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StartseiteTag für Tag"Allah schaut immer zu"22.10.2018

Psychotherapie mit Muslimen"Allah schaut immer zu"

Zu den Patienten eines Hamburger Psychotherapeuten gehören viele Muslime aus den Golfstaaten. Auffallend oft gehe es bei ihnen um Ängste, so Burkhard Hoffmann. Darum, sich zu weit vom religiös Erlaubten zu entfernen oder den Regeln nicht zu entsprechen.

Von Marie Wildermann

Die Kaaba in der Mitte der Heiligen Moschee in Mekka, Saudi Arabien, 17.8.2018 (picture alliance / Anadolu Agency / Mustafa Ciftci)
So wie die Kaaba in der Mitte von Mekka stehe, gebe es für viele seiner muslimischen Patienten immer "diese eine Wahrheit in der Mitte", so Psychotherapeut Burkhard Hofmann (picture alliance / Anadolu Agency / Mustafa Ciftci)
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Die Patienten, die der Psychotherapeut auf der Arabischen Halbinsel betreut, hätten, wie überall auf der Welt, die gleichen psychischen Probleme, sagt Burkhard Hofmann. Doch zwei Symptome seien besonders häufig: Angst und Depression. Bei der Angst gehe es vor allem um die Angst, nicht zu genügen, den Regeln nicht zu entsprechen.

Voreheliche Sexualität, Homosexualität, Entfernung vom Islam, ein unregelmäßiges oder nachlässiges Gebetsleben, Auflehnung gegen die Eltern, Alkohol Drogen: Das Sündenregister ist lang. Wer sich von den vorgegebenen Regeln löse, falle heraus aus der Geborgenheit der Gemeinschaft. Und das löse Angst aus. Auch eine Sünde: Zweifel an Gott, an der Religion. 

"Im Islam, jedenfalls so wie das meine Patienten verstehen, so wie meine Patienten es mir vermitteln, gibt es immer diese eine Wahrheit in der Mitte, so wie die Kaaba in der Mitte von Mekka steht, und eigentlich hat alles um diese eine Wahrheit zu kreisen, es gibt nur verschiedene Entfernungen von diesem einen Punkt", sagt Hofmann. 

"Doktor, bitte, hören Sie auf zu fragen!"

Im Christentum muss es vor der Reformation ähnlich gewesen sein, meint Hofmann. Auch da hat die Furcht, sich zu weit vom religiös Erlaubten zu entfernen, die Angst verstärkt.

"Wir kamen in einer Sitzung, ungewollt von meiner Seite aus, auf dieses Thema Gottesbild zu sprechen. Ich stellte harmlose Fragen, was es bedeutet, Barmherzigkeit zu haben etc. Aber mein Patient war zunehmend aufgebracht, und es entwickelte sich regelrecht eine Panikattacke vor mir. Und er sagte, 'Doktor, bitte, hören Sie auf zu fragen! Allah guckt mir zu. Wenn ich das Falsche denke, kann ich in der Hölle landen, das will ich nicht', so groß war die Angst. Soweit steigerte sich seine Angst, dass sein Gottesbild in Zweifel gezogen wurde."

Ein Teil seiner Patienten sei stark religiös. Da müsse er sehr behutsam vorgehen, erklärt Hofmann: 

"Im Kern darf man solche Glaubensgebäude nicht attackieren, das tue ich ja auch in Hamburg nicht."

Argumente aus dem Islam 

Und mit der Psychotherapie könne er in solchen Fällen auch nicht viel ausrichten, muss Hofmann gestehen. Und erzählt diese Geschichte:

"Eine Mutter kam zu mir in die Beratung, ihr Kind sei nicht binär, vielleicht transsexuell. Ich hab dann zu erklären versucht, was das bedeuten könnte und dass das weiß-Gott kein einfaches Leben ist. Sozusagen Empathie für dieses Kind hab ich versucht zu schaffen. Was sie im Kern nur interessierte, war, ob es Sünde ist. Ob es Sünde ist, dass ihr Kind in irgendeiner Weise homosexuell ist, zum Beispiel. Und das hat sie bis zur Panik beschäftigt."

In solchen Fällen könne er nur mit der Religion argumentieren und daran erinnern, dass ja auch der Prophet ein Verkünder eines barmherzigen Gottes gewesen sei, und diesen Teil des Gottesbildes betonen.

Mehrere Schaufensterpuppen mit Kopftüchern in einem Bekleidungsgeschäft. (imago/Frank Sorge)Ein Mann, bis zu vier Ehefrauen - das kann laut Burkhard Hofmann Ursache psychischer Probleme sein (imago/Frank Sorge)

Hofmann beschreibt, dass das Einhalten der Scharia-Regeln vor allem für die Frau von Nachteil ist. Beispiel Polygamie. Junge Frauen würden sich zunehmend dagegen wehren, so die Erfahrung von Hofmann. Schon vor der Heirat würden sie deutlich machen, dass sie Zweit- oder Drittfrauen nicht akzeptieren würden. Häufig aber werde die Erstfrau nach einigen Jahren dann doch mit einer Zweitfrau konfrontiert. Als Grund für eine Scheidung reiche das aber den Richtern häufig nicht. Nicht nur die Frauen würden in den polygamen Beziehungen leiden, auch die Kinder. 

"Ich fand die Auswirkungen auf die Seele dieser Kinder, die mit dieser Zweitfamilie zurechtkommen mussten, enorm."

Emanzipatorischer Ansatz versus Psychopharmaka

Auf den Einwand, im Westen sei die Situation nicht viel anders, wenn Ehemänner ihre Frauen betrügen und mit der Geliebten Kinder zeugen, sagt Hofmann über polygame Strukturen:

"Die Männer fühlen sich völlig dazu berechtigt. Es ist Teil der Kultur. Es ist besonders Teil der Kultur, wenn der Mann es sich leisten kann, so verleiht es auch Status."

Am Ende der Therapie stand für die Frau die Erkenntnis, dass sie sich scheiden lassen müsste. Ein schwieriges Vorhaben, wegen gesellschaftlicher Ächtung und der fast unmöglichen gerichtlichen Durchsetzung. Die meisten Richter würden in so einem Fall die Scheidung nicht befürworten mit der Begründung, es sei ja nichts Schlimmes passiert. In vielen Fällen flüchten sich die Patientinnen in Psychopharmaka. Viele Therapeuten in den arabischen Ländern würden diese Art der Therapie favorisieren.

"Wenn wir Psychotherapie hier betreiben, betreiben wir auch immer die Frage, was willst du, wie willst du dich in Beziehung setzen zu deinem Ehepartner, deiner Ehepartnerin, zu deinem Chef. Es geht immer darum, dass ich ich werde. Ein emanzipatorischer Ansatz steht sozusagen dahinter, eine Individuation. Und dieser Individuation zum Durchbruch zu verhelfen, beziehungsfähig werden, das habe ich dort nicht gesehen."

Die Religion ist nicht Ursache, aber Fessel

Die arabischen Therapeuten würden nicht mit dem emanzipatorischen Ansatz arbeiten, der ergebnisoffen sei, bei dem am Ende auch als Resultat eine Trennung herauskommen könne, sondern sie wollten den Zusammenhalt stärken, den Zusammenhalt der Ehe, der Familie. Dass viele Patienten ihn, den westlichen Psychotherapeuten konsultierten, erklärt Hofmann sich damit, dass sie mit ihren eigenen Lösungen nicht weiterkämen, sie ablehnten oder nicht weiter nur Medikamente schlucken wollten.

Hofmanns Fazit: Das rigide religiös-kulturelle System produziere zwar nicht die Krankheiten, habe aber die Tendenz, die Menschen darin festzuhalten und nicht zu befreien.

"Bei der Hälfte der Patienten, die rigide glauben, oder mit ihrem Glauben fundamental verbunden sind, ist natürlich die Religion mitentscheidend für das, was ich an Symptomen präsentiert bekomme. Die Ursache ist meinetwegen das unglücklich sein mit dem Ehepartner, aber die Fesselung in der Situation wird natürlich von der Religion mitbeeinflusst."

Aber müsste der Titel seines Buches nicht korrekterweise lauten: "Der wahabitische Gott schafft die Angst?"

"Naja, die Hälfte der Bevölkerung ist ja, zumindest in Bahrein, auch schiitisch, das heißt die haben mit dem Wahabismus nichts zu tun, aber die sind natürlich genauso betroffen. Das ist nicht nur der Wahabismus."

Burkhard Hofmann: "Und Gott schuf die Angst. Ein Psychogramm der arabischen Seele" 288 Seiten, 19,99 Euro.

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