Donnerstag, 30. Juni 2022

Maria Stepanova: "Mädchen ohne Kleider"
Nackt unter Wölfen

Maria Stepanovas Gedichte beziehen sich auf die russische Geschichte, die eine der Autokratie ist und in der Frauen stets dem männlichen Machtanspruch ausgesetzt waren. Und doch zielt diese Poesie ganz auf das Heute. Stepanova zeigt, welch frappierende Aktualität eine poetische Sprache besitzen kann.

Von Helmut Böttiger | 02.06.2022

Die Autorin Maria Stepanova und das Buchcover von "Mädchen ohne Kleider"
In Maria Stepanovas aufregend unromantischen Gedichten, von denen nun drei Zyklen zum Band "Mädchen ohne Kleider" zusammengefasst wurden, geht es um das postsowjetische Ausgeliefertsein von Frauen und Mädchen. (Buchcover Suhrkamp Verlag / Portrait: picture alliance/dpa | Vyacheslav Prokofyev)
Maria Stepanova bewegt sich zwischen Lyrik, Prosa und Essay, und besonders auffällig ist, dass sie eine Vorliebe für Gedichtzyklen hat. In ihnen wird eine bestimmte Grundidee immer wieder neu umkreist und zum Sprechen gebracht. Der neue Band umfasst drei solcher Zyklen. Im russischen Original sind die Texte Maria Stepanovas in anderen Zusammenstellungen erschienen, und der erste Zyklus, der wie das gesamte Buch „Mädchen ohne Kleider“ heißt, macht gleich klar, dass hier etwas ganz anderes vorherrscht als eine landläufige Romantik:
„Immer ist da etwas, das sagt: zieh dich aus
Und zeig her, nimm das ab, leg es weg, leg dich hin
Und mach breit, lass sehen,
Mach auf, fass ihn an, siehst du das?
Immer ist da ein Zimmer mit einer waagrechten
Fläche, immer stehst du darin wie ein Baum,
Liegst wie ein Baum, wie umgestürzt immer
Die tauben Zweige hoch überm Kopf,
Erde zwischen den Fingern, Finger im Mund,
Deine Äpfel hast du nicht gehütet.“

Geschlechterverhältnis und Autokratie

Die hier angerissenen Motive – das nackte Mädchen, der Baum oder die Erde – tauchen auch in den folgenden Gedichten auf. Die Assoziationen werden immer weiter geführt und gehen von Mädchen aus, die sich ständig dem männlich dominanten Blick stellen müssen, dem unbedingten Machtanspruch, der Verfügbarkeit, der Gewalt. Durch die Einbettung in ein bestimmtes Wortfeld, das eine Landschaft oder auch abstrakte Vorstellungen aufruft, bekommt diese Grundsituation noch eine weitere Dimension, eine gesellschaftlich, historisch hergeleitete. Es geht um das Resultat einer jahrhundertelangen Entwicklung, und alles hat eine untergründige russische Färbung. Im Zentrum steht die Unterdrückung in einer autokratischen Struktur, und in der unmittelbaren Gegenwart tritt das umso mehr im Mann-Frau-Verhältnis zutage.
„Immer sind irgendwo Mädchen ohne Kleider.
Immer ist da etwas, das an ihnen frisst.
Immer ist da etwas, das von ihnen bleibt.
Immer ist da etwas für immer vorbei.“
Viele dieser Gedichte beginnen mit dem Wort „Immer“, um die Zeitlosigkeit zu akzentuieren, ein Ausgesetztsein. „Immer ist da eine Jahreszeit“, so fängt es an, und die nächsten Gedichte setzen ein mit „Immer ist Frühling“ und „Immer ist Herbst“, es geht hier nicht um eine einlinige Chronologie. Die letzte Zeile des vorangegangenen Gedichts wird in der ersten Zeile des darauffolgenden Gedichts wieder aufgenommen, ein Kreislauf, in dem weder ein einzelnes Individuum vorgesehen ist noch eine selbstbestimmte Frau. In surreal anmutenden, aber den konkreten Zusammenhang immer aufs Neue akzentuierenden Szenen und Evokationen nehmen die Mädchen mitunter auch die Gestalt eines „Hermelins“ an, das sich dem Jäger ausgesetzt sieht, wie überhaupt Jäger, Angler und Förster aus dem Arsenal tiefschwarzer Märchen auftreten. Die „Mädchen ohne Kleider“, so heißt es hier, sagen immer „Ja“ – aber in diesem „Ja“ steckt auch ein Widerhaken:
„In geschlossenen Mündern treibt das Ja aus, schießt ins Kraut
Es wickelt sich um fremde Zungen, läuft über in andere Münder
Irgendwann kommt der Tag, da der Förster der Jäger der Angler
Aufwacht und einen Haken spürt in der Zunge“

Ausgeliefert und weggeworfen

Maria Stepanova hat, unter Verweis auf Ossip Mandelstam, einmal geschrieben, dass das Gedicht „schwankend am Rand eines Abgrunds“ stehe, „zwischen Hoffnung und Urteil, Hinrichtung und Rettung.“ Und genau dafür findet sie eine Bilderwelt, die von wenigen, scharf umrissenen Worten ausgeht und ein vielschichtiges Bedeutungsfeld entwickelt. In wenigen Momenten werden postsowjetische Zustände auch konkret benannt, etwa wenn es um „Textilkombinate und Schwarzmarktateliers“ geht oder eine Böschung „zur Wolga“ abfällt. Auch ein Wort wie „Kabuff“, das die virtuose Übersetzerin Olga Radetzkaja findet, erzeugt solch ein spezifisches Milieu und eine bestimmte Atmosphäre. Aber dass diese postsowjetische Gegenwart in Zeiten der Globalisierung auch die unsere ist, zeigt unter anderem der italienische Stoff, „made in China“, der im zweiten Zyklus dieses Bandes mit dem Titel „Kleider ohne uns“ auftaucht. Diese „Kleider ohne uns“ erscheinen wie eine groteske Radikalisierung der „Mädchen ohne Kleider“ vorher: es geht nämlich um die Einsamkeit, um das Weggeworfenwerden, um die Nutzlosigkeit abgelegter Kleider.
„Alles bleibt, alles dient einem Zweck,
Jeder Fetzen Stoff will sich bis zum Schluss nützlich machen,
Sich festhalten an einem warmen menschlichen Körper,
Umhüllen, umfassen, noch nicht verlassen sein.“

Eine Poesie von frappierender Gegenwärtigkeit

Die Mädchen und die Kleider in diesen Gedichten sind Bestandteile eines aberwitzigen Traumtheaters, das die Realität aber umso schroffer und greller ausleuchtet. Im letzten Zyklus mit dem Titel „Bist du Luft“, der aus prismenartigen Vierzeilern besteht, finden sich Verse, in denen sich die Poetologie Maria Stepanovas zu verdichten scheint:
„Der Fluss war menschenleer
Windstill und ohne Wasser
Ein nackter Hinweis auf Richtung
Nicht dorthin, nur hin“
Dieser Gedichtband, dessen 69 Seiten auch die russischsprachigen Originale enthalten, wirkt schmal. Aber er zeigt, wie gerade aus dem Bewusstsein für Zeit- und Literaturgeschichte eine frappierend heutige poetische Sprache entstehen kann.
Maria Stepanova: „Mädchen ohne Kleider“.
Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja.
Suhrkamp Verlag, Berlin. 69 Seiten, 23 Euro