Donnerstag, 19. Mai 2022

Archiv

Poly-Pillen-Versuch
"Risiko ist in gut versorgten Gebieten nicht ärztlich vertretbar"

Das Risiko für einen Herzinfarkt kann durch eine Pille mit mehreren Wirkstoffen minimiert werden, wie eine Studie zeigt. Von solchen Poly-Pillen sei aber im Normalfall dringend abzuraten, sagte der Mediziner Bernd Mühlbauer im DLF. Denn die Risiken für gesunde Menschen seien nicht kalkulierbar.

Bernd Mühlbaur im Gespräch mit Christian Floto | 03.09.2019

Tabletten in einer Plastikbox mit vier Fächern
Kann eine Kombination mehrerer Wirkstoffe gegen unterschiedliche Krankheiten in eine Pille vernünftig sein? Nicht unbedingt, meint der Pharmakologe Bernd Mühlbauer vom Institut für Klinische Pharmakologie am Klinikum Bremen Mitte (imago images / Rene Traut)
In einem groß angelegten Versuch in einer ländlichen Region des Iran ist das Prinzip einer Poly-Pille ausprobiert worden. Laut einer Studie im Fachblatt "The Lancet" mit Erfolg. Die tägliche Einnahme einer Pille mit zwei Blutdrucksenkern, einem Statin, das den Cholesterinspiegel senkt, sowie ASS – also Acetylsalicylsäure - in niedrigen Dosierungen hat bei über 50-jährigen Menschen ohne Vorerkrankungen die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich gesenkt. Allerdings kam es bei Studienteilnehmern auch häufiger als sonst zu Blutungen im Gehirn.
Das es positive Ergebnisse gäbe, habe vor allem damit zu tun, so Bernd Mühlbauer, Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie am Klinikum Bremen Mitte, dass diese Studie in einem medizinisch unterversorgtem Gebiet erfolgte.
Erfolge beruhen auf Schrotschusstherapie
Diese "Schrotschusstherapie hat auch bisher unerkannte Fälle von Hypertonus erreicht", also auf Grund mangelnder Untersuchungen noch nicht erkannte Bluthochdruck-Erkrankungen. Gleichzeitig seien die Auswirkungen von blutdrucksenkenden Mitteln bei Gesunden nicht so schlimm, "bei einem kreislaufgesunden Menschen senkt ein Blutdrucksenker den Blutdruck vergleichsweise wenig,... da wäre der Effekt nicht so wesentlich."
Besonders kritisch sei diese Studie aber zu bewerten bei "ASS, also Aspirin und bei Lipidsenkern. Bei Patienten, die das nicht brauchen, wird das Risiko nicht mehr so richtig kalkulierbar und dann ist es auch nicht mehr ärztlich vertretbar". Grundsätzlich versuche man ja gerade in der gutversorgten westlichen Welt, individualisierte Therapien für den Einzelnen zu erreichen.
Bessere medizinische Versorgung nötiger als Poly-Pille
Man könne aus dieser Studie allenfalls ableiten, dass, "wenn man in prekären medizinischen Versorgungssituation ist, dass das tatsächlich einen Effekt haben könnte. Insbesondere deshalb, weil man dann eben unentdeckte Fälle von hohem Blutdruck quasi automatisch mitbehandelt."
Bernd Mühlbauer sieht aber "keinerlei Konsequenzen für die medizinisch gut versorgte Erste oder auch Zweite Welt". Aus seiner Sicht ist ganz klar, "die Patienten im Iran in dieser Studie wären sicher noch besser versorgt gewesen, wenn man eine vernünftige medizische Versorgung gemacht hätte."