PR-Kampagne von Frances HaugenFacebook-Whistleblowerin auf Europa-Tour

Dass Whistleblowerin Frances Haugen nun auch im EU-Parlament über die Missstände bei Facebook aussagt, ist Teil einer minutiös geplanten PR-Kampagne. Dahinter stecken prominente Geldgeber, die den Feldzug der ehemaligen Tech-Angestellten unterstützen.

Von Marcus Schuler | 08.11.2021

Die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen spricht bei einer Anhörung am 5. Oktober 2021 in Washington D.C.
Die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen hat im Oktober auch schon in einem Ausschuss des US-Senats ausgesagt (picture alliance/Matt McClain/Associated Press)
"Ich heiße Frances Haugen. Ich habe bei Facebook gearbeitet, weil ich anfangs dachte, das Unternehmen bringt das Beste in uns hervor. Heute sitze ich vor ihnen, weil ich überzeugt bin, dass Facebook gefährlich ist für unsere Kinder. Es sät Zwietracht und schwächt unsere Demokratie."
Als Frances Haugen am 5. Oktober vor dem US-Kongress aussagt, ist das der vorläufige Höhepunkt einer fast minutiös geplanten Veröffentlichungs-Kampagne. Die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin hat vor allem ein Ziel: Mit ihren Dokumenten aus der Firmenzentrale des Social-Media-Konzerns will sie die Öffentlichkeit wach rütteln.
Blick auf einen Smartphone-Bildschirm mit dem Icon der Facebook-App
Massive Vorwürfe gegen Facebook
Dass Facebook auch für Menschenhandel und Auftragsmorde genutzt wurde, war dem Konzern bekannt – unternommen hat er gegen diese und weitere Probleme wenig. Das zeigen interne Dokumente des Unternehmens.
Auf keinen Fall soll ihr widerfahren, was einer anderen Whistleblowerin, der ehemaligen Facebook-Informatikerin Sophie Zhang passiert ist. Diese hatte eine Website aufgesetzt und veröffentlicht, weshalb Facebook ihrer Meinung nach beim Thema Hassrede und Falschinformationen versagt. Zhang erzählte kürzlich im TV-Sender CNN: "Facebook hat erst meinen Web-Server abschalten lassen, dann haben sie sogar meinen Domain-Namen gesperrt."
Als sich Haugen im Frühjahr dazu entschließt, Auszüge ihrer Firmendokumente zuerst Jeff Horwitz, einem Tech-Journalisten des "Wall Street Journals" im Silicon Valley, zu überlassen, beginnt sie sich gleichzeitig juristisch abzusichern.

Whistleblower-Organsiation leistet juristischen Beistand

Larry Lassig, bekannter Verfassungsrechtler und Professor in Harvard ist ihre erste Anlaufstelle. Er vermittelt sie an die PR-Agentur von Bill Burton, einem ehemaligen Sprecher von Barack Obama. Der arbeitet auch für die Aktivistenorganisation Center for Humane Technology in San Francisco. Die gemeinnützige Organisation setzt sich für eine Reform der Tech-Konzerne ein.
Juristischen Beistand bekommt Haugen von Whistleblower Aid, ebenfalls ein gemeinnütziges Unternehmen. Beide werden finanziell unter anderem von Pierre Omidyar unterstützt. Der Milliardär hat den Online-Marktplatz Ebay gegründet.

Unterstützung von Tech-Millionären

Omidyar ist es auch, der mit seiner gemeinnützigen Firma Luminate Haugens derzeitige Tour in Europa organisiert hat. Im Silicon Valley hat sich mittlerweile ein festes Netzwerk zum Schutz von Hinweisgebern aus der Tech-Industrie etabliert, das vor allem mit dem Geld der Tech-Millionäre unterstützt wird, denen die Machtfülle von Facebook, Google und Amazon zu weit geht.
Bislang hat Frances Haugen in der US-Öffentlichkeit alles richtig gemacht und viele Sympathien erworben. Das meint unter anderem auch Cecilia Kang. Sie ist Journalistin bei der "New York Times" und berichtet über das Spannungsverhältnis zwischen Politik und Tech-Unternehmen aus der US-Hauptstadt Washington. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Sheera Frankel hat sie ein Buch über Facebook unter dem Titel "The Ugly Truth - Die schmutzige Wahrheit" geschrieben. Sie zollt der 37-jährigen Haugen Respekt:
"Sie hat einen ungeschminkten Einblick in die Arbeitsweise von Facebook gegeben. So etwas haben Kongress und Öffentlichkeit in dieser Klarheit noch nie zuvor gehört. Außerdem konnte sie ihre Aussage mit zehntausenden internen Unterlagen untermauern."

Facebook-Investor lobt Haugens Kampagne

Lob gibt es auch von Roger McNamee, einem Facebook-Investor der ersten Stunde und früheren Berater von Mark Zuckerberg. Heute ist er einer der größten Gegner des Konzerns. Hinweisgeber Haugen habe die Offenlegung ihrer Facebook-Dokumente wie einen perfekten Produkt-Launch im Silicon Valley inszeniert, erzählt McNamee vor wenigen Tagen begeistert beim Websummit in Lissabon:
"Mit den Zeitungsartikeln im 'Wall Street Journal', in denen ihr Name noch nicht auftauchte, hat sie erst Spannung erzeugt. Dann ihr Interview im TV-Sender CBS und schließlich ihre Aussage vor dem Senatsausschuss. Sie hat eine tiefgreifende Diskussion angestossen."
Tech-Investor McNamee glaubt allerdings: Facebook könne erst Einhalt geboten werden, wenn dem Management des Konzerns Gefängnisstrafen drohten.