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StartseiteInformationen am Morgen Fernsehstar auf Präsidentschaftskurs20.04.2019

Präsidentschaftswahl in der Ukraine Fernsehstar auf Präsidentschaftskurs

Er ist Fernsehstar, hat kein Wahlprogramm und bisher so gut wie keine Interviews gegeben. Trotzdem hat Wolodymyr Selenskyj gute Chancen, den amtierenden Präsidenten Petro Poroschenko bei der Stichwahl um das Präsidentenamt am 21. April abzulösen.

Von Florian Kellermann

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Der Schauspieler und Präsidentschaftskandidat Wolodymyr Selenskij bei seiner Stimmabgabe zur Präsidentschaftswahl in der Ukraine. (Yulia Ovsyannikova / ukrinform / imago-images)
Der Schauspieler und Präsidentschaftskandidat Wolodymyr Selenskyj bei seiner Stimmabgabe zur Präsidentschaftswahl in der Ukraine. (Yulia Ovsyannikova / ukrinform / imago-images)
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Olexander Selenskyj kreuzt abwehrend die Hände vor der Brust. Nein, er werde kein weiteres Interview geben, sagt er.

"Das Ganze ist mir unangenehm. Ich bin ein bescheidener Mann. Ich will nirgendwo auftreten und mich produzieren."

Der 70-Jährige ist Professor für Informatik. In letzter Zeit eilt er nach den Vorlesungen immer schnell nach Hause. Damit Journalisten ihn hier nicht antreffen, in der Wirtschafts-Universität, einem Plattenbau am Stadtrand von Krywyj Rih.

"Ich hätte ihm gesagt, jemand anders soll das machen"

Sein Sohn Wolodymyr habe ihn ja nicht gefragt, bevor er sich als Präsident bewarb:

"Ich hätte ihm gesagt, jemand anders soll das machen. Aber wenn es keinen anderen gibt, der den amtierenden Petro Poroschenko besiegen kann, dann von mir aus. Denn der muss weg, das Land muss anders werden. Die Korruption…"

Krywyj Rih ist eine Industriestadt mit 600.000 Einwohnern. Journalisten kommen hierher, um mehr über Wolodymyr Selenskyj zu erfahren. Denn der 41-Jährige gibt kaum Interviews, ein Wahlprogramm hat er nicht. Sein Vater Oleksander sagt schließlich doch noch ein paar Worte:

"Er mag die Westukraine genauso wie den Osten, er will das Land einen. Und er will die Wirtschaft wieder auf Vordermann bringen. Und er kann das schaffen, er ist ein intelligenter Junge."

Tatsächlich hat Wolodymyr Selenskyj den ersten Wahlgang nicht nur in Krywyj Rih und dem russischsprachigen Osten der Ukraine gewonnen. Er lag auch in vielen westlichen Regionen vorne. Und das trotz seines ungewöhnlichen Wahlkampfs. Selenskyj, ein Kabarettist, war fast nur virtuell präsent, vor allem durch seine Satire-Shows.

Am Eingang der Universität stehen drei Studenten. Alina, 21 Jahre alt, hat Selenskyjs Fernsehserie "Diener des Volkes" gesehen. Selenskyj spielt einen Lehrer, der überraschend Präsident wird.

"Ein Präsident wie aus einem Märchen, nahe am Volk, ehrlich und unbestechlich. Ich glaube, Wolodymyr Selenskyj kann so einer werden. Ich folge ihm auf Youtube, er wirkt so vertrauenswürdig. Ich hoffe, dass er unser Land wenigstens ein bisschen besser macht."

Für junge Leute kaum Perspektiven

Denn in den vergangenen Jahren sei das Leben eher schwerer geworden in Krywyj Rih, erzählt Alina. Vor allem die älteren Menschen treffe es hart, dass die Nebenkosten so gestiegen seien.

"Das Herz blutet einem, wenn man sie am Geldschalter auf der Post sieht, die Väterchen und Mütterchen, und schockiert sind, wie viel sie bezahlen sollen."

Und auch die jungen Menschen hätten immer weniger Perspektiven:

"Die meisten aus unserem Jahrgang wollen nach ihrem Abschluss in Polen arbeiten. Hier gibt es einfach keine gute Arbeit. Ich will nicht weg, nur im Notfall. Ich hoffe, dass uns Selenskyj hilft."

Für Selenskyj spricht in den Augen der Studentin, dass er ganz alleine Karriere gemacht hat, ohne reiche Eltern.

Krywyj Rih habe ihn gestählt, meint ihr Studienkollege. Gerade in den 1990er-Jahren hätten Gangs die Straßen unsicher gemacht. Rau sei das Leben hier, aber eben auch herzlich.

Dem stimmt Wolodymyr Kazak zu. Er ist Geografie-Professor an der Pädagogischen Universität in Krywyj Rih und Heimatforscher.

"Hier gibt es immer noch viele reine Männerberufe - Bergleute, Stahlarbeiter. Da entsteht eine etwas grobe Umgangsweise, ein deftiger Humor. Das nennen wir einen eisernen Charakter. Wenn man das Kabarett von Wolodymyr Selenskyj anschaut, dann findet man genau diesen Charakter, diesen Humor dort wieder."

In den Gruben von Krywyj Rih wird Eisenerz abgebaut, bis auf 1,7 Kilometer unter der Erde. Das ist überall zu spüren: Wenn es regnet, schimmern die Pfützen am zentralen Gagarin-Prospekt rotbraun. Und bis heute ist das Stahlwerk mit seinen 40.000 Mitarbeitern der mit Abstand größte Arbeitgeber.

Das Kabarett von Wolodymyr Selenskyj heißt "95. Kwartal" - genau wie ein zentral gelegenes Stadtviertel von Krywyj Rih. Hier ging Selenskyj ins Gymnasium, auch ein etwas in die Jahre gekommener Plattenbau.

Wolodymyr Tignian, der ehemalige Physiklehrer des ukrainischen Präsidentenanwärters Wolodymyr Selenskyj. Er sagt, Selenskyj habe sich schon früher als frei denkender Mensch bewiesen. (Deutschlandradio / Florian Kellermann)Wolodymyr Tignian, der ehemalige Physiklehrer des ukrainischen Präsidentenanwärters Wolodymyr Selenskyj. (Deutschlandradio / Florian Kellermann)

Schon als Schüler ein Freidenker

Damals trat eine Gruppe von Lehrern mit einem Kabarett-Programm gegen eine Schüler-Gruppe an, angeführt von Selenskyj. Wolodymyr Tignian, der Physik unterrichtet, erinnert sich:

"Nachdem wir verloren hatten, hat Selenskyj zu mir gesagt: 'Kein Wunder, als Schüler können wir uns einfach mehr erlauben.' Ich glaube, das hat er behalten - diese Freiheit, das zu sagen und zu machen, was er möchte. Ich nehme an, er wird sich auch in Zukunft als frei denkender Mensch erweisen."

Zu Politik will sich der 65-Jährige eigentlich nicht äußern. Aber man merkt ihm an, dass auch er sich einen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wünscht.

"Es ist ja nicht unbedingt ein Vorteil, wenn jemand Erfahrung hat. So jemand hält gerne an alten Schemata fest. Aber das Neue muss ja immer das Alte überwinden. Und er ist fähig, ständig hinzuzulernen."

Krywyj Rih hat Wolodymyr Selenskyj wohl fast geschlossen hinter sich. Und die Botschaft, die von der Industriestadt ausgeht, scheint im ganzen Land anzukommen, ganz ohne Wahlprogramm, wie die Umfragen zeigen: Ein junger, begabter Mann kann der korrupten Elite den Kampf ansagen.

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