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StartseiteEuropa heute"Demokratie ist ohne Rhetorik, ist ohne Rede nicht denkbar"07.07.2017

Programmschwerpunkt "Große Reden""Demokratie ist ohne Rhetorik, ist ohne Rede nicht denkbar"

Dlf-Chefredakteurin Birgit Wentzien hat zum Start des Programmschwerpunkts "Große Reden" deren Bedeutung betont: "Das Wort ist und bleibt fundamental." Es gehe darum, wichtige Reden neu zu hören und zu spüren, wie aktuell sie heute noch sind.

Birgit Wentzien im Gespräch mit Gerwald Herter

Birgit Wentzien, Chefredakteurin DLF, K (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)
"Alle Reden werden im wahrsten Sinne des Wortes mehrdimensional vorgestellt", sagt Birgit Wentzien, Deutschlandfunk–Chefredakteurin (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)
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Große Reden Schwerpunkt im Dlf und bei ARTE

Gerwald Herter: Zu den großen Reden, die wir aus den Archiven geholt haben, zählen solche, an die sich die meisten von Ihnen noch gut erinnern, aber auch Reden, an die man zumindest nicht jeden Tag denkt. Eduard VIII., König von Großbritannien und Nordirland, Kaiser von Indien, erklärte im Dezember 1936, dass er abdanken würde, um den Thron seinem Bruder zu überlassen:

"I have found it impossible to carry the heavy burden of responsibility and to discharge my duties as King as I would wish to do without the help and support of the woman I love."

Eduard wollte nicht ohne die Unterstützung der Frau regieren, die er liebte. Doch die war schon einmal verheiratet gewesen. Trotzdem eine Ehe mit ihr einzugehen, das wäre dem Oberhaupt der Anglikanischen Kirche nicht möglich gewesen. - Mehr zu den politischen Auswirkungen auch auf die Monarchie im Vereinigten Königreich hören Sie am Montag in "Europa heute". Jetzt wollen wir Ihnen erklären, warum wir diese und andere große Reden immer noch für sehr interessant und wichtig halten. Die Chefredakteurin des Deutschlandfunks ist bei mir im Studio. Guten Morgen, Birgit Wentzien.

Birgit Wentzien: Ich grüße Sie! - Hallo!

Herter: Wie werden die großen Reden bei uns aufbereitet, interpretiert, präsentiert?

Wentzien: Bleiben wir bei Ihrem Beispiel, Herr Herter. Für alle Sinne, würde ich sagen, in Bild, in Ton, in Texten und in einer - Sie haben es auch schon gesagt - kollegialen Partnerschaft mit ARTE, dem deutsch-französischen Fernsehprogramm. Alle Reden werden im wahrsten Sinne des Wortes mehrdimensional vorgestellt, eingeordnet und auch gedeutet: Was weiß man heute noch, was geschah davor, was danach.

Der Redner Winston Churchill in einem ARTE-Video:

Ein Brite, ein weiteres Beispiel, Winston Churchill skizzierte 1946 in seiner "Vereinigte Staaten von Amerika"-Rede in Zürich die Zukunft dieses Kontinents. Jetzt haben wir Brexit-Zeiten. - Uns geht es darum, die Reden aus ihrer Zeit noch mal als Zeugnis zu hören und wieder zu hören, ihre Ursachen, ihr Echo, ihren Nachhall zu kennen. Das sagt ungeheuer viel über die Gegenwart, in der wir längstens bei diesem Thema zum Beispiel ja noch nicht fertig sind.

Herter: Das Internet ist längst kein Neuland mehr, schon gar nicht hier im Deutschlandfunk. Über verschiedene Kommunikationskanäle, analog und digital, werden Informationen überall auf der Welt verbreitet. Nimmt denn die Bedeutung solcher Reden eigentlich nicht dramatisch ab?

Wentzien: Nein! Im Gegenteil! - Auch wieder ein Beispiel: Joachim Gauck war als Bundespräsident letztes Jahr in China und ihm widerfuhr, was Jahre zuvor Johannes Rau passierte. Er hat geredet und er wurde nicht gehört. Es gab keine Berichterstattung. Es gab kleine Blogs der chinesischen Opposition, aber auch große Zensur. Das heißt, Demokratie ist ohne Rhetorik, ist ohne Rede überhaupt nicht denkbar, auch nicht im Zeitalter des Internets, und das Wort ist und bleibt fundamental - unter einer Voraussetzung: Man hat etwas zu reden und man hat etwas zu sagen.

Deutsch-französische Kooperation

Herter: Diese Serie ist eine Kooperation mit ARTE und anderen. Wie ist die zustande gekommen?

Wentzien: Die Kolleginnen und Kollegen von ARTE, dem französischen Sender France Inter und aus unserem Haus haben die Reden gemeinsam ausgewählt, gesucht, gefunden, geschöpft aus den großen Archiven, und sich überlegt, wer kann jetzt was mit welchen Mitteln in welcher Mediendimension aufbereiten. Und das ist für mich jetzt auch ein entscheidender formaler Faktor: Wir verweisen im Netz aufeinander. Wir spielen mit unseren Möglichkeiten.

Herter: Kennen Sie schon das gesamte Material?

Wentzien: Um Gottes Willen: Nein.

Herter: Gibt es noch irgendwas, auf das Sie sich ganz persönlich freuen, auf das Sie auch noch gespannt sind?

Wentzien: Ich kenne noch längst nicht alles. Ich würde auch für mich behaupten: Die Reden, die wir hören, sehen und auch fühlen, meinen wir zu kennen, und wir werden durch diese dimensionierte Dimension noch mal Neues erfahren, dass vor allem wir spüren, wie aktuell diese Reden sind. Martin Luther Kings Rede zum Traum, den er hat, war der Anfang, noch längst nicht die Wirklichkeit. Auch das spüren wir im Moment. Das heißt, die Fassetten werden dichter, wir werden ein dichteres Bild erfahren und noch eine komplexere Wirklichkeit damals und heute.

Herter: Danke, Birgit Wentzien, für diese Inf ormationen. - Zwei Informationen bekommen Sie jetzt noch von mir. Auf unserer Seite Deutschlandfunk.de finden Sie einen Schwerpunkt zu den großen Reden. In den nächsten Tagen wird immer mehr Material hinzu kommen. Besuchen Sie uns also im Netz, jetzt, heute und in den nächsten Tagen wieder. Und heute Abend um 19:15 Uhr hören Sie im Deutschlandfunk das Dossier "Auf dass endlich Friede werde - Reden zu Europa 1945 bis 1970". 19:15 Uhr Dossier hier im Deutschlandfunk.

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