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StartseiteEuropa heuteMalta verbietet Jagd auf Zugvögel24.09.2014

Protest und SkepsisMalta verbietet Jagd auf Zugvögel

Malta ist der weltweit am intensivsten bejagte Flecken Erde. In dieser Jagdsaison wurden wiederholt auch geschützte Vogelarten abgeschossen. Mit der Folge, dass die Regierung einen sofortigen Jagdstopp verhängt hat. Steckt dahinter politisches Kalkül auf EU-Ebene?

Von Tilmann Kleinjung

Ein Weißstorch startet von einer Wiese mit einem Pony im brandenburgischen Bad Freienwalde. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
In der vergangenen Woche wurden auf Malta gleich zwei Weißstörche abgeschossen. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Weiterführende Information

Zugvögel - Störche überwintern gerne in Deutschland
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 24.12.2013)

Wer im Herbst oder Frühjahr an Maltas Küsten reist, begegnet ständig Männern, die ihre Gewehre geschultert oder gar im Anschlag haben. Die Vogeljagd ist der Volkssport Nummer 1, das ist unüberseh- und unüberhörbar.

Es gibt 10.000 Jäger und 6.000 Fallensteller im Land, was bei einer Fläche von gerade einmal 316 Quadratkilometern bedeutet: Malta ist der weltweit am intensivsten bejagte Flecken Erde. "Bei uns liegt das Jagen in den Genen", sagt der Präsident des nationalen Jagdverbandes, Joseph Perici Calascione.

"Die Jagd ist ein menschlicher Instinkt. Bei manchen ist daraus ein Sammeltrieb geworden. Aber es geht doch immer ums Jagen."

Jäger und Vogelschützer

Nirgendwo gibt es so viele Jäger und nirgendwo so viele Vogelschützer wie auf Malta. Der deutsche Ornithologe Benjamin Metzger arbeitet für den Tierschutzverband Birdlife Malta und zeigt uns, wie sehr der Jagdtrieb der Malteser dieses Land prägt: Unweit einer Landstraße an der Küste ein kleiner Hügel, aufgeteilt in Mini-Parzellen, auf jedem Grundstück steht ein kleines Steinhäuschen als Basisstation für die Vogeljäger.

"Gerade in der jungen Jägerschaft sieht man, dass es keine Jäger sind, sondern Totschießer, der Vogel wird oft nicht einmal eingesammelt. Es ist Töten zum Spaß, auf lebende Zielscheiben zu schießen."

Fokus auf Zugvögel

Auf diese Weise wurden auf Malta einheimische Vogelarten praktisch ausgerottet. Maltas Jäger legen deshalb auf die Zugvögel an, die im Herbst von Europa nach Afrika ziehen und die Insel im Mittelmeer als Raststation nutzen.

Der Weißstorch ist ein in Deutschland besonders beliebter und ein in Europa geschützter Vogel. In der vergangenen Woche wurden auf Malta gleich zwei Exemplare dieser Spezies abgeschossen - dokumentiert von den Kameras von Birdlife. Der maltesische Ministerpräsident Joseph Muscat hat daraufhin ein absolutes Jagdverbot verhängt bis zum 10. Oktober. Dann dürften die meisten Zugvögel Malta überquert haben.

Jäger protestieren gegen Verbot

Die Folge: wütende Proteste der Jäger. Sie fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Der ARD wollten sie deshalb kein Interview geben. Jägerpräsident Calascione hat uns aber schon vor drei Jahren erzählt, dass sich nur eine Minderheit seiner Kollegen nicht an die Regeln halte:

"Wir kommen langsam an einen Punkt, an dem diese Menschen in einer absoluten Minderheit sind und von den legalen Jägern auch gebrandmarkt werden. Wir wollen nicht, dass unser Name von Menschen beschmutzt wird, die in Besitz von Waffen sind und geschützte Arten abschießen."

Vogelschützer wie Benjamin Metzger haben andere Erfahrungen mit den Jägern gemacht. Er zeigt uns sein Auto. Durchsiebt von den Schrotkugeln militanter Jagdlobbyisten.

"Letztes Jahr als wir auf Gozo gearbeitet haben, waren wir in einer Seevogelkolonie am Kliff unterwegs. Mein Auto war oben geparkt, da haben die Jäger darauf geschossen. Und da geht es eindeutig darum, uns daran zu hindern und illegale Aktivitäten aufzudecken."

Jagdverbot politisch motiviert?

Das Jagdverbot ist ein Teilerfolg für die Tierschützer. Doch sie fürchten, dass die Maßnahme weniger ökologischem Gewissen als politischem Kalkül geschuldet ist. Bisher hat sich Maltas Regierung wenig um den Artenschutz gekümmert. Klagen der EU-Kommission wurden ignoriert. Doch am Montag wird der designierte Umweltkommissar im Europäischen Parlament befragt. Der heißt Karmenu Vella und ist Malteser.

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