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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenKontroverse über den Grund religiöser Gefühle30.07.2015

Psychoanalyse vs. TheologieKontroverse über den Grund religiöser Gefühle

Die Psychoanalyse bleibt ein Stachel im Fleisch der Religion, hält Glauben für naiv-frühkindlich und die Gottesvorstellung für eine Illusion. Dennoch sehen einige Theologen insbesondere in Bezug auf die Beziehungsaspekte auch eine Bereicherung.

Von Inka Kübel

"Die praktische Religion in der Kirche, wenn sie da reingehen und zuhören, ist immer noch eine ganz menschlich-familiare Vorstellung. Vater-Unser, das ist diese Gottesvorstellung, gegen die Freud damals schon angetreten ist, dass hier eine menschliche Sozialisationsgeschichte nach oben transponiert wird und eine ganz bestimmte Bezogenheit und Abhängigkeit des Menschen definiert wird. Dass also die menschlich erlebten Eltern, in denen wir Schutz suchen, die uns überlegen sind, nun in einer sehr menschlichen Form nach oben verlagert werden und die Abhängigkeit, die Unfreiheit des Menschen, diese infantile Position weiterschreiben."

Starke Religionskritik aus der Psychoanalyse

Religionskritik mit klaren Konturen: Der Psychoanalytiker Dr. Bernd Horn gehört aktuell zu den schärfsten Religions- und Kirchenkritikern seiner Zunft. Er hat langjährige klinische Erfahrung und viele Patienten behandelt, die streng religiös oder gar in Sekten sozialisiert wurden. Für ihn steht die Psychoanalyse in der Tradition der Aufklärung, der Emanzipation, der Erweiterung des Wissens – nicht des Glaubens.

"Man kann als Aufklärer darüber klagen, dass die Menschen seit Jahrtausenden einer falschen Vorstellung hinterher hängen, aber man kann auch sagen: Moment mal vielleicht hänge ich falschen Vorstellung hinterher, dass ich glaube, das Ganze Leben und die ganze Lebendigkeit von Menschen lässt sich sozusagen über eine quasi wissenschaftlich aufgeklärte Haltung organisieren. So scheint das mit dem Leben nicht zu funktionieren."

Theologie betont Funktion der Religion

Professorin Monika Wohlrab-Sahr. Die Soziologin und Theologin beschäftigt sich unter anderem mit dem religiösen Wandel in der westlichen Welt. Bei aller Unterschiedlichkeit religiöser Praxis und den vielfältigen Formen von Spiritualität weltweit beschreibt sie dennoch eine Grundfunktion von Religion:

"Immer noch hat Religion eine Funktion eines Umgangs mit Unsicherheit, einer Bewältigung von tiefen Unsicherheitserfahrungen. Der Umgang mit Tod und Sterben ist vielleicht die dramatischste davon, aber auch der Umgang mit Krisen, seien es persönliche Krisen, seien es politische Krisen, also wenn sie sehen es gibt irgendwo Attentate oder es gibt irgendwo Amokläufer. Ja, dann gehen die Menschen in die Kirchen, wenn die da ein Angebot machen. Also die Bewältigung von Krisen, die Bewältigung von fundamentalen existenziellen Unsicherheiten."

Diese Definition ähnelt in Aspekten der Auffassung der Psychoanalyse. Sigmund Freud sah die Quelle der Religion in erster Linie in der frühen existenziellen Hilflosigkeit des Menschen. Das Kind findet Schutz und Trost in den Eltern. Sie werden als allmächtig erlebt und quasi vergöttlicht, was hilft, diese fragile Grundsituation zu bewältigen. Die frühesten Erfahrungen von Symbiose mit der Mutter spielen ebenfalls eine Rolle. Religion erfüllt für Sigmund Freud also auch die Sehnsucht nach Einheit und Verschmelzung:

"Die religiösen Vorstellungen, die sich als Lehrsätze ausgeben, sind nicht Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Denkens. Es sind Erfüllungen der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit. Das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke ihrer Wünsche."

Warum glauben wir an etwas, von dessen Existenz wir nichts wissen? Warum ist Glaube trotz der Unbeweisbarkeit Gottes für viele Menschen so bedeutsam? Geschieht Glauben aus Notwendigkeit oder ist er eine Fähigkeit, in tiefere Dimensionen der Geheimnisse des Lebens einzutauchen? Wer glaubt, wer nicht? - Auf einige dieser Fragen geben die Narzissmustheorien der Psychoanalyse Antworten. Sie sind der Schlüssel moderner Religionskritik und handeln nicht nur von der häufig beklagten Selbstbezogenheit in unserer Gesellschaft. Es geht vielmehr um Erkenntnisse über die früheste Verfasstheit des Menschen, die Prägungen schon im Mutterleib, die Bedingungen, denen ein Neugeborenes ausgeliefert ist und die seine weitere Entwicklung maßgeblich mit bestimmen. In Bezug auf Religion brachte der Psychoanalytiker Heinz Henseler diese Erkenntnisse in den 90er-Jahren mit den Worten auf den Punkt:

"Religion ist eine Beziehungsform, die sich übernatürlich anfühlt, auf Transzendentes zu verweisen scheint, aber in Wirklichkeit in frühkindlichen Beziehungsformen ihre Wurzeln hat."

Psychoanalyse sieht Ursprung in frühem unbewussten Erleben

Sie hat ihre Wurzeln dort, weil – so die Auffassung der Freudschen Psychoanalyse - Religion auf dieses ganz frühe unbewusste, vorsprachliche Erleben, das schon im Vorgeburtlichen beginnt, zurückgreift, es emotional wiederbelebt. Religiöse und theologische Konstrukte bauen letztlich auf diese ganz frühen Erfahrungen auf. Freud nannte diese Entwicklungsphase "primären Narzissmus". Bernd Horn:

"Diese frühe Erfahrung, diese ganz frühe Geborgenheits- oder nicht Geborgenheitserfahrung hängt unbedingt mit dem religiösen Bedürfnis und dem religiösen Gefühl oder mit dem zusammen, was Religion als Erlösung, als Glücksmöglichkeit oder als Herausfall aus der Glücksmöglichkeit bestimmen."

In der Freudschen Tradition ist es eine Reifungsaufgabe des Menschen, sich diese Zusammenhänge klar zu machen und seinem Denken und Handeln eine rationale Basis zu geben. Was nicht heißt, auf diese Gefühle zu verzichten. Aber auf die richtige Einordnung, das passende Verständnis dieser letztlich evolutionär bedingten Emotionen und Wahrnehmungen kommt es an, so Bernd Horn.

"Die Möglichkeit, spirituell zu werden, ist in jedem angelegt. Der reife Mensch durchschaut eher diese Abhängigkeit und distanziert sich in einem rationalen oder intellektuellen Verständnis davon, zu begreifen, wo diese faszinierenden Bedürfnisse, zum Beispiel dieses Versenken in Kunst, in Liebe, in ganz bestimmte Affekte und Emotionen, für die man scheinbar keine Erklärung hat."

Für Horn hat die Psychoanalyse auch die gesellschaftskritische Aufgabe immer wieder darauf hinzuweisen, dass sich auf diese Gefühle und metaphysischen Bedürfnisse ein dogmatischer Überbau des Glaubens gesetzt hat - oder gesetzt wurde - mit Jenseitsvorstellungen, Wahrheitsansprüchen und moralischen Forderungen, die den Menschen letztlich unfrei machen.

"Dieses Gefühl ist, glaube ich, für alle möglich. Aus diesem Gefühl, diesen Sprung in eine metaphysische Erklärung zu machen, halte ich nicht für eine unbedingte Notwendigkeit. Ich erinnere hier an Camus, den Mythos von Sisyphos, wo er gesagt hat, dass es für den Menschen sehr schwierig ist, bestimmte Grundbedürfnisse nicht beantwortet zu bekommen. Und dass da der Sprung in ein Glaubenssystem eine naheliegende Erlösung ist. Er vergleicht sie aber letztlich mit einer Art intellektuellem Selbstmord."

Das entspricht fast 1:1 der Auffassung Freuds, der die Funktion der Religion in Tröstung, Belehrung und Anleitung sah und meinte:

"Religionen können diese Aufgaben nicht lösen, ohne den Wert des Lebens herabzudrücken, das Bild der realen Welt zu entstellen und die Intelligenz aufs Heftigste einzuschüchtern."

Psychoanalyse: Gottesvorstellung als Illusion

Gottesvorstellungen, verbunden mit der Überzeugung, dass es ein Weiterleben nach dem Tode gibt, fallen für Freud und seine Anhänger klar in den Bereich der Illusion. Der Mensch muss sich von diesen kindlichen Vorstellungen emanzipieren, sich mit der eigenen Endlichkeit abfinden, ins wissenschaftliche Denksystem hinein reifen. Leichter gesagt, als getan. Bernd Horn:

"Ohne dieses spirituelle Erklärungsangebot Religion wächst kein Mensch auf. Manche haben Glück, dass andere Gedanken, die an sie herangetragen werden, die dann einen Widerspruch zu diesem religiösen Denksystem entstehen lassen. Und manchmal hat man das Glück, dass der Kontrast zwischen der ganz naiven, simplen religiösen Welterklärung und den einfachen Grundgesetzen der Physik und der Biologie, die wir erkennen können, dass das so drastisch ins Auge springt, dass dann für viele früher oder später eine Distanz zu diesem Kinderglauben entsteht."

Aber stimmt diese Gleichung: Glaube = Kinderglaube? Und wäre – rein theoretisch - eine komplette kulturelle Abkehr von Religion wirklich sinnvoll und wünschenswert? Die Soziologin Wohlrab-Sahr betont den kulturellen Verlust und hält den aufklärerischen Anspruch der Religionskritik für einen Irrtum:

"Der Weg weg von Religion – glaube ich - führt nicht über die Aufklärung. Es ist nicht sozusagen die Einsicht. Also jedenfalls nur bei einem ganz ganz kleinen Kreis von Intellektuellen vielleicht. Es ist nicht die Einsicht, dass da keine Wahrheit ist auf der anderen Seite. Sondern es ist im Grunde genommen, eigentlich das indifferent werden. Die Leute praktizieren nicht mehr, die Leute beschäftigen sich damit nicht mehr, die Eltern sozialisieren ihre Kinder nicht mehr hinein in diese Überzeugungen, sondern sagen, die sollen das selber entscheiden. Und so wird das substanzloser, so wird das irrelevanter, so läuft das. Nicht, weil Leute gewissermaßen über Selbstaufklärung sich davon verabschieden, weil das nicht wahr ist. Das ist ein Trugschluss."

Theologie greift Aspekte der Psychoanalyse auf

Die Theologie stand lange Zeit auf Kriegsfuß mit der Psychoanalyse, sah sie als Bedrohung. Prominentes Beispiel war etwa der Streit um die Bibelauslegungen des Theologen und Analytikers Eugen Drewermann, dem Anfang der 90er-Jahre die katholische Lehrerlaubnis und das Priesteramt entzogen wurden. Aber es gibt auch Tendenzen, sich für die Erkenntnisse der Psychoanalyse zu öffnen. Der katholische Theologe Professor Heribert Wahl gehört in diesen Kreis. Er hat eine psychoanalytische Ausbildung und sieht keinen Widerspruch zwischen seinem persönlichen Glauben an Gott und den Erkenntnissen der Psychoanalyse – eher eine Bereicherung, einen Baustein hin zu aufgeklärtem Glauben, etwa durch die modernen Erkenntnisse über die frühkindliche Entwicklung. Im Zentrum steht für ihn der Beziehungsaspekt, der auch den religiösen Glauben und die persönliche Gotteserfahrung eines Menschen ausmacht. In den Modellen der Psychoanalyse findet Wahl anthropologische Voraussetzungen der Glaubensgewissheit.

"Das Entscheidende, was ich für die Theologie sehe an diesen neuen Entwicklungen, dass wir hier Grundlagen entdecken, etwa das, was Erik H. Erikson als das Urvertrauen beschrieben hat und selber mit dem Begriff Glauben verknüpft hat. Dass das sozusagen die strukturellen Grundlagen und Voraussetzungen im Menschen sind, um so etwas wie einen religiösen Glauben überhaupt zu ermöglichen."

Das Gefühl, gehalten und getragen zu sein: Hier zeigt sich eine Parallele zu religiösem Empfinden und einer zentralen Botschaft des Christentums. Wahl spricht von der Transformation der frühen Beziehungserfahrung und davon, dass sie im Religiösen eine Entsprechung findet. Für ihn gilt dieses Modell nicht nur für den Beginn des Lebens, sondern ein Leben lang.

"Das ist für ein vierjähriges Kind und für einen Pubertierenden anders als für einen Erwachsenen in mittleren Lebensjahren und für einen alten Menschen, der dem Tod entgegengeht. Auch alle diese brauchen lebensmehrende Gegenüber, die zu ihnen passen. Die mit ihnen eine Resonanz eingehen auf der jetzt angesagten Lebensstufe. Dieses lebensmehrende Gegenüber, das ist mir immer vorgegeben. Das ist nicht etwas, was ich herstelle. Und das ist nichts anderes, als was die Theologie mit Gnade beschreibt."

Religion ist – so Wahl - der Bezug des Menschen zu dem, was ihn unbedingt angeht. Was ihn im Letzten betrifft. Was ihm wirklich am Allerwichtigsten ist: Gotteserfahrung vermittelt durch religiöse Symbolzeichen, Liebe, als anthropologische Basis ebenso wie Grundlage des christlichen Glaubens ...

"... sodass da immer über diese mitwachsenden Transformationen im Lebenszyklus eine in Anführungszeichen auch "reife Religiosität" entstehen kann, die man nicht mehr - wie Freud es getan hat - als infantil und unreif abtun kann, weil es quasi Relikte aus der Frühzeit des Menschen sind, die er nicht überwunden hat."

Die Säuglingsforschung der Freud-Schülerin Melanie Klein bietet der Theologie hier eine Vorlage. Oder die Selbstpsychologie von Heinz Kohut, der betont hat, wie wichtig Beziehungen für ein dauerhaft stabiles Selbst sind. Und auch der britische Kinderarzt und Analytiker Donald Winnicott. Er sprach vom illusionären, schöpferischen oder intermediären Raum, der sich als mentale Verbindung zu anderen Menschen in den frühesten Beziehungen der Kindheit herausbildet und in dem Religion, aber auch Wissenschaft und Kunst ihre Quelle haben könnten. Diese neueren Theorien verlassen das Freudsche Modell des primären Narzissmus zugunsten eines Modells der primären Liebe, wie der Theologe Wahl betont. Dabei hat Sigmund Freud diesen Paradigmenwechsel in gewisser Hinsicht schon vorbereitet:

"Er hat sie unbedingt vorbereitet. Allein dadurch, dass er in dieser großen mutigen Offenheit auch gegenüber sich selber das Verfahren der Psychoanalyse erfunden hat. Nämlich diese Beziehung, die ja einmalig ist. Und er hat komischerweise in seiner Theorie nie so sehr über diese Beziehung selber reflektiert. Aber er hat sie geschaffen, er hat sie sozusagen praktiziert und ins Leben gerufen und damit ein Grundmodell in die Welt gesetzt, wovon solche Dinge noch heute zehren, wenn wir heute viel stärker die ganze Psychoanalyse vom Beziehungsmodell her denken, als er das selber getan hat."

Psychoanalytiker wehren sich vor Vereinnahmung

Die Psychoanalyse hilft, zu verstehen, woher religiöse Gefühle kommen. Und in welchen Bereichen der Psyche sie zu verorten sind. Je offener die Theologie, je stärker ihr Wille nach aufgeklärter Religion, desto eher baut sie diese Erkenntnisse in ihr Menschenbild ein. Vonseiten der Psychoanalyse wird das aber zum Teil kritisch beäugt. Bernd Horn etwa wittert eine Vereinnahmungsstrategie, befürchtet, dass einzelne Aspekte der psychoanalytischen Theorien von der Theologie genutzt werden, um die eigene Position auf elaboriertem Niveau zu festigen und insofern dem Kern der Religionskritik auszuweichen:

"Mir geht es halt darum, dass man aufpassen muss: Verstehe ich diesen Interpretationsspielraum irgendwie dann doch heimlich als Beleg für das ominöse Göttliche, für das Geheimnis und für das Jenseitig. Oder sage ich damit, dass in diesem auch von Winnicott noch mal sehr kompliziert beschriebenen Zwischenraum eine Erfahrung enthalten ist, die von den Religionen besetzt wird. Uns als religiöse Erfahrung angeboten wird und damit so interpretiert wird."

Bei aller bemühten Offenheit: Die Psychoanalyse bleibt ein Stachel im Fleisch der Religion – und gleichzeitig stößt die psychoanalytische Religionskritik an Grenzen. Wer glaubt, glaubt. Und hält die Inhalte seines Glaubens für wahr. Monika Wohlrab-Sahr:

"Natürlich kann man sagen, die Vorstellungen, die sich Menschen von einem göttlichen Gegenüber - oder was auch immer das ist, an was sie glauben - machen, hat was zu tun mit frühkindlichen Erfahrungen. Das halte ich für sehr wahrscheinlich. Aber das sagt ja überhaupt nichts darüber aus, ob es etwas gibt auf dieser anderen Seite. Das ist uns ja gar nicht zugänglich, das zu beurteilen."

Wahrheit oder Irrtum der Religion ist Spekulation, ihre Existenz ein Faktum. Das letzte Wort hat der Gläubige, der sich der psychoanalytischen Religionskritik stellen kann, aber nicht muss. Denn Glaube bedeutet eben auch: Sinndeutung für den einzelnen und nicht Wahrheit an sich.

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