Mittwoch, 08. Februar 2023

Serhij Zhadan: "Himmel über Charkiw"
Posts der Heimatliebe

Keine große Literatur, aber ein historisches Dokument: Serhij Zhadan erzählt in seinen zum Buch gebundenen Internetposts vom Zusammenhalt in seiner Heimatstadt Charkiw angesichts der russischen Invasion.

Von Tobias Lehmkuhl | 24.10.2022

    Der Preisträgerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2022 Serhij Zhadan und das Cover seines Buches "Himmel über Charkiw"
    Unermüdlicher Einsatz für seine kriegsgebeutelte Heimatstadt Charkiw: Der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels Serhij Zhadan (Cover Suhrkamp Verlag / Autorenportrait picture alliance/dpa / Sebastian Gollnow)
    Es ist unerklärlich, woher dieser Mann seine Energie nimmt: Seit nun bald acht Monaten ist er unermüdlich unterwegs, hilft alten Frauen in vom Krieg leergefegten Dörfern rund um Charkiw, bringt Verbandsmaterial und Medikamente in die Krankenhäuser der Millionenmetropole, besorgt Autors, kleine Drohnen, Nachtsichtgeräte und Unterwäsche, um die Kämpfer in der Gegend mobil zu halten und ihnen die Arbeit zu erleichtern, er gibt fast täglich Konzerte mit seiner Band Zhadan i Sobaky und nutzt die Einnahmen dieser Konzerte, um weiteres Material zu kaufen, das dazu beitragen soll, die russischen Invasoren fernzuhalten. Überdies postet er zwei oder dreimal am Tag Bilder und Texte wie diesen auf Instagram und Facebook:
    "In Charkiw ist es sonnig und klar. Wenig Menschen auf den Straßen, man könnte denken, es sei Sonntag. Leider geht der Beschuss weiter, dauernd grollt es irgendwo. Die Stadt hält sich, alle sind an ihrem Platz. Unsere Freunde, die Volontäre, arbeiten schon seit dem Morgen – nehmen humanitäre Hilfe in Empfang, stellen Adressen zusammen, fahren Hilfe aus. Es volontieren hunderte Menschen. Alle sind in einem Ziel vereint – durchhalten und siegen. Über der Stadt wehen unsere Flaggen."

    Wie überlebt man den Krieg?

    Liest man Serhij Zhadans Nachrichten vom Überleben im Krieg, beantwortet sich die Frage, woher er seine Energie nimmt, eigentlich von selbst: Es ist die Kraft der Liebe, die Zhadan antreibt. Zwar bezeichnet er die russischen Invasoren hier und da mit Wörtern wie „Abschaum“ oder „Horde“, aber zum allerüberwiegenden Teil spricht nicht Hass aus seinen Texten, sondern Liebe für die Heimatstadt und seine Menschen. Angesichts seiner in „Himmel über Charkiw“ gesammelten Posts, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Überfall der Russen in den Ukrainern und speziell den Leute aus Charkiw ein ungeheures Gefühl der Zusammengehörigkeit geweckt hat; es scheint, als sei die Stimmung in der Stadt geprägt von Einigkeit und Verbundenheit, vom gemeinsamen Willen, diesen Krieg um jeden Preis zu gewinnen und die Freiheit und das eigene Leben zu bewahren. Ganz als würden alle, denen er begegnet erhobenen Hauptes und mit einem Lächeln im Gesicht der Zukunft entgegenblicken.
    In der Stadt ist es wärmer geworden, dazu zwei Tage ohne Beschuss – schon entsteht die Illusion eines normalen friedlichen Lebens. An der Stadtgrenze bildet sich eine Autoschlange – die Charkiwer kehren nach Hause zurück. Alle haben ihr Zuhause, ihre Stadt vermisst. (…) Man will zumindest für einen kurzen Augenblick diesen Tag festhalten – ein scharfer frischer Wind, der durch die ausgebrannten Innereien des Gebäudes der Gebietsverwaltung weht, der schläfrige, halbleere Bahnhof, der Schnellzug aus Iwano-Frankiwsk, voller Rückkehrer, die Tränen von Schmerz und Liebe, die leeren staubigen Straßen, Klebebänder an den Ärmeln der Soldaten, metallischer Blick in ihren Augen.

    Ein Buch der Heimatliebe

    „Himmel über Charkiw“ ist ein Buch der Heimatliebe, aber es ist auch eine Kampfschrift, eine Sammlung von Texten, die durchweg zum Widerstand und zum Durchhalten aufrufen. Sie richten sich an die eigenen Leute und beschwören den Zusammenhalt, erst in zweiter Linie wenden sie sich an Leser außerhalb der Ukraine. Es sind affektive Botschaften, in denen es nicht um genaue Beschreibung oder tiefere Reflektion der aktuellen, und das heißt in diesem Fall der jeweils tagesaktuellen Situation geht – Butscha oder die Versenkung des Kriegschiffs Moskwa kommen nur am Rande vor. Damit fehlt es dem Buch über weite Strecken an Anschaulichkeit. Ein paar Ausnahmen gibt es freilich, wie zum Beispiel die Geschichte einer Zigarettenschachtel:
    "Mein Opa hat Zigaretten der Marke »Kosmos« geraucht. Ich assoziiere sie immer mit meinem Opa. Und mit meiner sowjetischen Kindheit. Subjektiv schön, objektiv geprägt von einem ständigen Mangel an notwendigen (wenn auch so einfachen) Dingen, wo »Kosmos«-Zigaretten ein Zeichen finanzieller Respektabilität waren. Diese Schachtel haben uns unsere Soldaten geschenkt. Sie haben sie in einem erbeuteten russischen Panzer bei Charkiw gefunden. Ein Gruß aus der sowjetischen Vergangenheit. Denn alles, was Russland heute produziert, artikuliert oder demonstriert, ist ein muffiger Geruch aus der Sowjetzeit, Leichengift aus der Vergangenheit. Eine verlorene, dem Untergang geweihte Zivilisation, die weder sich selbst noch andere in Frieden leben lässt."
    Wenn es dem Buch an Anschaulichkeit fehlt, an Bildern, die sich bei Leser festsetzen, so ist das dem Medium geschuldet, für das sie geschrieben wurden. Zu einem gewissen Teil aber wird dieses Manko durch die vielen Fotos wettgemacht, die aus Zhadans Posts übernommen wurden. Sie zeigen den Romancier, Dichter, Sänger und Freiheitskämpfer mit anderen freiwilligen Helfern, mit Bandkollegen, mit einer gerade für die Truppen erstandenen Kettensäge, mit seinem Hund oder einem paar Winterstiefel, dass er für 1000 Dollar versteigert, nur um das Geld gleich wieder in Wärmebildkameras und Schlafsäcke zu investieren.

    Wichtiges Zeitdokument ohne explizit literarischen Anspruch

    Es finden sich in diesem Buch, das kein literarisches Werk ist, sondern ein historisches Dokument, auch Bilder von zerstörten Häusern, von Kindern, die seit Wochen in einer Metrostation unter der Erde leben. Immer wieder aber sieht man auch Aufnahmen vom Himmel über Charkiw, einem Himmel in dem die vielbeschworenen Fahnen wehen, und der an sich schon – himmelblau und sonnengelb – ein ukrainischer Himmel ist.
    Serhij Zhadan: "Himmel über Charkiw. Nachrichten vom Überleben im Krieg"
    Aus dem Ukrainischen übersetzt von Juri Durkot und Sabine Stöhr
    Suhrkamp Verlag, Berlin. 243 Seiten, 20 Euro