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StartseiteInterviewJournalist Goffart: Mehr Zukunftsängste, mehr Verunsicherung 15.08.2021

Prekariat durch Digitalisierung Journalist Goffart: Mehr Zukunftsängste, mehr Verunsicherung

Die Generation der Baby-Boomer konnte gelassen in die Zukunft schauen, jüngeren Menschen gehe diese Zuversicht stark abhanden, sagte der Journalist Daniel Goffart. Vor allem durch die fortschreitende Digitalisierung könnten letztlich viele Jobs wegfallen, so Goffart im Dlf.

Daniel Goffart im Gespräch mit Michael Köhler

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Eine Kassiererin bei der Arbeit in einem Supermarkt. ( picture alliance / Oliver Berg)
Vor allem Jobs mit Routinearbeiten könnten von der Digitalisierung aufgefressen werden, wie z.B. die Tätigkeit von Kassierenden, sagt Daniel Goffart ( picture alliance / Oliver Berg)
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"Wir wussten immer alle: Wir bekommen irgendwie eine Arbeit, wir können unser Leben finanzieren, wir haben eine soziale Absicherung, wir haben eine Rente. Die Kinder, die wir haben, können, wenn Sie wollen, studieren oder eine Ausbildung abschließen. Vielleicht haben wir sogar irgendwann mal ein Haus im Grünen oder eine eigene Wohnung in der Stadt", sagte der Journalist Daniel Goffart (Jahrgang 1961) im Dlf. "Und dieser Traum, diese Zuversicht, dass das gelingt, ist vielen jetzt abhanden gekommen."

In seinem Buch "Das Ende der Mittelschicht" geht der Journalist der Frage nach, warum sogenannte normale Arbeitsverhältnisse und damit einhergehende Lebenssicherheiten der Menschen seltener werden. Nach Goffart eine der Hauptursachen: die Digitalisierung.

  (picture alliance/ Zoonar/ Benis Arapovic) (picture alliance/ Zoonar/ Benis Arapovic)Die neue "Working Class"  
Zur neuen "Working Class" zählt die Journalistin Julia Friedrichs Menschen, die nicht in der Lage sind, Rücklagen aufzubauen. In Deutschland seien das ungefähr 50 Prozent der Arbeitenden, sagt Friedrichs - und warnt vor fatalen Folgen.

"Wir stehen vor einer Art Polarisierung der Jobs", sagt Goffart. Demnach werden viele neue Tätigkeiten auf dem Feld der Digitalisierung von Industrie und Produktionsfertigung entstehen, und viele Jobs auf dem Feld der bisherigen Routinearbeiten verschwinden.

Zu beobachten sei Letzteres bereits heute im Sektor der Banken, wo viele Routinearbeiten von Apps oder anderer künstlicher Intelligenz übernommen würden. Aber auch Berufskraftfahrer dürften langfristig durch autonome Fahrzeuge ersetzt werden, Kassiererinnen und Kassierer durch automatisierte Kassen, so Goffart.

Mehr Verlierer als Gewinner der Digitalisierung?

Goffarts These: Die Digitalisierung vernichtet Arbeitsplätze und bringt zugleich neue hinzu.  Das große Problem hinter beiden gegenläufigen Entwicklungen liege in einer gewissen Ungleichzeitigkeit. "Diejenigen, die ihre Arbeit in der alten, analogen Welt verlieren, sind nicht gleichzeitig diejenigen, die die neu entstehenden Jobs in der Hightech-Welt von Morgen übernehmen können." Vielen Menschen fehle dafür einfach die Qualifizierung. Und wenn unbefristete, sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse als Grundlage für soziale Absicherung (Rente, Krankheit, Arbeitslosigkeit) tendenziell schwinden, wachse ein Problem heran, so Goffart.

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