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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenGerechtigkeit ist für jeden anders09.01.2014

PolitikwissenschaftGerechtigkeit ist für jeden anders

Jeder will gerecht behandelt werden. Doch was ist eigentlich Gerechtigkeit? Praktische Bedeutung bekommt sie, wenn es um soziale Gerechtigkeit geht, denn das ist ein politischer Begriff. Und welche Normen und Werte, welche Ideen und Ideologien liegen dem zugrunde?

Von Mirko Smilanic

Die Figur der Gerechtigkeit ziert den Brunnen vor dem Rathaus Römer in Frankfurt am Main. (AP)
Seit Aristoteles unterscheidet die Philosophie zwischen einer ausgleichenden und einer austeilenden Gerechtigkeit. (AP)

Am 5. Dezember 2013 starb der südafrikanische Freiheitskämpfer und Ex-Präsident Nelson Mandela im Alter von 95 Jahren. Die Welt trauerte um "den friedlichsten Menschen der Welt", sie nahm Abschied von einem "leuchtenden Beispiel" und würdigte ihn - UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte dies in New York - als einen "Giganten der Gerechtigkeit". Wer würde da Einspruch erheben? Andererseits: Was genau ist ein "Gigant der Gerechtigkeit"? Was ist überhaupt Gerechtigkeit?

"Gerechtigkeit ist ein sehr alter Begriff, es gibt ihn schon in der Antike, es ist auch ein religiöser Begriff, wir kennen ihn aus dem Christentum, 'Du sollst gerecht gegen jedermann sein', das heißt eigentlich, dass der Einzelne den anderen genauso behandeln soll, wie sich selbst, also die Menschen sind gleich viel wert."

Christoph Strünck, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Siegen. Seit Aristoteles unterscheidet die Philosophie zwischen einer ausgleichenden und einer austeilenden Gerechtigkeit. Ausgleichende Gerechtigkeit bedeutet, dass zwischen Individuen ein Ausgleich geschaffen wird, etwa wenn sie Verträge einhalten. Austeilende Gerechtigkeit dagegen beschreibt das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft: Das Individuum trägt zum Wohle des Staates bei, erfüllt seine bürgerlichen Pflichten, zahlt Steuern und so weiter; die Gemeinschaft sorgt im Gegenzug dafür, dass dem Einzelnen sein gerechter Anteil an Fürsorge zukommt, etwa Arbeitslosengeld oder Hartz IV. Verlässt man nun die allgemeinen - und auch allgemein anerkannten - Definitionen und schaut sich konkrete Einzelfälle an, wird es schwierig.

"Gerechtigkeit ist eigentlich ein universalistischer Begriff, man darf keinen Unterschied machen zwischen den Menschen! Aber in der Praxis sieht es natürlich ganz anders aus, denn da geht es eher um das Gerechtigkeitsempfinden. Was halten die Leute für gerecht? Und das hat sich weit entfernt von der Grundidee, dass Gerechtigkeit im Kern politische und rechtliche Gleichheit ist, jeder ist gleich vor dem Gesetz, denn das geht ja weit in die Frage, was soll jemand an Geld bekommen, was ist gerecht gegenüber den Armen und so weiter und so fort."

Die Debatten des letzten Bundestagswahlkampfs spiegelt die Bandbreite wider, was Bürger als gesellschaftlich gerecht beziehungsweise ungerecht empfinden. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit fordert etwa die Linke mit Blick auf die noch bestehenden Ost-West-Unterschiede, während der die CDU vor bundesweit gleichen Lohnverhältnissen warnt mit dem Argument, dass dann Arbeitsplätze gefährdet seien, was ja nun auch ungerecht sei.

"Es kann darum gehen, der derjenige oder diejenige, die in der Gesellschaft am schlechtesten gestellt wird, nicht nachteilig behandelt werden darf, wenn es Veränderungen gibt."

Silke Bothfeld, Professorin für vergleichende und internationale Sozialpolitik an der Hochschule Bremen:

"Das ist so eine minimale Auffassung von Gerechtigkeit, das geht aber hin bis Gleichheitsbegriffe, wo man der Auffassung ist, dass jede Bürgerin, jeder Bürger einen angemessenen und möglicherweise einen vergleichbaren Lebensstandard erreichen soll."

Der Kampf gegen die ungerechte kalte Steuerprogression wäre Fall eins, die Forderung nach einem steuerfinanzierten bedingungslosen Grundeinkommen der Fall zwei. Wobei natürlich noch viele Fragen unbeantwortet sind: Warum können wohlhabende Familien ihren Kindern bessere Bildungschancen bieten als arme Familien? Ist es gerecht, wenn VW-Chef Martin Winterkorn knapp 1,3 Millionen Euro im Monat verdient, während seine Mitarbeiter am Band es gerade mal auf rund 3500 Euro bringen? Christoph Strünck von der Universität Siegen.

"Das ist das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit. Und interessanterweise gibt es auch in Deutschland eine große, große Mehrheit, die dieses Grundprinzip für richtig hält. Weit über 80 Prozent sagen, wer mehr leistet, soll auch mehr verdienen. Das ist aber sehr abstrakt. Was der Einzelne wirklich unter Leistung versteht, und ob der Manager tatsächlich wesentlich mehr leistet als der Mitarbeiter, das ist eine konkrete Frage. Und wenn Sie die Leute da fragen, da kriegen Sie wieder ganz andere Antworten. Das ist ein relativ allgemeines Prinzip, das so auch allgemein anerkannt ist, aber konkret gibt es darüber natürlich sehr viel Streit."

Dieser Streit führt mittelfristig zu einer Veränderung und Neubewertung dessen, was die Gesellschaft als gerecht beziehungsweise als ungerecht empfindet. Das ist eine zentrale Eigenschaft des Begriffs "Gerechtigkeit": In ihren Details wird "Gerechtigkeit" permanent neu verhandelt. Silke Bothfeld von der Hochschule Bremen

"Wir müssen davon ausgehen, dass das, was wir für richtig und falsch halten über die Zeit verändert und im historischen und im ökonomischen Kontext betrachtet werden muss. Was wir vielleicht von 20 oder 30 Jahren noch als gerecht empfunden haben, wird heute infrage gestellt."

Wobei man sich den Prozess einer Neubewertung von "Gerechtigkeit" nicht vorstellen darf als philosophisch-ethischen Diskurs. Neue Ideen von Gerechtigkeit finden ausschließlich über politischen Druck den Weg in die Parlamente und von dort in Gesetze.

"Dahinter verbergen sich Interessen- und Wählerklientel: Wenn eine Partei stärker Arbeitnehmerinteressen vertritt, wird sie darauf achten, dass die Arbeitnehmer auch ordentlich verdienen, hat eine Partei mehr Arbeitnehmerinteressen, dann achtet sie darauf, dass die Unternehmer, von dem, was sie an Lohn abführen auch genug zurückbehalten, also da sind auch sehr viele Interessen und nicht nur Ideen im Spiel."

Was für das demokratische Gemeinwesen auch tröstlich Aspekte hat: Wer sich politisch engagiert, kann beeinflussen, wie die Gesellschaft "Gerechtigkeit" interpretiert. Bei genauem Hinsehen fällt zudem auf, dass der Begriff fast schon inflationär gebraucht wird.

"Das kann man auch daran sehen, dass wir mittlerweile eine Reihe von ganz neuen Gerechtigkeitsbegriffen haben. Generationengerechtigkeit, Chancengerechtigkeit, das ist nicht neu, aber es wird neu betont, es wird gesagt, es kann ja nicht immer nur um Verteilungsgerechtigkeit gehen, Geld umverteilen, sondern von vornherein sollten doch die Chancen möglichst gleich sein."

Womit wir wieder bei Nelson Mandela wären. Worin besteht nüchtern betrachtet sein politischer Verdienst? Er hat das Unrechtsystem der Apartheid abgeschafft; er hat der schwarzen Mehrheit zur Macht und zumindest formal zur Chancengleichheit verholfen; und er hat gleichzeitig den ehemaligen weißen Peinigern die Hand zur Versöhnung gerecht. So jemanden "Gigant der Gerechtigkeit" zu nennen, ist nur folgerichtig.

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