Montag, 16. Mai 2022

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Polen und Demografie
"Für Polen beginnt das mit der Zuwanderung erst"

Was die großen demografischen Probleme in Europa angeht, sieht der Warschauer Publizist Adam Krzeminski Polen in einer völlig anderen Entwicklungsphase als Deutschland. Sein Land habe zwar Erfahrungen mit Migranten, aber für Polen beginne das Ganze erst, sagte Krzeminski im Deutschlandfunk. Man sei mit völlig neuen Problemen konfrontiert.

Adam Krzeminski im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich | 24.10.2015

Porträt von Adam Krzeminski
Der polnische Publizist und Journalist Adam Krzeminski. (dpa / Bernd von Jutrczenka)
Burkhard Müller-Ullrich: Morgen wählen die Polen ein neues Parlament: Die Polen, die immer nach Europa wollten, die nach ihrem EU-Beitritt auch Mustereuropäer wurden und jetzt merken, dass sie sich in diesem Unions-Europa Krisen und Chaos eingehandelt haben: erst die Währungskatastrophe, jetzt das Flüchtlingsdrama. Adam Krzeminski, Publizist in Warschau und scharfer Beobachter der polnischen und deutschen Politik: Fühlen Sie sich in diesem Europa wohl?
Adam Krzeminski: Ja, da fühlt man sich genauso wohl oder unwohl wie die übrigen Europäer. Allerdings es kommt auf die Optik an. Bei der national-konservativen Opposition dominiert natürlich die Überzeugung, es knistert im ganzen Gebälk und das Europa-Projekt gerät in die existenzielle Not. Die liberalen Konservativen, die noch bei uns regieren, sagen, es sei umgekehrt. Das heißt, alle drei Krisen sind zwar gravierend, aber Europa zeigt, dass es diese Krisen zu meistern gewillt ist zumindest. Es kommt auf die Perspektive an, das ist das eine. Und das andere: Wir haben jetzt Wahlkampf und natürlich jedes Thema ist gut, um die Stimmung zu polarisieren und den jeweiligen Gegner bloßzustellen.
Müller-Ullrich: Jetzt bekommen Sie in Polen ja von manchem es gar nicht direkt mit, und zwar spreche ich jetzt von der Flüchtlingskrise. Die erfahren Sie mehr oder weniger aus den Medien, weil Polen gar keine Erfahrung hat eigentlich mit Afrikanern im Land und mit Fremden. Das ist ein ganz anderes Verhältnis.
"Polen ist in einer völlig anderen Entwicklungsphase"
Krzeminski: Das stimmt, obwohl wir haben schon kleine Erfahrungen noch aus den volkspolnischen Zeiten, als es hunderte, wenn nicht tausende Studenten, auch Schwarzafrikaner gab. Aber das ist natürlich irrelevant im Vergleich mit diesen Strömen der Flüchtlinge, die aus Nordafrika oder auch Schwarzafrika nach Westeuropa drängen. Die Debatte war sehr heftig im Wahlkampf natürlich. Eine Erfahrung hat Polen durchaus, und zwar: Es gab seit den 90er-Jahren etwa 100.000 Tschetschenen in Polen. Davon sind, rechnet man, etwa 40.000 geblieben, ein Teil ist inzwischen wahrscheinlich in Westeuropa, ein Teil kehrte zurück, weil es in Tschetschenien keinen akuten Krieg gibt. Es gibt natürlich auch Debatten über die Integration der Tschetschenen, zum Beispiel in den Schulen, in den Gemeinden, aber die Größenordnungen sind unvergleichbar zum Beispiel mit Deutschland. Polen ist in einer völlig anderen Entwicklungsphase. Es ist nach 45 durch die Westverschiebung, durch den Holocaust, durch die Vertreibung und Aussiedlung der Deutschen und auch der Polen aus dem früheren Osten ein homogenes, national-ethnisch und kulturell homogenes Land. Es hat eigene Minderheiten, die deutsche, die ukrainische, erst um 89 entdeckt und jetzt wird es mit völlig neuen Problemen konfrontiert. Es ist schon wichtig dieser Vergleich, ethnisch-homogene Nation in Polen und Deutschland, die Bundesrepublik, die Erfahrungen mit den Gastarbeitern seit den 60er-Jahren hat (der Millionste, der Portugiese, das war doch Mitte der 60er-Jahre), dann die Türken. Für Polen beginnt das Ganze erst. Wir haben es zwar mit Ukrainern zu tun, weniger mit Flüchtlingen, viel mehr mit Wirtschaftsmigranten, aber das ist so zeitverschoben. Wir sind um 30 Jahre irgendwie zurück, wenn es um die großen demografischen Probleme in Europa geht, und daher auch dieses Missverständnis zwischen Deutschland und Polen. Man misst uns mit eigenen Maßstäben, während die Polen sich das anschauen, was in Deutschland, Frankreich, Spanien, England, Italien sich abspielt als Erfahrungen einer fremden Welt. Erstens wollen die Leute nicht zu uns, sondern sie wollen nach Westeuropa. Und zweitens: Wir haben auch keine bürokratischen Erfahrungen mit einer Flüchtlingswelle, weil es die nicht gab.
Müller-Ullrich: Der polnische Publizist Adam Krzeminski über die Stimmung in Polen am Tag vor der Parlamentswahl. Danke für die Auskünfte.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.