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Polnische Nationalkirche
Heiligtum im Rohbau

1791 beschloss der polnische Reichstag den Bau einer Nationalkirche, als Sinnbild für die Freiheit einer Nation, über die Gottes Vorsehung wacht - doch auch heute, 200 Jahre nach den ursprünglichen Planungen, wird immer noch gebaut. Die Gründe dafür liegen nicht nur in der bewegten Geschichte des Landes.

Von Ernst-Ludwig von Aster und Anja Schrum |
    Zwei Arbeiter in grünen Sicherheitswesten demontieren in schwindelerregender Höhe ein Gerüst. Bauarbeiten am "Tempel der göttlichen Vorsehung", der polnischen Nationalkirche im neuen Warschauer Stadtteil Wilanòw. Der gigantische würfelförmige Neubau aus Stahlbeton mit einer 75 Meter hohen Kuppel überragt alle umliegenden Gebäude, die modernen Wohnblocks und Stadtvillen. Vor einem italienischen Café steht ein junger Mann. Die Cappuccino-Tasse in der Hand blickt er auf den Kirchen-Rohbau.
    "Zunächst einmal machen wir uns alle darüber lustig, dass das Gebäude aussieht wie eine Zitronenpresse. Die Architektur entspricht einfach nicht dem Zweck. Und dann steht dieser Schandfleck hier schon seit Jahren. Und ich habe gehört - obwohl es mich nicht wirklich interessiert - dass der Staat das fehlende Geld dazugegeben hat, damit sie endlich fertig werden. Und dass der Papst 2016 kommt, um diese Kirche zu weihen."
    Auf der anderen Straßenseite, vor dem gigantischen Rohbau, wartet eine Handvoll Besucher vor einer rot-weißen Absperrkette. Alle haben umgerechnet 1,25 Euro gezahlt. Für eine Führung durch das Untergeschoss der Kirchen-Baustelle.
    Eine junge Frau öffnet die Absperrkette, und bittet über eine unverputzte Betontreppe nach unten. 4000 Gläubige sollen irgendwann einmal im Hauptschiff Platz haben. Doch noch erinnert das mehr an ein Park - denn an ein Gotteshaus. Es ist zugig und ein wenig feucht. Von der Decke hängen Plakate, eine improvisierte Ausstellung. Sie zeigt Bilder von der Grundsteinlegung im Jahr 2002 und den Baufortschritten seitdem. Rund 30 Millionen Euro sollen die Bauarbeiten bislang verschlungen haben. Doch so genau kann die junge Führerin das nicht sagen:
    "Ich weiß nur, dass noch 16 Millionen Zloty fehlen, um zumindest den Rohbau fertig zu stellen, aber ich weiß nicht, wie viel der Bau insgesamt kosten wird", erklärt die Führerin. Umgerechnet vier Millionen Euro für die Fertigstellung des Rohbaus. Eigentlich sollten die Kosten durch Spenden der Gläubigen aufgebracht werden."
    Wenig Interesse in der Bevölkerung
    Ein älterer Mann betrachtet interessiert die Tafeln, auf denen die Namen der Spender verzeichnet sind.
    "In Krakau gibt es bereits einen ähnlichen Bau", sagt der alte Herr skeptisch und meint das Johannes-Paul-II.-Sanktuarium, das auch aus Spenden bezahlt und bereits 2013 eröffnet wurde. Doch in Warschau war die Spendenbereitschaft unerwartet gering. Der Staat musste einspringen mit der Begründung, es handele sich um ein Nationalheiligtum. Trotzdem ist noch kein Ende der Bauarbeiten in Sicht.
    Immerhin, in der Krypta, im sogenannten "Pantheon der großen Polen" finden sich einige Sarkophage bedeutender Polen. Einige von ihnen kamen beim Flugzeug-Absturz in Smolensk ums Leben. In vielen Nischen klemmen allerdings noch Schalhölzer als Statthalter. Die Reliquiensammlung aber ist schon komplett und präsentiert sich den Gläubigen in hellen Glaskästen. Unter anderem ein blutverschmiertes Stück Stoff aus dem Gewand, das Papst Johannes Paul II. trug, als das Attentat auf ihn verübt wurde.
    Nach einer Dreiviertelstunde ist die Führung beendet. Die Besucher bedanken sich, verschwinden eilig. Keiner steckt etwas in die Sammelbüchse am Ausgang.
    Auf der anderen Straßenseite, vor dem italienischen Café, schiebt eine junge Frau ihren Kinderwagen über den Bürgersteig. Sie ist vor einiger Zeit mit ihrem Mann, einem Amerikaner, hierher gezogen. Wegen der modernen neuen Wohnungen, nicht wegen der Nationalkirche. Die hat sie noch nicht einmal betreten.
    "Ich bin zwar hier in Polen geboren und ich sollte eine Katholikin sein, aber ich bin nicht religiös", sagt die junge Frau. Sie habe kein Interesse an Religion. Und die Kirche werde sie sich erst anschauen, wenn sie fertig ist.