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StartseiteInterviewPrimor: Frieden in Nahost nur mit einem Palästinenserstaat09.09.2006

Primor: Frieden in Nahost nur mit einem Palästinenserstaat

Ehemaliger israelischer Botschafter sieht keine Alternative zur Versöhnung

Für den Nahen Osten gibt es laut Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland, keinen anderen Ausweg als den Frieden. Ein israelischer und ein palästinensischer Staat müssten in enger Kooperation miteinander und doch getrennt voneinander existieren. Primor forderte dazu auf, sich für allgemeingültige Werte in der Erziehung einzusetzen. Unterschiede in der Erziehung seien die Wurzel für dauernde Konflikte wie den im Nahen Osten.

Moderation: Dirk-Oliver Heckmann

Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland (AP)
Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland (AP)

Dirk-Oliver Heckmann: Es ist ein außergewöhnliches Projekt, das da heute in Berlin mitten auf dem Bebelplatz von statten geht. Dort ist ein überdimensionaler runder Tisch installiert, an dem über hundert Künstler, Wissenschaftler und Aktivisten aus aller Welt Platz nehmen, um ihre Antworten zu geben auf die hundert drängensten Fragen unserer Zeit, so jedenfalls der Anspruch des Organisatoren, des Werbespotregisseurs Ralf Schmerberg. Alle Antworten werden auf Video festgehalten und sollen wenig später im Internet abrufbar sein, um eine weltweite Debatte anzustoßen über die Zukunft unseres Planeten. "Table of Free Voices", "der Tisch der freien Stimmen", diesen Titel trägt das Projekt, für das Außenminister Steinmeier die Schirmherrschaft übernommen hat und an dem so illustre Menschen teilnehmen, wie Giora Feidman, Wim Wenders, Willem Dafoe oder Bianca Jagger und der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland, guten Morgen Avi Primor.

Avi Primor: Guten Morgen Herr Heckmann

Heckmann: Herr Primor, was haben sie gedacht, als sie von den Organisatoren gefragt wurden, ob sie mitmachen würden?

Primor: Ich war ein bisschen skeptisch am Anfang. Ich dachte, das wäre ein Projekt, dass irgendwie nicht realisierbar wäre, es schien mir zu sehr ehrgeizig zu sein. Dann aber, je mehr ich darüber nachgedacht habe, dachte ich, es lohnt sich zumindest, es zu probieren.

Heckmann: Und was hat sie dann dazu bewogen, mitzumachen konkret?

Primor: Weil ich die Fragen gesehen habe und dachte, dass sind ja richtige Fragen, die man beantworten muss. Wir müssen ja gemeinsam denken, weil das Problem heute ist, dass jeder sich die Sachen anders vorstellt, jeder für sich und jeder versteht sie auch anders.

Heckmann: Es sind hundert Fragen, die da gestellt werden, auf die sie dann auch Antwort geben sollen und diese hundert Fragen wurden extrahiert, ich glaube aus fünftausend oder fünfzigtausend Fragen, die gesammelt wurden ursprünglich. Sie sagen, es sind die richtigen Fragen gewesen. Welche Fragen sind es denn, die dort gestellt werden?

Primor: Es gibt Fragen von Frieden und Krieg, von Terrorismus und Kampf gegen Terrorismus, von Zwischenbeziehungen zwischen Menschen, von Entwicklung der dritten Welt, von Kampf gegen Seuchen, von verschiedenen religiösen Ideen, Fanatismus, also alles, was uns heute bewegt, bis hin zu Klima und Umwelt.

Heckmann: Was war die schwierigste Frage, die sie gelesen haben, und wie lautet ihre Antwort darauf?

Primor: Ich glaube, Fragen, die die dritte Welt betreffen, warum die dritte Welt sich nicht entwickelt und was man dazu tun kann, damit die dritte Welt sich doch entwickelt. Ich halte es für richtig, dass man die Globalisierung fördert, nicht dass man die Globalisierung bekämpft. Ich glaube, die Globalisierung wird die Lösung für die dritte Welt sein, vorausgesetzt, dass man diese Globalisierung auch begrenzen kann oder eher kontrollieren kann, in Grenzen halten kann. Wir brauchen die Globalisierung, aber wir brauchen auch Richtlinien der Globalisierung und das wird die dritte Welt entwickeln können.

Heckmann: Die Globalisierung ist ein Kernthema, das zweite ist das friedliche Zusammenleben, sie haben es eben gerade schon angedeutet. Sie kommen und sie leben in einer Region, für die Abwesenheit von Frieden schon fast konstitutiv zu sein scheint. Inwieweit beeinflusst das ihre Antworten auf die gestellten Fragen?

Primor: Ich glaube schon, dass das Problem daher kommt, so wie in vielen anderen Fragen, dass die Menschen nicht die gleiche Erziehung haben und nicht die selben Werte und Kriterien haben. Das ist ein Problem. Ich glaube, dass wir irgendwie auch Erziehung globalisieren sollten, damit die Werte, die die Menschen bekommen, überall die gleichen sind. Wenn der eine meint, dass ein Gottesstaat die einzige Antwort für die Menschheit ist und dass man für einen Gottesstaat sterben muss - also man befördert nicht das Leben, sondern eher den Tod - dann hat er natürlich andere Werte als diejenigen, die in einer globalisierten Gesellschaft aufwachsen wollen und die an Demokratie denken, wo der Mensch seine private Freiheit zum Ausdruck bringen kann. Es wird dann Frieden herrschen erst, wenn die Menschen tatsächlich die gleichen Kriterien in ihrer Kindheit bekommen.

Heckmann: Die ganze Veranstaltung findet statt auf dem Bebelplatz, mitten in Berlin, dort wo die Bücherverbrennung stattgefunden hat. Welche Bedeutung hat diese Tatsache für sie?

Primor: Eine sehr symbolische Bedeutung natürlich. Wo Menschen versuchten, die eigenen Antworten, Ideen, Weltanschauungen zu erzwingen, dadurch, dass sie die Bücher des Anderen verbrennen, ausgerechnet da soll so eine Veranstaltung stattfinden, die die größte Meinungsfreiheit der Welt darstellen will. Das ist doch wunderbar, das zeigt, wie weit wir schon seit 1933 gegangen sind, wie viel wir schon erreicht haben, obwohl es noch viel zu tun gibt.

Heckmann: Herr Primor, ganz an der Tagespolitik kommen wir nicht vorbei und dieses Thema wird sicherlich auch eine Rolle spielen bei der Diskussion heute. In Deutschland gibt es seit einigen Wochen eine heftige Diskussion um die Beteiligung deutscher Soldaten an dem Nahost-Friedenseinsatz, es gibt Widerstände in der Opposition und auch CSU-Chef Stoiber hat sich sehr zurückhaltend geäußert und die Hälfte der deutschen Bevölkerung ist gegen diesen Einsatz. Würden sie sagen, dass sie manchmal den Eindruck haben, dass die Solidarität mit Israel nur auf dem Papier steht und dass sich die Deutschen teilweise verstecken, wenn es ernst wird?

Primor: Nein, ich sehe es gar nicht so, ich glaube, dass die Deutschen Einwände haben zunächst einmal, weil sie Reibereien mit den Israelis fürchten, wozu wir noch nicht reif sind. Ich glaube, wir werden wahrscheinlich nie dazu reif sein, aber auf jeden Fall Reibereien zwischen deutschen Soldaten und israelischen Soldaten sind natürlich gefährlich für uns alle.

Aber das ist nur ein Grund. Ich glaube, die Deutschen stellen sich auch die Fragen: Wozu brauchen wir das? Was haben wir davon? Was nutzt das? Also es nutzt aus zwei Gründen: Zunächst einmal nutzt es, weil es behilflich ist zur Beruhigung der Situation. Aber darüber hinaus dient es auch dem Interesse der Deutschen, dem Interesse der Europäer, weil Turbulenzen im Nahen Osten irgendwie sich ausweitern auch auf Europa, zum Beispiel die Wellen der illegalen Zuwanderung verstärken sich, wenn es im Nahen Osten und Nordafrika Turbulenzen gibt. Auch die Ölpreise steigen dann, was natürlich verheerend für die europäische und deutsche Wirtschaft ist. Ich glaube, es geht nicht nur um ein Interesse des Friedens und der Menschheit, es geht auch um das unmittelbare Interesse Deutschlands und Europas und insofern würden die Deutschen das Richtige tun, wenn sie ihren Beitrag dazu leisten werden.

Heckmann: Ich weiß nicht, ob die Fragen enthalten ist in den hundert Fragen am Tisch der freien Stimmen. Ich will sie trotzdem stellen: Glauben sie, dass es Frieden geben kann in der Region Nahost irgendwann?

Primor: Ich glaube, dass es Frieden geben wird. Jeder Krieg ist irgendwann zu Ende, es gibt keinen Krieg, der ewig dauert, aber vor allem sind wir schon so weit, dass die Mehrheit der Bevölkerung und auf allen Seiten weiß, dass es keinen Ausweg gibt, dass es keine andere Lösung als Frieden gibt. Das heißt zum Beispiel konkret gesagt in dem israelisch-palästinensischen Problem: Die Palästinenser wissen heute auf jeden Fall schon, dass sie den Staat Israel nicht vernichten können, dass sie den Staat Israel aus dem Nahen Osten nicht wegfegen können und die Israelis wissen, dass sie über eine andere Bevölkerung nicht herrschen dürfen und nicht herrschen können. Also was bleibt dann übrig? Es bleibt übrig eine Trennung zwischen den beiden Völkern und dass dort, wo die Palästinenser leben, ein Palästinenserstaat entsteht, ein unabhängiger Palästinenserstaat, dass dort wo die Israelis leben, ein israelischer Staat aufrecht erhalten bleibt und dass zwischen den beiden Staaten, die so winzig klein sind, eine enge Kooperation sich entwickelt. Es gibt schlicht und einfach keine andere Lösung, das weiß die Mehrheit der Bevölkerung. Zwar gibt es Fanatiker auf beiden Seiten, die alles mögliche tun, um diese Lösung zu verhindern, aber das kann nicht ewig dauern.

Heckmann: Der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor ist Teilnehmer am Tisch der freien Stimmen, der heute in Berlin stattfindet. Vielen Dank für das Gespräch.

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