untersuchung der Flugzeugkatastrophe noch einmal neu aufgerollt. Der Verteidigungsminister hat eine neue Expertenkommission einberufen. Parallel laufen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, die nun die Exhumierung von fast 90 Leichen angeordnet hat. Heute wollen Staatsanwälte mit den Leichen des Präsidentenpaares beginnen. Lech Kaczynski und Maria Kaczynska waren in der Ehrengruft am Krakauer Wawel-Hügel beigesetzt worden. Bis zum Jahresende sollen weitere acht Leichen exhumiert werden. Der stellvertretende Generalstaatsanwalt Marek Pasionek:
    "Für uns war das auch eine schmerzhafte und schwierige, aber eine verantwortungsvolle Entscheidung. Wenn es den begründeten Verdacht gibt, dass ein Verbrechen vorliegt, dann muss die Staatsanwaltschaft die Leichen untersuchen. Dagegen kann es keinen Einspruch geben, das sehen die Vorschriften nicht vor."
    Proteste der Angehörigen
    Dass Staatsanwaltschaft und Regierung Hand in Hand arbeiten, ist kein Zufall. Die PiS hat kurz nach ihrer Machtübernahme das Gesetz entsprechend geändert: Seitdem ist der Justizminister in Amtseinheit auch Generalstaatsanwalt. Er hat die Kontrolle über die Behörde. Sein Stellvertreter Pasionek war vor zehn Jahren, in der ersten PiS-Regierung, Staatssekretär.
    Was die Ermittler an den Leichen entdecken wollen, haben sie nicht offengelegt. Experten sagen: Die Staatsanwaltschaft könnte höchstens feststellen, ob Spuren einer Explosion erkennbar sind. Das würde auf ein Attentat hinweisen. Kritiker wenden ein: Dafür würde es reichen, nur einige Leichen zu exhumieren. Zumal manche Angehörige heftig protestieren. So Izabella Sariusz-Skapska, deren Vater damals im Flugzeug saß:
    "Ich würde am liebsten so laut schreien wie ich kann. Was die Staatsanwaltschaft macht, ist grausam, barbarisch und im Grunde eine Störung der Totenruhe."
    Beweise für ein Attentat würden die Ermittler ohnehin nicht finden, meinen Kritiker. Der Regierung gehe es nur darum, weitere Munition gegen ihre Vorgänger zu bekommen. Denn schon, wenn sich herausstellt, dass einige Leichenteile nicht in den richtigen Gräbern beerdigt wurden, würde das ein schlechtes Licht auf die damaligen Machthaber werfen. Eine regierungsnahe Zeitschrift bildete den Ex-Ministerpräsidenten Donald Tusk vor kurzem schon in Handschellen ab. Maciej Komorowski, dessen Vater im Unglücksflugzeug verstarb, sagt:
    "Es geht darum, unbedingt einen Schuldigen zu finden. Deshalb soll Donald Tusk die Konsequenzen tragen. Die treibende Kraft dahinter ist der Wunsch nach Rache."
    Doch unternehmen können die Hinterbliebenen nichts. Auch die katholische Kirche, an die sich einige Familien gewandt haben, will nicht einschreiten. Die Bischofskonferenz mahnte zwar an, dass die Leichen mit "Achtung und Liebe" behandelt werden sollen. Der Flugzeugabsturz sei aber nicht nur für die Angehörigen eine Katastrophe gewesen, sie betreffe die ganze polnische Nation.