Sonntag, 29. Mai 2022

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Portrait: Frank Cottrell Boyce
Xanadu liegt um die Ecke

Frank Cottrell Boyce ist einer der bekanntesten britischen Kinder- und Jugendbuchautoren. Auch bei uns werden seine magisch-realistischen Geschichten geschätzt. 2013 erhielt er den Deutschen Jugendliteraturpreis für seine Erzählung „Der unvergessene Mantel“, 2015 für sein Gesamtwerk den James-Krüss-Preis. Ein Besuch.

Von Siggi Seuß | 29.12.2018

Der Autor Frank Cottrell Boyce und sein Jugendroman "Alle lieben George"
Der Autor Frank Cottrell Boyce und sein Jugendroman "Alle lieben George" (Buchcover: dtv Verlag / Autorenportrait: picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Schon einige Zeit nichts mehr von Frank Cottrell Boyce gehört, dem großen Optimisten unter den britischen Kinder- und Jugendbuchautoren der Gegenwart? Stimmt. Relativ still geworden ist es allerdings nur bei uns. Wäre da nicht ein kleines aber feines Büchlein, das im Sommer nahezu unbemerkt, nicht in seinem deutschen Hausverlag Carlsen, veröffentlicht wurde, sondern in der Reihe dtv short, mit Kurzgeschichten renommierter Autoren/Autorinnen. "Alle lieben George – Keiner weiß wieso" ist nur eine Short Story, die auf 80 Seiten eines kleinformatigen Büchleins passt, aber sie zieht einen vom ersten Satz an in das Universum eines jungen Menschen an der Schwelle zur Pubertät – in ein Universum, das Boyce immer wieder treffend charakterisiert. Ohne Umschweife, aber mit viel Witz, Ironie, Spannung, und vor allem mit einer gehörigen Portion Hoffnung auf Wachstum von Selbstbewusstsein und Überlebensstrategien.
"Wahrscheinlich glaubt ihr mir das nicht, aber früher war ich ein Loser. An meinem Geburtstag zum Beispiel meinte meine Mutter: "Komm, George, wir machen eine kleine Party. Lad ein, wen du willst." Und ich konnte keinen dazu bringen, dass er kommt. Absolut niemanden. Mini Biggs aus dem Warhammer-Club in der Schule habe ich natürlich gefragt, der ist nämlich auch ein Loser. Er meinte: "Gibt's was zu essen?"
"Unmengen. Chickenwings. Chips. Geburtstagstorte."
"Klingt gut."
"Also kommst du?"
"Geht nicht, sorry."
"Wieso?"
"Das wäre sozialer Selbstmord. Wenn rauskommt, dass ich bei dir zu Hause war, lachen mich alle aus. Aber nimm's nicht persönlich."
Ich wollte ein kleines Buch schreiben
Frank Cottrell Boyce:
"But I know that it used to be - when I'm going to schools Ich weiß, dass in vielen Schulen, in denen ich lese, das Buch mehr als Instrument der Wissensaneignung gesehen wird und weit weniger als etwas Vergnügliches. So etwas läuft mit mir allerdings nicht. Ich komme in die Klassen, unterhalte die Schüler, lese einfach etwas vor und bringe sie zum Lachen. So entstand auch "Alle lieben George". Ich wollte ein kleines Buch schreiben, das ich in meine Tasche stecken kann, das alle einfach nur lustig finden und das von etwas erzählt, mit dem sich jeder identifizieren kann, egal, wie alt er oder sie ist. Everybody could identify with and it would just be funny."
Der schüchterne George feiert also seinen Geburtstag nur im Kreis der üblichen Verdächtigen. Papa. Mama. Älterer Bruder (natürlich supertalentiert und superbeliebt). Und Opa. Der hält George eben ungeduldig ein Päckchen vor die Nase, denn er hat's eilig: der Frisör wartet.
"Ich öffnete das Päckchen. Vor meinem Geburtstag hatte ich eine Menge Andeutungen gemacht, worüber ich mich am meisten freuen würde, nämlich über neue Warhammer-Figuren. Daher war der Päckcheninhalt eine große Überraschung: eine Flasche Rasierwasser. Oben waren zwei Manschettenknöpfe draufgepappt. Ein kostenloses Werbegeschenk, angeblich echtes Design, nur leider mit der Aufschrift Glückspilz drauf. Opa sagte: "Gefällt dir hoffentlich. Ich muss jetzt los." Dann zischte er ab. "Hübsche Manschettenknöpfe", sagte Papa. "Genau das, wovon Jungs in deinem Alter träumen."
Ein Dasein als pubertäres Nachtschattengewächs
Das Rasierwasser heißt "Unwiderstehlich". Mama hatte es ihrem Vater geschenkt, als sie ein kleines Mädchen war. Das Haltbarkeitsdatum ist schon vor dreißig Jahre abgelaufen. Ein paar Tropfen gelangen auf Georges Haut – mehr zufällig als absichtlich. Und – oh, Wunder! -, obwohl das Zeug wie eine fiese Feuerqualle brennt, bringt der Duft nicht nur die Hunde der Nachbarschaft zum Bellen, die Vögel zum wilden Flattern und Katzen zum Miauen -, nein, es macht George bei den Mädchen urplötzlich zum beliebtesten Jungen der Klasse. Ja selbst die Lehrerinnen behandeln den Knaben – den sie vorher kaum registriert hatten - äußerst zuvorkommend.
"Sonst drücke ich mich auf dem Weg durch die Schulgänge immer dicht an die Wände und tue so, als ob ich unsichtbar wäre. Aber an dem Tag war ich kein bisschen unsichtbar. Jeder konnte mich sehen. Ich lief in der Mitte des Gangs, von Mädchen umringt. Das gefiel mir, auch wenn ich mir immer noch Sorgen machte, was sie wohl vorhatten. Wie ein Fisch, der den Köder lecker findet, auch wenn darin ein Haken versteckt ist."
Die Szenen, quicklebendig übersetzt von Beate Schäfer, schildert Frank Cottrell Boyce zwar mit großem Vergnügen an Überspitzungen. Wer aber die Phasen des Daseins als pubertäres Nachtschattengewächs selbst einmal durchlitten hat, weiß, dass der Autor die Leiden seiner jungen Helden ernst nimmt, um sie dann mit Augenzwinkern Wege aus der Misere finden zu lassen. Woher kommen seine präzisen Kenntnisse des pubertären Tohuwabohus?
Boyce:
"First of all: I have seven children. And they all have friends. Somebody said to me: "Your house is not your house. Your house is a village." Zuerst einmal: Ich habe sieben Kinder. Und die haben eine ganze Menge Freunde. Jemand hat mal zu mir gesagt: "Dein Haus gehört nicht dir. Dein Haus ist ein Dorf." Und dann gibt es noch einen anderen wichtigen Grund für meine Kenntnisse: Britische Kinderbuchautoren gehen ungefähr einmal in der Woche zu Lesungen in Schulen. Dem kannst du nicht entkommen. Insbesondere "Alle lieben George" entstand, weil ich in eine große Schule in Liverpool kam, der es ziemlich dreckig ging. Die Lehrerin der Klasse, in der ich las, hatte sich alle Mühe gegeben, das Lesen für die Schüler vergnüglich zu machen. Mein Büchlein war eine Art Geschenk an die Lehrerin. Ich hab's für sie geschrieben. Sie hatte einen Lesekreis für Jungs und ihre Väter gegründet, "Lads and Dads", und ich wollte etwas für diese Gruppe schreiben, das alle lieben konnten. Also wurde meine Geschichte sehr kurz, nicht tiefschürfend und einfach nur lustig. And I wanted to write something that this book group would love. So it's very short, it's just funny, it's nothing profound about it, it's just funny."
Ob Frank Cottrell Boyce die vor ein paar Jahren geschriebene Geschichte heute – angesichts der sozialen Auswirkungen von Twitter, Facebook und What's-App – noch einmal so schreiben würde?
Boyce:
"If I was rewriting that book now Wenn ich das Büchlein noch einmal geschrieben hätte, hätte ich viel mehr Facebook reingepackt. Facebook übt einen enormen Druck auf die Kids aus. Natürlich sind soziale Medien auch eine wunderbare Sache. Wer den "Unvergessenen Mantel" kennt, weiß, dass das Happy End nur zustande kommt, weil es eben soziale Medien gibt. Aber Social Medias bedeuten auf jeden Fall auch, dass man dem Gruppendruck nicht entkommt. Ein Junge wie George hätte es, glaube ich, unter diesen Umständen sehr schwer gehabt, sich zu behaupten. There is no escape from the pressure to conform. And that's very difficult, I think. A boy like George would find it really hard, I think."
Mit allen Sinnen erlebbar
Im preisgekrönten "Unvergesslichen Mantel" kam das Happy End – im Nachwort des Buches - durch Internetkontakte zustande. Die Erzählung basierte auf der wahren Geschichte der unmenschlichen und unwürdigen Über-Nacht-Abschiebung eines mongolischen Mädchens und seiner Familie aus Bootle.
Selbst wenn Frank Cottrell Boyce in künftigen Büchern die Präsenz sozialer Medien stärker berücksichtigen sollte als bisher: Im Kern wird es ihm immer um das mit allen Sinnen spürbare, greifbare und erlebbare Milieu der jungen Menschen gehen, von denen er erzählt. Um das Milieu und wie man es kraft eigener Fantasie und Freunde so transzendieren kann, dass es lebenswerter wird als es anfänglich erscheint.
Woher das rührt? Ein Schlüsselerlebnis dafür, die Wirklichkeit mit einem realistischen und mit einem magischen Auge wahrzunehmen, mag in einem Ereignis liegen, das ihm bis heute gut in Erinnerung ist. Frank, das Arbeiterkind, war damals vielleicht vier, fünf Jahre alt und wuchs in der Nähe der Docks von Liverpool auf – in einer Gegend, die heute verschwunden ist.
Boyce:
"I remember we lived in a flat, it was the ground-floor flat, and I would say "in the window" I watched people. Wir hatten eine Wohnung im Erdgeschoss und lebten sozusagen "im Fenster" - meine Großmutter, mein Bruder, meine Schwester, Mom, Dad und ich. Vor dem Fenster sah ich ständig Menschen aus aller Welt vorübereilen. Das war wirklich spannend! Der Fluss war gerade mal eine halbe Meile entfernt, aber die Sicht auf ihn war durch die vielen Häuser versperrt und durch das geschäftige Treiben auf den Straßen.
Deshalb war mir gar nicht bewusst, dass der Fluss so nahe lag. Ein Ereignis werde ich nie vergessen: Eines Tages guckte ich aus dem Fenster die aufgereihten Straßen, Kamine und Häuser entlang, als plötzlich hinter den Gebäuden ein riesiges Schiff vorüberzog. Ich dachte nur: "Hä? Da ist ein Schiff!" Natürlich war das albern, denn, so lange ich mich erinnern kann, fuhren dort ja immer Schiffe. Aber das war das erste Mal, dass ich kapierte: Wir leben am Meer!
Die Docks, die Schiffe – das war alles so aufregend! Meine Onkel fuhren zur See. Sie kamen heim und sie verschwanden wieder und sie kamen zurück. Diese Zeit hat für mich immer noch etwas Magisches. My uncles were at sea, so you see them come back and then disappear and then come back. It was just, really, I like to remember that as magical, you know."
Dort, wo Du lebst, ist es wunderschön
Und schon sind wir wieder beim Zauberwort, das Cottrell Boyce' Erzählungen und Romane wegen der Nähe zu den eigenen Erfahrungen bei den Lesern beliebt macht - egal, wie alt sie sind und wo sie leben: die Magie des Alltags, der magische Realismus also, und die zum Greifen nahen Erkundungen der kindlichen Welt diesseits des Horizonts. Hier befinden sich die Quellen seiner Inspiration:
Boyce:
"Yeah, from the surroundings and from thinking: Somebody needs to say: "The world is a good place. (lacht) Sie kommt aus der Welt, die mich umgibt, und vom Gedanken, dass jemand sagen muss: "Diese Erde ist ein guter Ort. (lacht) Bitte, bitte, rettet die Erde. Sie hat's verdient!" - Im "Unvergessenen Mantel" sucht das Mädchen - die Erzählerin - nach dem Zauberort Xanadu. Sie glaubt, er sei weit, weit weg. Man findet ihn aber nur dort, wo man lebt. - Ich glaube, es war Rilke, der geschrieben hat: "Wenn du denkst, deine Welt sei langweilig, dann nur, weil du ihre Seele nicht geweckt hast." Man muss die Seele seiner Welt wecken. Ich glaube, das ist eine mächtige Botschaft für Kinder, die ich in dieser Geschichte mitteilen wollte: "Dort, wo du lebst, ist es wunderschön, wenn du einen Weg findest, deine Welt wunderschön zu machen." And I want to say in that book: "Where you are is wonderful if you find a way of making it wonderful."
Das, vor allem, ist es, was an den Romanen fasziniert: Wie es dem Autor gelingt, aus dem schmutzigsten Grau eines müllübersäten Parkplatzes im realen Kaff West Bootle bei Liverpool (das immer wieder in der einen oder anderen Form in seinen Geschichten auftaucht), wie es ihm gelingt, das schmutzige Grau eines Ortes, aus dessen brüchigem Asphalt Löwenzahn und Farnkraut sprießen, in eine fantastisch-realistische Abenteuerlandschaft zu verwandeln. Boyce zaubert aus jedem noch so unscheinbaren, hässlichen Ort reale Kulissen, in denen – nicht vor denen! - sich Dramatisches, Tragisches und Komisches, Banales und Verrücktes, ereignet. Nicht zu vergessen: auch Wunderschönes.
Phantasie gedeiht in der Langeweile
Boyce:
"The worst thing about social media is that it removes boredom. Das Schlimmste an den Sozialen Medien ist: sie vernichten Langeweile. Sich zu langweilen, ist für ein Kind ungeheuer wichtig. Ich kann mich an die Tage, an denen ich nichts zu tun hatte, gut erinnern. Laaangweilig! - Langeweile ist für mich aber die Erde, in der die Fantasie gedeiht. Soziale Medien füllen diesen Raum aus, für Langeweile bleibt kein Platz. So löscht man seine eigene Phantasie aus, selbst wenn man im Supermarkt in der Schlange steht. - Nein, man sollte sich unbedingt langweilen! Everyone is destructed all the time. Even in a queue in the supermarket. No, you should be bored."
Der Autor zaubert also aus jedem noch so unscheinbaren, hässlichen Platz einen Ort des magischen Realismus und siedelt darin eine gleichermaßen tragische und komische, banale und verrückte Geschichte an. Da ist, zum Beispiel in "Millionen", die Sache mit Damian, der einen Einkaufswagen voller Kartons durch die Ödnis der Stadt schiebt. Drüben, am anderen Ufer des Flusses, liegt die Ölraffinerie, darüber hängen leuchtend gelbe Rauchwolken und in der Ferne zeichnet sich die Silhouette der Brücke zwischen Widnes und Runcorn ab, die wie eine riesige Himmelsleiter in die Höhe ragt. Und dann öffnet der Junge die Schachteln und – Schwärme bunter Vögel aus der Zoohandlung schwirren in die Lüfte. Zebrafinken, Papageien, Nymphensittiche, Kanarienvögel. Wie ein Feuerwerk.
"Alles war voller Farbe und Gesang."
"Alles ist voller Farbe und Gesang" - das glauben zumindest die, die sich als Kinder im Zeitalter der Abenteuer und Entdeckungen eine eigene Topografie ihrer Welt gezeichnet haben, um der Ödnis des Alltags zu entfliehen. Oder der langen Weile. Der aufgelassene Steinbruch, zweifelsohne der Grand Canyon.
Der Molchtümpel – der Titicacasee. Der Bauschutthügel hinter dem Neubau der Lagerhalle – der Mount Everest. Irgendwie erinnert das doch sehr an die fantastischen Sichten von Frank Cottrell Boyce auf die Landschaften, die ihn und die jungen Abenteurer und Entdecker in seinen Büchern geprägt haben. - Warum mir dazu am Ende ein Satz des Frühromantiker Novalis einfällt? "Eine Landschaft soll man fühlen wie einen Körper."
Vielleicht deshalb, weil einem das wohl nur in jenen Phasen des Lebens gelingt, in denen man staunend vor einem Schmelzwassersee steht, der sich aus einem russgrauen Haufen zusammengeschobenen Straßenschnees speist. Frank Cottrell Boyce scheint diese Phasen nicht vergessen zu haben.
"Angry Al fasste sich an den Kopf. "WAS LÄUFT HIER?", brüllte er. "Das macht mich verrückt. Wieso ist er auf einmal so beliebt?"
"Ich weiß nicht", antwortete Mrs Hardman. "Er ist wohl einfach aufgeblüht. Was meinst du, George, bist du aufgeblüht?"
"Kann sein", sagte ich. Dass alles nur an einer Flasche Rasierwasser lag, die seit über dreißig Jahren abgelaufen war, würde ich ihnen ganz bestimmt nicht verraten.
Frank Cottrell Boyce: "Alle lieben George. Keiner weiß, wieso"
aus dem Englischen von Beate Schäfer
dtv short, München, 5,95 Euro, ab 10 Jahre
Eine Auswahl von Büchern von Frank Cottrell Boyce:
Broccoli-Boy rettet die Welt
Mit Illustrationen von Vera Schmidt
Aus dem Englischen von Salah Naoura. Carlsen 2016, 14,99 Euro ab 10
Sputnik's Guide to Life on Earth
Macmillan Children's Books 2017, 6,99 Euro ab 9
Der unvergessene Mantel
Mit Fotos von Clare Heney und Carl Hunter
Aus dem Englischen von Salah Naoura. Carlsen 2012, Taschenbuch 6,99 Euro ab 10
Galaktisch
Aus dem Englischen von Salah Naoura
Carlsen 2009, nur antiquarisch ab 10
Meisterwerk
Aus dem Englischen von Salah Naoura
Carlsen 2006, nur antiquarisch ab 10
Millionen
Aus dem Englischen von Salah Naoura
Carlsen 2004, Taschenbuch 7,99 Euro ab 10