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StartseiteTag für TagSind die Eltern schuld?07.01.2020

Probleme muslimischer JungenSind die Eltern schuld?

Junge männliche Muslime haben es oft schwer in Deutschland. Einen Grund dafür sieht der Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak im Erziehungsstil der Eltern. Durch überkommene Werte würden sie ihre Kinder nicht gut auf die moderne globalisierte Welt vorbereiten.

Von Levent Aktoprak

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24.10.2019, Nordrhein-Westfalen, Dortmund: Pressekonferenz an der Fachhochschule Dortmund mit Wissenschaftler Ahmet Toprak. Der Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak stellt sein Buch "Muslimisch, männlich, desintegriert" vor. (dpa / Fabian Strauch)
Der Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak stellt sein Buch "Muslimisch, männlich, desintegriert" vor (dpa / Fabian Strauch)
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"Das Neue an diesem Buch besteht eigentlich darin, dass ich die Verantwortung auf die Eltern ummünze. Ich denke, dass die Eltern mit ihrer Verhaltensweise den Jungen falsch auf den deutschen Alltag vorbereiten."

Der Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak macht in seinem neuen Buch "Muslimisch, männlich, desintegriert" für das gesellschaftliche Scheitern der muslimischen Jugendlichen primär das konservative Elternhaus verantwortlich. Für ihn sind die Ursachen in der Erziehung zu finden.

"Falsch auf die Schule vorbereitet"

"Wenn sie dem Jungen alles nachsehen: Du musst nicht alles richtig machen, du hast dafür auch Zeit, du darfst auch Fehler machen, du darfst auch viele Fehler machen, du musst auch nicht diszipliniert sein, du musst auch nicht ordentlich sein, du musst auch nicht termingerecht und zielgerichtet arbeiten. Das sind eben genau die Dinge, die den Jungen falsch auf die Schule vorbereiten. Denn diese Attribute, die die Eltern von den Söhnen nicht erwarten, werden in der Schule verlangt."

Für Ahmet Toprak werden muslimische Jungen falsch auf die Lebenswirklichkeit in Deutschland vorbereitet, und dafür seien primär die Eltern verantwortlich. Ihr muslimisch-konservatives Erziehungsmodell mit überlieferten Rollenbildern sei nicht zeitgemäß. Die Tochter hat in einer traditionellen Familie oft wenige Freiheiten und als zukünftige Hausfrau und Mutter ist sie angehalten, fleißig, zuverlässig und diszipliniert zu sein. Aber das seien gerade die Eigenschaften, die man brauche für eine erfolgreiche Schullaufbahn, sagt Ahmet Toprak. Und viele Mädchen nutzen ihren Bildungsvorteil und schaffen sich dadurch auch mehr Freiräume.

Die Jungen hingegen haben meistens viele Freiheiten, ihnen werden kaum Grenzen gesetzt. Sie sollen später traditionell das Oberhaupt der Familie sein, repräsentieren, beschützen und ernähren. Laut Toprak scheitern viele Jungen an diesem Erfolgsdruck. Die Erwartungen seien zu hoch, zumal der eigene Vater oft kein gutes Vorbild abgebe, weil er beispielsweise arbeitslos ist oder kaum Deutsch sprechen kann.

"Religiös, traditionell oder patriarchal bedingt"

"Ist es religiös bedingt, traditionell bedingt oder patriarchal bedingt oder hängen sie in irgendeiner Art und Weise zusammen? Natürlich beeinflussen sich die Bedingungen gegenseitig. Und der Islam ist nun mal patriarchal gegliedert und Menschen agieren patriarchal und geschlechtergetrennt. Ob das religiös, traditionell oder patriarchal bedingt ist, ist immer die Schwierigkeit, das zu trennen."

Ahmet Toprak im Studio mit Levent Aktoprak (Deutschlandradio / Levent Aktoprak)Ahmet Toprak (rechts) im Studio mit Levent Aktoprak (Deutschlandradio / Levent Aktoprak)

Für Ahmet Toprak ist die Religion nicht zwangsläufig integrationshemmend und eine Erfolgsbremse. Da müsse man schon stärker differenzieren, sagt er. Wohl aber werde der Islam zu einem Problem, wenn er mit seinen Normen und Werten zu sehr im Vordergrund stehe und den Alltag und die Zukunft von Jugendlichen bestimme:

"Ich kann als Migrant oder Muslim nicht erwarten, dass meine Kinder Ingenieur und Ärzte werden, aber ich schicke mein Kind nicht in den Schwimmunterricht. Das geht eben auch nicht. Das heißt, ich muss da auch – wenn ich sage strukturelle Integration, Bildungsbeteiligung – muss ich auch sozial integriert sein. Kein Mensch erwartet Assimilation, aber auch da, wo es nötig ist, muss ich meine Normen und Werte anpassen. Wenn es in Deutschland heißt, Mädchen und Jungs gehen gemeinsam schwimmen, kann ich nicht auf meine Religion verweisen."

Erziehung mit klaren Grenzen

Der Erziehungswissenschaftler Toprak plädiert für eine Erziehung mit klaren Grenzen. Er fordert, dass Eltern Jungen und Mädchen gleichbehandeln, dass sie sich als Muslime nicht zu Opfern der deutschen Gesellschaft erklären und dass sie sich bei der Erziehung nur wenig auf die Religion berufen.

Toprak sieht eine Gefahr darin, wenn in muslimisch-konservativen Familien traditionelle Werte unreflektiert auf die Jungen übertragen werden. Das hätte Folgen. Mit so einer Erziehung würden den Jungen wichtige Schlüsselkompetenzen genommen, die sie in der globalisierten modernen Welt brauchten, wie etwa Flexibilität im Denken, eine gewisse Frustrationstoleranz, Selbstdisziplin, Selbstorganisation und Kritikfähigkeit.

"Diese Imame sind alles, aber bestimmt nicht progressiv"

Toprak sieht auch die Rolle der Islamverbände kritisch – vor allem die Erziehung in den islamischen Gemeinden und die religiöse Unterweisung an Schulen. Als Beispiel nennt er den türkisch-islamischen Religionsverband DITIB.

"Deshalb bin ich immer dafür gewesen, dass die Imame eben in Deutschland ausgebildet werden sollen und müssen und dementsprechend auch die Struktur kennen. DITIB ist dafür bekannt, dass die Imame aus der Türkei kommen. Und diese Imame sind alles, aber bestimmt nicht progressiv und offen. Bestimmte Personen werden nach Deutschland geschickt und die haben ein doppeltes Mandat. Offiziell heißt es ja religiöse Unterweisung, aber es geht da auch um sehr viel Türkentum, türkische Identität. Das wird immer unter dem Teppich gehalten. Aber wenn man sich ein bisschen die DITIB-Struktur anschaut, dann weiß man genau, welche Aufgabe sie haben. Auf dem Faltblatt steht was ganz anderes als was sie am Ende tun."

"Salafismus zieht junge Menschen an, die orientierungslos sind"

Der Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak argumentiert nicht nur mit Ergebnissen seiner Forschungsarbeit. Er zieht auch zahlreiche Fallbeispiele heran, seine Erfahrungen als Sozialarbeiter und auch eigene biografische Erlebnisse. Eigentlich ungewöhnlich für einen Wissenschaftler. Aber dafür macht es das Sachbuch "Muslimisch – Männlich – Desintegriert" interessanter und authentischer. Toprak benennt die sozialen Probleme, die mit Kultur und Religion der muslimischen Bevölkerung verbunden seien. Er macht es sachlich und ohne anzuklagen und fordert, dass muslimische Jungen besser gefördert werden. Auch damit sie nicht anfällig werden für radikale Botschaften.

"Beim Salafismus gibt es ganz klare Regeln, entweder du bist einer von uns und gut oder du bist nicht bei uns und du bist schlecht. Wenn streng, dann für beide Geschlechter, und das gibt den Leuten Orientierung. Die Diskothek ist laut und im Salafismus verboten, amerikanische Produkte sind verboten. Diese strenge Orientierung zieht vor allem junge Menschen an, die orientierungslos sind, die eben diesen Anker brauchen."

Orientierung, die muslimische Jungen in ihrem Elternhaus oft nicht bekommen würden.

Ahmet Toprak: "Muslimisch, männlich, desintegriert. Was bei der Erziehung muslimischer Jungen schief läuft"
Econ-Verlag, 240 Seiten, 18 Euro.

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