Dienstag, 04. Oktober 2022

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Prozessauftakt gegen Safia S.
Ferngesteuerte Attentäterin

Die Schülerin Safia S. steht seit heute in Celle vor Gericht, weil sie einen Polizisten in Hannover in den Hals gestochen haben soll – im Auftrag der Terrormiliz IS. Die Jugendliche soll über das Internet rekrutiert worden und von Syrien aus bis direkt vor dem Anschlag angewiesen worden sein.

Von Alexander Budde | 20.10.2016

    Drei vollverschleierte Frauen stehen am 20.10.2016 zum Prozessauftakt gegen Safia S. vor dem Oberlandesgericht in Celle (Niedersachsen), in dem sich die inzwischen 16-jährige IS-Sympathisantin Safia S. nach einer Messerattacke auf einen Polizisten wegen versuchten Mordes und Unterstützung der Terrormiliz IS verantworten muss.
    Prozessauftakt gegen IS-Sympathisantin Safia S. am 20.10.2016 in Celle, Niedersachsen. (dpa / Holger Hollemann)
    Frank Rosenow kennt sich aus mit Rechtssachen, die sich im Scheinwerferlicht der Medien abspielen. Der erfahrene Richter hat im Korruptionsprozess gegen Alt-Bundespräsident Christian Wulff eine gute Figur gemacht. An diesem Morgen im schwer gesicherten Schwurgerichtssaal des Oberlandesgerichts Celle lässt Rosenow den Blick über die Zuschauerbänke schweifen – gelassen, ein wenig spöttisch gar. Journalisten im Dutzend haben sich eingefunden; auch einige bärtige Männer, die Sympathien für die Angeklagten bekunden. Drei Frauen schleichen auf ihre Plätze. Sie sind am ganzen Körper verhüllt; Sonnenbrillen bedecken die Gesichtspartien, die die Schleier noch freilassen.
    Gerichtsdiener bringen die Angeklagten herein: Safia S., 16 Jahre alt, Schülerin aus Hannover, mit marokkanischer und deutscher Staatsangehörigkeit. Sie nimmt neben ihrer Mutter Platz, die ihr im Prozess beisteht. Beide Frauen tragen Kopftuch, modische Strickjacken. Und da ist Mohamad Hasan K., 20 Jahre, Deutsch-Syrer und ebenfalls Schüler. Nach einem Fluchtversuch griffen ihn die Zielfahnder vor einigen Tagen in Griechenland auf, erst am Vorabend hatten ihn die dortigen Behörden nach Deutschland ausgeliefert.
    Versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung
    Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe wirft der Hauptangeklagten vor, einem Bundespolizisten am 26. Februar im Hauptbahnhof von Hannover in den Hals gestochen zu haben – im Auftrag der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Der 34-jährige Beamte wurde bei dem Anschlag schwer verletzt, ein Kollege konnte die zur Tatzeit erst 15-Jährige niederringen. Die Anklage lautet auf versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung und Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung. Oberstaatsanwalt Simon Henrichs:
    "Wir gehen davon aus, dass die Angeklagte durch Mitglieder des Islamischen Staates in Syrien dazu motiviert wurde, diese Tat zu begehen – und sie auch angeleitet wurde von solchen Mitgliedern."
    Mohamad Harsan K. ist als enger Vertrauter der Schülerin der Mitwisserschaft angeklagt. Die Bundesanwaltschaft stützt ihre Anklage unter anderem auf ein selbst gefertigtes Bekennervideo, das Safia S. vor der Bluttat verschickt haben soll. Auch Textnachrichten, die die Ermittler in Mobilfunkgeräten entdeckten, sollen belegen, dass die Schülerin spätestens im Januar in Istanbul von IS-Mitgliedern den Auftrag zu ihrer "Märtyrertat" erhielt. Nach Überzeugung der Ermittler war das wahre Ziel ihrer Reise damals das syrische Kriegsgebiet, wo der IS für ein eigenes Staatswesen kämpft.
    Ein Täterkreis, der lange unterschätzt wurde
    Der Fall hat die Ermittler auf einen Täterkreis gestoßen, der lange unterschätzt wurde, sagt Peter Neumann. Er ist Professor für Sicherheitsstudien am King´s College in London und leitet das "International Centre for the Study of Radicalisation".
    "Was wir jetzt gesehen haben, mit Safia zum ersten Mal und dann auch im Sommer, ist, dass gewissermaßen Attentäter aus Syrien heraus per Internet, per Messengerdiensten ferngesteuert werden, das heißt, dass die in Echtzeit praktisch angewiesen werden, bis zu wenige Minuten vor dem Anschlag."
    Neumann spricht von einer neuen Taktik der Organisation. Die hatte ihre Rekruten nämlich bislang in Syrien ausgebildet und die selbst ernannten Gotteskrieger dann mit Kampfauftrag nach Europa zurückgeschickt. Das Internet mache es aber auch möglich, dass sich Jugendliche wie Safia S. gleichsam aus dem Kinderzimmer heraus radikalisieren und mit der Organisation in Kontakt treten. Zuletzt hat es in Deutschland mehrere Anschläge mit islamistischem Hintergrund gegeben, für die jugendliche Täter unter Anleitung des IS verantwortlich gemacht werden.
    Verhandlung hinter verschlossenen Türen
    So groß das Interesse an diesem beispiellosen Fall - in Celle steht bereits nach wenigen Minuten fest: Verhandelt wird hinter verschlossenen Türen. Der Senat folgt dem Antrag der Verteidigung, die Öffentlichkeit für die gesamte Dauer des Verfahrens einschließlich der Urteilsbegründung auszuschließen. Draußen auf der Straße, verkündet Gerichtssprecherin Jessica Laß die Entscheidung:
    "Zur Begründung hat der Vorsitzende des Senats ausgeführt, es würden in dem Prozess Hintergründe aus dem persönlichen Lebensbereich der Angeklagten erörtert, die bislang noch nicht in der Öffentlichkeit erörtert worden seien und hier gelte es, die Angeklagten nicht in den Mittelpunkt eines Medieninteresses zu rücken – jedenfalls nicht noch stärker als sie es jetzt schon sind."
    Denn über Safia S. sei im Vorfeld des Prozesses bereits zu viel geschrieben und gesendet worden, einer weiteren Bloßstellung und Stigmatisierung der Jugendlichen sei vorzubeugen. Das Gericht hat rund 30 Zeugen geladen - darunter Augenzeugen, Ermittler, Gutachter. Zunächst sind 20 Verhandlungstage angesetzt.