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StartseiteCampus & KarriereImmer mehr Studierende brauchen Beratung20.03.2019

Psychologischer BeratungsserviceImmer mehr Studierende brauchen Beratung

Viele Studierende würden ihr Studium als sehr herausfordernd und stressig erleben, sagte Wilfried Schumann, Leiter des psychologischen Beratungsservice des Studentenwerks in Oldenburg im Dlf. Ursache seien Arbeitsverdichtung und Beschleunigung an den Hochschulen. Aber auch eigene Ansprüche spielten eine Rolle.

Wilfried Schumann im Gespräch mit Manfred Götzke

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Eine Frau sitzt in ihrem Bett, sie presst ihr Gesicht in ihre Hände (Ritzau Scanpix/Imago)
"Wir haben einen wachsenden Anteil bei jungen Menschen, die mit Depressionen und Ängsten zu tun haben", sagte Wilfried Schumann, Leiter des psychologischen Beratungsservice des Studentenwerks in Oldenburg im Dlf (Ritzau Scanpix/Imago)
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Manfred Götzke: Dass Studieren im Jahr 2019 ein bisschen weniger easy ist als vor 15, 20, 30 Jahren, das hat sich ja so allgemein rumgesprochen. Für immer mehr Studierende scheint dieses höhere Stress- und Leistungslevel aber auch knallharte Folgen zu haben, und zwar psychische: Über 100.000 Studierende haben 2017 die psychosoziale Beratung der Studentenwerke besucht, 60 Prozent mehr als zehn Jahre vorher. Die Zahlen hat jetzt das Studentenwerk veröffentlicht. Wilfried Schumann leitet den psychologischen Beratungsservice des Studentenwerks in Oldenburg. Herr Schumann, wie ist dieser allgemeine Anstieg zu erklären?

Wilfried Schumann: Da gibt es verschiedene Faktoren. Natürlich spielt es eine Rolle, dass wir auch mehr Studierende an den Hochschulen haben, aber was für unseren Bereich eben wichtig zu erwähnen ist, viele Studierende kommen doch durch die Anforderung, die das Studium an sie stellt, in Situationen, wo sie Beratungsbedarf haben. Also viele erleben ihr Studium schon als sehr herausfordernd und auch stressig und haben dann Probleme mit Prüfungen, haben Probleme mit dem Lernen, haben Probleme damit, sich selbst zu organisieren und mit diesen Belastungen fertig zu werden.

Wachsender Anteil mit Depressionen und Ängsten

Götzke: Ist das Studium belastender geworden oder machen sich die Studierenden selbst mehr Stress, mehr Druck?

Schumann: Beides spielt eine Rolle. Also ganz objektiv hat man schon so im neuen Jahrtausend an den Hochschulen Situationen eine Arbeitsverdichtung und auch Beschleunigung. Viele Studierende nehmen das sehr sensibel wahr und haben für sich selber so den Eindruck, ich muss unbedingt in der Regelstudienzeit fertig werden, ich muss auch zu den Guten gehören, sonst habe ich keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Also sowohl die inneren Ansprüche, die mit herangetragen werden in dem Studium, als auch die objektiven Bedingungen, das beides ist dann schon eine Mischung, die dazu führt, dass nicht alle Studierenden sich dem mehr gut gewachsen fühlen.

Götzke: Mit welchen konkreten Problemen wenden sich denn die Studierenden an Sie?

Schumann: Also aus dem Bereich der Arbeitsprobleme haben wir zu tun mit Prüfungsängsten, mit Konzentrationsstörungen, mit Motivationsproblemen. Und aus dem privaten Bereich haben wir natürlich, was in diesem Alter ganz typisch ist, sehr viele Fragen, die zu tun haben mit der Identität, sag ich mal, also wo will ich hin, ist das richtig, was ich jetzt tue, was kann ich überhaupt, was kann ich mir zutrauen, also diese Fragen, die man dann an sich selber hat und die leicht zur Verunsicherung führen können, auch die treiben viele Studierenden in die Beratung. Und was man auch beobachten muss, das sind so Alarmsignale, die die Krankenkassen auch immer in die Öffentlichkeit bringen: Wir haben doch einen wachsenden Anteil bei jungen Menschen, die mit Depressionen und Ängsten zu tun haben. Da sprechen die Zahlen der Krankenkassen wirklich eine eindeutige Sprache, und das ist was, was wir bei uns durchaus auch beobachten – also auch viele Studierende, die mit Zukunftsängsten sich herumplagen, also die Sorge haben, nicht nur um ihre persönliche und private Perspektive, sondern auch beunruhigt sind über politische Entwicklungen und ökologische Fragen, die jetzt ungelöst sind. All das schlägt sich auch nieder.

"Wichtig, dass wir präventiv tätig werden können"

Götzke: Aber wenn jetzt Studierende mit einer Depression zu Ihnen kommen, zu einer solchen Beratung, da können Sie ja nur sehr begrenzt weiterhelfen, da steht ja eigentlich eine Therapie an. Können Sie dann weitervermitteln oder wie läuft das dann?

Schumann: Das ist richtig. Bei Studierenden, die halt gravierende psychische Probleme haben, da sind wir eher die Institution, die dann versucht weiterzuvermitteln und den Weg zu weisen, das können wir selber nicht behandeln und abfedern, dort ist eine Psychotherapie nötig. Ist oft schwierig in diesem Markt, der sehr angespannt ist, im Markt der Psychotherapie, dort Fuß zu fassen. Insofern müssen wir manchmal Studierende auch so ein Stück weit noch, bevor sie dort einen Platz bekommen haben, begleiten. Aber viele andere Probleme, mit denen sie zu uns kommen, da ist es eigentlich sehr gut, wenn sie dann frühzeitig im Feld direkt an der Uni Ansprechpartner haben, weil sie oft schon Schwierigkeiten haben, die eher mal so krisenhaft aufflackern. Und wenn man dort sehr schnell interveniert, wenn man dort sehr schnell Hilfe anbietet, dann beruhigt sich das in der Regel auch wieder. Deshalb ist es uns wichtig, dass wir im Grunde auch so präventiv tätig werden können, das heißt dort, wo Krisen sind, durch schnelle Hilfe verhindern, dass sich das weiter auswächst.

Götzke: Es ist ja nun auch so, dass es gesellschaftlich akzeptierter ist seit ein paar Jahren, sich mit psychischen Problemen auch an jemanden zu wenden, auch darüber zu reden, auch öffentlich zu reden. Ist der Anstieg der Zahlen bei Ihrer Beratung auch so erklären ein Stück weit?

Schumann: Das spielt ganz sicher eine Rolle, und das begrüßen wir natürlich sehr. Diese Vorbehalte gegen Beratung oder psychologische Unterstützung, das war ja früher wirklich ein ganz heißes Eisen, und viele waren völlig beschämt, wenn sie so was in Anspruch genommen haben. Also da merken wir einen Wandel, das wird heute viel selbstverständlicher, viel selbstbewusster wahrgenommen. Und wenn man dann merkt, ich komme selber mit mir nicht zurecht, es gibt was, wo mir auch Freunde und Angehörige nicht richtig helfen können, dann ist es heute oft viel leichter zu sagen, dann gehe ich mal zum Profi und höre mir mal an, was der dazu sagt, ohne dass man sich dann gleich völlig krank oder gescheitert und schrecklich fühlt. Und so sollte es ja auch sein.

Götzke: So sollte es auch sein. Die psychische Beratung wird von Studierenden sehr viel häufiger aufgesucht als noch vor zehn Jahren. Darüber sprach ich mit Wilfried Schumann von der psychosozialen Beratung an der Uni Oldenburg.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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