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StartseiteCampus & KarriereSprungbrett ins deutsche Ausbildungssystem09.01.2019

Qualifizierung für FlüchtlingeSprungbrett ins deutsche Ausbildungssystem

Köchin, Krankenpfleger, KfZ-Mechaniker - viele junge Flüchtlinge wollen eine Ausbildung zu starten, doch die Hürden sind hoch. Auch weil Integrationskurse nicht ausreichend qualifizieren oder sie zu alt für Berufsschulen sind. Genau für diese Fälle hat der Landkreis Konstanz ein Kursprogramm entwickelt.

Von Thomas Wagner

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Ein Asylbewerber schreibt in einer Städtischen Berufsschule in Regensburg (Bayern) das Wort "Deutsch" an die Tafel.  (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
Die ersten 26 Absolventen, die ihre Abschluss-Zertifikate erhalten haben, werden damit zur regulären Hauptschulprüfung zugelassen - und haben gute Chancen, sie zu bestehen (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
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"Mein Name ist Shana Muhammed. Ich komme aus Syrien. Ich bin hier seit drei Jahren. Und ich lerne,...die Schule heißt VABO-E..."  

"Ich bin heute glücklich. Weil ich habe heute mein Zeugnis bekommen. Und ich habe heute gute Noten gehabt."

Hier die Syrerin, dort der junge Somalier, der heute sogar an der Mettnauschule Radolfzell am Bodensee sein Abschlusszeugnis entgegen nehmen durfte - beide haben etwas gemeinsam: Sie sind Teilnehmer an einem neuen Kursprogramm für Flüchtlinge, die eine reguläre Berufsausbildung anstreben. Geheimnisumwitterte Bezeichnung: VABO-E.

"Das bedeutet: Vorqualifizierung Arbeit und Beruf für erwachsene Flüchtlinge ohne Deutsch-Kenntnisse", erklärt Manfred Hensler, pädagogischer Leiter und, wenn man so will, "Miterfinder" des neuen Kursangebotes. Hensler war 2015, als über 800.000 Flüchtlinge nach Deutschland kamen, geschäftsführender Schulleiter im Landkreis Konstanz. Sein Job damals unter anderem: Verteilung der jugendlichen Flüchtlinge auf die Berufsschulen in der Region.

"Und im Zuge dieser Verteilungsmaßnahmen habe ich immer wieder Menschen abweisen müssen, die unglückseligerweise schon 21, 22 Jahre alt waren", erinnert er sich. Denn für diese Altersgruppe gilt eine Regelung, die Bildungsarbeit für die jungen Erwachsenen unter den Flüchtlingen nicht eben erleichtert:

"Die Problematik ist die, dass die Berufsschulen diese Menschen nicht beschulen dürfen, weil der Staat das so nicht vorgesehen hat. Die Berufsschulpflicht endet mit Vollendung des 19. Lebensjahres. Darüber hinaus ist der Staat leider nicht bereit, diese Berufsschulen für diese Menschen zu öffnen."

Integrationskurse qualifizieren nicht genug

Und das ist nicht nur in Baden-Württemberg so: Zwar gibt es in anderen Bundesländern etwas höhere Altersgrenzen. In Bayern beispielsweise dürfen junge Erwachsene und damit auch Flüchtlinge noch bis Mitte 20 an die Berufsschulen. Doch wer älter ist als die jeweilige Alters-Obergrenze, hat Pech gehabt. Und das bedeutet: Keine Chance auf einen Hauptschulabschluss - und damit allenfalls geringe Chancen auf den Einstieg in eine Berufsausbildung. Was bleibt, sind die regulären Integrationskurse, von denen sich das neue Angebot in Konstanz aber deutlich unterscheidet:

"Das Schlimme daran ist, dass man dort nur Deutsch beschult, nicht aber auch Mathematik, Englisch, Gemeinschaftskunde, Politik", findet Hensler. Das allerdings ist  bei dem neuen Angebot in Konstanz ganz anders:

"Ich komme aus Pakistan, aber ich  bin Afghanin. Ich habe gute Noten für Englisch und Gesetzeskunde. Deutsch ist auch nicht so schwer, aber nicht so gut war die Mathe."

"Ich komme aus Afghanistan. Ich habe Mathematik gelernt, Grammatik gelernt, auch viel Deutsch gelernt. Mathematik ist sehr schwierig."

Zulassung zur Hauptschulprüfung

Dieser breit angelegte Fächerkanon sei ebenso wichtig wie der Unterricht in einem traditionellen Klassenverband, so Manfred Hensler als pädagogischer Leiter:

"Diese acht, neun Nationen, die wir da in der Klasse hatten, mussten miteinander auskommen, mussten pünktlich sein, mussten regelmäßig erscheinen - und das hat sehr segensreich gewirkt - im Hinblick auf die Ausbildung und Arbeitseifer dieser Menschen."

Die ersten 26 Absolventen, die nun ihre Abschluss-Zertifikate überreicht bekamen, werden damit zur regulären Hauptschulprüfung zugelassen. Die zu bestehen, sollte mit dem nun erworbenen Wissen ohne größere Schwierigkeiten möglich sein, heißt es in Konstanz.

Trotz Engagement kein sicherer Status

Und dennoch gibt es auf den Weg zu einer erfolgreichen Integration ins Berufsbildungssystem noch eine große Hürde, so Frank Hämmerle, Landrat in Konstanz:

"Die sind zum Teil nicht anerkannt. Die haben alle einen unterschiedlichen ausländerrechtlichen Status." Will heißen: Trotz guter Deutschkenntnisse, trotz bestandener Abschlussprüfung in dem neuen Berufsvorbereitungskurs für erwachsene Flüchtlinge ist für die Absolventen keineswegs sicher, dass sie langfristig in Deutschland bleiben dürfen. Geht gar nicht, sagt der Konstanzer Landrat:

"Meine Botschaft lautet: Diejenigen, die diesen Kurs gemacht haben, die so viel Engagement, Hartnäckigkeit und Leistung gezeigt haben, die sollen und werden wir nicht abschieben. Es wäre Sünd und Schand, diese Investition kaputt zu machen. Wer sich anständig aufführt, wer sich integriert, den brauchen wir."

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