
Im September 2026 stehen in Russland Parlamentswahlen an. Experten erwarten keine grundlegenden Änderungen der Machtverhältnisse in der Duma. Gleichzeitig sinkt derzeit die Popularität des russischen Präsidenten Wladimir Putin, mittlerweile 73 Jahre alt und 26 Jahre an der Macht. Er hat längst begonnen, mögliche Nachfolger großzuziehen. Was hat der Westen von ihnen zu erwarten?
Jung und aggressiv: Diesen Typus Politiker fördert Putin
Etwa ein Dutzend Personen umfasst die Gruppe der Personen, die Wladimir Putin ins Amt des russischen Präsidenten nachfolgen könnten. Die Politikwissenschaftlerin Irina Busygina, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS), nennt sie „junge Tiger“ – weil sie nach einem einprägsamen Begriff gesucht habe, um diese Gruppe zu charakterisieren: ausschließlich Männer, jung, aggressiv, ehrgeizig, aber derzeit noch nicht mit genug Macht versehen, um diese Aggressivität auszuleben.
Viele von ihnen kämen aus den Regionen, hätten dort ihre Netzwerke aufgebaut und seien hochprofessionell. Busygina über die „Tiger“: „Sie sind zynisch, glauben an nichts, haben keine Überzeugungen. Ihnen ist alles egal.“
Putin nutze diese jüngeren Staatsdiener bewusst als Gegengewicht zu den alten Eliten – also den Oligarchen, dem Militär und den Geheimdiensten. Allerdings könnten sich die von Putin geförderten Männer eines Tages gegen ihn selbst stellen. Sie seien zwar eine Art politische Kinder Putins, aber „ein Sohn kann seinen Vater auch töten.“
Vor allem warnt Busygina davor, von dieser neuen Generation hochrangiger russischer Politiker und möglicher Nachfolger Putins eine Demokratisierung in Russland zu erwarten. Stattdessen deute die Auswahl der geförderten Männer eher darauf hin, dass Putin sich auf einen dauerhaften militärischen Konflikt vorbereite. Diese Einschätzung teilt auch der liberale russische Politiker Leonid Gosman: Putin ernenne Leute, die ihm persönlich ergeben seien. Und das sei auf eine sehr lange Gegnerschaft mit dem Westen ausgerichtet. „Putin legt die Grundlage für einen endlosen Krieg“, so Gosman.
Mögliche Kandidaten für Putins Nachfolge
Alexei Djumin ist langjähriger Vertrauter Putins und gilt als aussichtsreichster Kandidat für Putins Nachfolge. Der an einer Militärhochschule ausgebildete Ingenieur erlangte Putins Vertrauen als dessen Leibwächter im Sicherheitsdienst des Präsidenten (SBP).
Im Februar 2016 ernannte Putin den damals 43-Jährigen zum Interimsgouverneur der unweit von Moskau gelegenen Oblast Tula, einem Zentrum der Rüstungsindustrie. Mittlerweile ist Djumin 53 Jahre alt, berät Putin in Rüstungsfragen und ist Vorsitzender des Staatsrates (Gossowjet), eines Beratergremiums des Präsidenten.
Djumin gelte als ruhig und unauffällig, sei jedoch hart und habe eine unnachgiebige Politik der Repression in Tula verfolgt, sagt die Politikwissenschaftlerin Irina Busygina.
Als weiterer Kandidat für Putins Nachfolge gilt Anton Alichanow. Der 1986 geborene Politiker arbeitete er in verschiedenen Ministerien, wie beispielsweise im russischen Justizministerium und im Ministerium für Industrie und Handel. Im Herbst 2016 ernannte Putin ihn zum Gouverneur von Kaliningrad – mit 30 Jahren der jüngste Gouverneur in der Geschichte Russlands. 2024 wurde Alichanow von Putin zum Minister für Wirtschaft und Handel ernannt.
2023, zwei Jahre nach dem Beginn des Ukraine-Krieges sagt der Gouverneur in einem Interview: „Es ist gut, dass mittlerweile auch der Letzte versteht, dass man nicht mehr neutral bleiben kann. Du bist entweder für dein Land und dein Volk oder dagegen. Man kann sich nicht mehr hinter irgendwelchen liberalen oder allgemein menschlichen Werten verstecken. Du bist entweder für die Russen oder gegen sie.“
Schließlich fällt im Zusammenhang mit der möglichen Nachfolge von Putin häufig der Name Michail Degtjarjow. 2020 ernannte Putin ihn zum Gouverneur der Region Chabarowsk im Fernen Osten Russlands. Er löste dort den beliebten Gouverneur Sergej Furgal ab. Dessen Absetzung durch den Kreml führte in Chabarowsk zu monatelangen Protesten.
Mittlerweile ist Michail Degtjarjow Sportminister sowie Präsident des Nationalen Olympischen Komitees. Ein „lukrativer Job“, so ein Mitarbeiter der von dem ermordeten Oppositionspolitiker Alexej Nawalny gegründeten Antikorruptionsstiftung (FBK), die immer wieder berichtet hat, wie sich Mitglieder der russischen Regierung bereichern. Degtjarjow habe beispielsweise ein hochwertiges Grundstück im Wert von umgerechnet 2,5 Millionen Euro von Moskaus Machthabern erhalten, nachdem er als Schein- bzw. Zählkandidat bei den Moskauer Bürgermeisterwahlen 2013 antrat.
Was bei einem möglichen Tod Putins geschieht
Sollte Wladimir Putin im Amt sterben, greift das in Russland gesetzlich geregelte Verfahren, erklärt Irina Busygina. Der Ministerpräsident, zurzeit Michail Mischustin, seit dem 15. Januar 2020 im Amt, würde gemäß Verfassung die Regierungsgeschäfte übernehmen. Der 60-jährige frühere Leiter der Steuerbehörde gilt als loyaler und effektiver Technokrat.
Welche Politik Mischustin als Präsident verfolgen würde, sei jedoch unklar, so Busygina: „Wir kennen ihn nur als Ministerpräsident.“ Auch sei es möglich, dass er von einem der „jungen Tiger“ herausgefordert werde.
Sollte es zu einer Zersplitterung der Eliten kommen, könnte sich in Russland eine Situation wie in den 1990er-Jahren wiederholen, die von inneren Machtkämpfen unter den Oligarchen und dem Geheimdienst und Chaos gekennzeichnet war. Doch derzeit sieht Busygina keine Anzeichen für einen Verfall von Putins Machtsystem.
Putins Erbe: Die staatliche Jungarmee Junarmija
Nicht nur Putins potenzielle Nachfolger seien gefährlich. Russlandexpertin Busygina spricht von einer Verrohung ganzer Generationen. Radikale Konservative, Nationalisten, Skinheads und Faschisten bilden die Basis für Putins Machtsystem.
Eine zentrale Rolle dabei spielt die sogenannte Jugendarmee (Junarmija). Sie wurde 2016 vom russischen Staat unter der Federführung von Verteidigungsminister Sergej Schojgu gegründet. Nach offiziellen Angaben zählt sie über zwei Millionen Mitglieder im Alter zwischen acht und 18.
Zu ihren Aufgaben zählt es, Kinder und Jugendliche an Waffen und militärischem Gerät auszubilden und systematisch auf einen möglichen Krieg mit dem Westen vorzubereiten.
Dazu kommt eine starke ideologische Prägung: Den Jugendlichen werden ultra-konservative, sogenannte „traditionelle Werte“ vermittelt, kombiniert mit dem Narrativ eines aggressiven Westens, gegen den sich Russland zur Wehr setzen müsse.
Schließlich fördert die Junarmija ein patriarchales Gesellschaftsbild. Während bei Jungen eine rein militärische Ausbildung im Vordergrund steht, werden Mädchen zwar auch militärisch geschult, aber vor allem auf eine Mutterrolle vorbereitet. Hintergrund ist, dass aufgrund des demografischen Problems Russlands eine höhere Geburtenrate gefördert werden soll.
Neben der Vermittlung von patriotischen Werten, die das russische Staatswesen stützen sollen, dient die Jungarmee vor allem praktischen und materiellen Zwecken: Sie soll sicherstellen, dass viele Jugendliche eine militärische Laufbahn einschlagen und es somit genügend Personal für das Militär gibt – auch für künftige oder andauernde Kriege nach Putins Tod, wie dem Krieg in der Ukraine, der in Putins Amtszeit begonnen wurde.
Online-Text: Catherine Shelton, Quellen: Deutschlandradio, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutsche Welle

















