Montag, 03. Oktober 2022

Nach 70 Jahren auf dem Thron
Trauer um Queen Elizabeth II.

Queen Elizabeth II. ist tot. Die britische Monarchin starb mit 96 Jahren auf ihrem Sommersitz Schloss Balmoral in Schottland. Im Juni feierte die Queen noch ihr 70-jähriges Thronjubiläum.

Von Jörg Schulze | 08.09.2022

Die Queen ist durch das Fenster ihrer Kutsche zu sehen und schaut direkt in die Kamera. Sie trägt ein diamantenbesetztes Diadem.
War ihrem Volk treu ergeben: die britische Königin Elisabeth II. (Getty Images / Max Mumby / Indigo)
Kontinuität zu wahren und dem öffentlichen Interesse zu dienen, versprach Elizabeth ihrem Volk schon als Prinzessin. Während ihrer Amtszeit – der längsten eines britischen Monarchen – wurde ihr großer Respekt gezollt. Sie blieb weitgehend verschont von den Medien, die sich ansonsten – zumindest seit den 90er-Jahren – nicht scheuten, Einzelheiten aus dem Privatleben ihrer Familie zu veröffentlichen.
Als Elizabeth II. als Elizabeth Mary Alexandra am 21. April 1926 geboren wurde, konnte niemand voraussehen, dass sie einmal den Thron besteigen würde. Ihr Onkel Eduard VIII. war seinerzeit König. Er hatte keine eigenen Kinder, sodass Elizabeths Vater nach Eduards Abdankung 1936 Thronfolger wurde. Drei Jahre später brach der Zweite Weltkrieg aus, der die frühen Jahre Georgs des Sechsten bestimmte.

"Eine der erinnerungswürdigsten Nächte meines Lebens"

Wie viele andere Kinder während des Krieges wurde Prinzessin Elizabeth mit ihrer jüngeren Schwester Margaret evakuiert und lebte im Schloss Windsor in der Grafschaft Berkshire.
Von dort hielt sie ihre erste Radioansprache, die sie an evakuierte Kinder richtete: "When peace comes – remember it will be for us, the children of today, to make the world of tomorrow a better and happier place. My sister is by my side and we are both going to say goodnight to you. Come on Margaret. Good night, children, good night – and good luck to you all."

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Wenn der Frieden kommt, sagte sie, wird es die Aufgabe von uns Kindern sein, eine bessere und glücklichere Welt zu schaffen. Meine Schwester ist bei mir, und wir beide wünschen eine gute Nacht. 
Als die Menschenmassen sich in London fünf Jahre später vor dem Buckinghampalast, dem Sitz des Königs, versammeln, um das Ende des Krieges in Europa zu feiern, mischen sich die Prinzessinnen Elizabeth und Margaret unter die Menge.
Elizabeth erinnert sich, wie sie – wie alle anderen – dem König und der Königin auf dem Balkon zuwinken, wie sich einander unbekannte Menschen unterhaken und auf einer Welle von Freude und Erleichterung schwimmen.
Prinzessin Elizabeth beschreibt das als einen der denkwürdigsten Abende ihres Lebens: Sie hätten König und Königin auf dem Balkon zugejubelt, dann seien sie meilenweit durch die Straßen gelaufen, wo sie sah, wie fremde Menschen einander unterhakten und sich freuten.

Von der Prinzessin zur Königin

Während des Krieges hatte sie sich in Philip, den Prinzen von Griechenland, verliebt. Philip hatte sie im Alter von 13 Jahren das erste Mal getroffen. Die Hochzeit fand im November 1947 statt: Ein Farbblitz im grauen Nachkriegsgroßbritannien nannte das der Kriegspremierminister Winston Churchill. Die ersten Ehejahre verbrachte das Paar relativ unbeschwert.
Doch 1951 erkrankte Elizabeths Vater, König Georg der Sechste, und die Prinzessin übernahm eine zunehmende Zahl von Auslandsbesuchen an ihres Vaters statt.
1952, bei einer Zwischenstation in Kenia, auf dem Weg nach Australien und Neuseeland, erreichte das Paar die Nachricht vom Tod des Königs. Sie hatte das Land als Prinzessin verlassen – und kam als Königin zurück.
Porträt von Queen Elisabeth II. als junger Frau mit Diadem und juwelenbesetzter Halskette.
Junge Frau mit viel Verantwortung: Porträt der jungen Queen Elisabeth II. (picture alliance / ZUMAPRESS.com / Keystone Press Agency)
Die offizielle Krönung fand jedoch erst ein Jahr später statt. Im ganzen Königreich schnellten die Verkaufszahlen für Fernsehgeräte in die Höhe, und die Zeremonie am 2. Juni 1953 in der Westminster Abtei wurde zum ersten großen Medienereignis in der Geschichte der britischen Monarchie.

Mehr Auslandsreisen als der Papst

In den nachfolgenden Jahren verbreiteten die Medien nur offizielle Stellungnahmen des Königshauses. Fernsehapparate standen bald in allen Wohnzimmern, und die Tatsache, dass die Monarchie zu einer königlichen Familie anwuchs – das Königspaar hatte vier Kinder – ließ die Nachfrage nach Bildern ansteigen.
1969 erlaubte Königin Elizabeth zum ersten Mal einem Fernsehteam der BBC, ihr Alltagsleben zu filmen. So erfuhr die Nation, worüber sich die königliche Familie beim Grillabend unterhielt. Und man sah sie scherzend am Esstisch.
Königin Elizabeth ist das reisefreudigste Staatsoberhaupt in der Geschichte – sie unternahm sogar mehr Auslandsreisen als Papst Johannes Paul II.
Deutschland besuchte sie das letzte Mal im Juni 2015. Sie sagte dem damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck: „Wir wissen, dass Spaltung in Europa gefährlich ist und dass wir uns davor in acht nehmen müssen.“
Das war genau ein Jahr vor dem Brexit-Referendum, das in Großbritannien zu turbulenten politischen Verhältnissen geführt hat. Anfang 2020 trat das Königreich aus der EU aus. Die Queen hat sich selbst nie direkt zum Brexit geäußert.

Gerne im direkten Kontakt zur Bevölkerung

Sowohl bei Staatsbesuchen im Ausland als auch bei Zeremonien zu Hause ließ es sich die Königin nur selten nehmen, direkten Kontakt mit der Bevölkerung zu haben.
Wie sich im Juni 1981 bei der Abnahme der Fahnenparade in London zeigte, war das mit Gefahren verbunden. Einem 17-Jährigen gelang es, sechs Platzpatronen abzufeuern, bevor er festgenommen wurde.
Ein Jahr später schaffte es ein Mann, in den Buckinghampalast einzudringen und ins königliche Schlafzimmer zu gelangen – die Polizei traf erst zwölf Minuten später ein. Derartige Sicherheitsverletzungen blieben jedoch die Ausnahme.

Ein schreckliches Jahr

Das Volk betrachtete die königlichen Privilegien mit zunehmender Skepsis. So fühlte sich die Königin gezwungen, ab 1992 Einkommensteuer zu zahlen. Andere Probleme waren hausgemacht: Die Ehen dreier der vier Kinder Elizabeths waren zerrüttet – und Ende 1992 zerstörte darüber hinaus ein Feuer Teile von Schloss Windsor.
Die Königin nannte 1992 in einer ihrer bekanntesten Reden „ein schreckliches Jahr“, ein annus horribilis. Mehrere schreckliche Jahre sollten folgen: Die Einzelheiten der Ehe zwischen Prinzessin Diana und Prinz Charles füllten die Seiten nicht nur der Boulevardblätter, was insbesondere Diana zu schaffen machte.
Zeitungsredakteure wie Andrew Neil von der „Sunday Times“ konnten ihr Glück kaum glauben: „Die königliche Familie benahm sich in einer Art und Weise, dass die Boulevardblätter keine Geschichten mehr über sie erfinden mussten. In früheren Zeiten musste die Boulevardpresse Geschichten entweder frei erfinden oder zumindest ausschmücken. Aber jetzt wurden die Erfindungen von der Wahrheit überholt. Die königliche Familie benahm sich in einer Art und Weise, von der selbst die kühnsten Boulevardredakteure nur hatten träumen können.“

Trotz aller Kritik – die Monarchie steht auf festem Boden

In derselben Rede, in der sich die Königin über ihr „annus horribilis“ beklagte, erkannte sie die Rolle der Presse als kritische Instanz an, sagte jedoch, diese prüfende Rolle könne genauso effizient erfüllt werden, wenn dabei sanft und verständnisvoll vorgegangen werde.
Königin Elizabeth war allerdings selbst nicht die Zielscheibe der Kritik – bis 1997, nach dem Tod Dianas durch einen Autounfall in Paris. Die Queen wurde als herzlos und kalt dargestellt, weil sie sich nicht öffentlich zu dem Tod äußerte oder Trauer zeigte. Als Reaktion auf die anhaltende Kritik hielt sie eine Rede – live im Fernsehen. 
2002 war ein weiteres ereignisreiches Jahr im königlichen Kalender: Zuerst starb Prinzessin Margaret, die Schwester der Königin – dann ihre Mutter. Das Ausmaß der Tribute, die so viele ihrer Mutter in den vergangenen Tagen gezollt hätten, sei überwältigend gewesen. Das habe ihr großen Trost gespendet.

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Das Jahr der Trauer war gleichzeitig Anlass zur Feier: Brian May, der Gitarrist von „Queen“ – spielt für die Queen, und zwar seine Version der Nationalhymne auf dem Dach des Buckinghampalastes. Die Feierlichkeiten zum 50-jährigen Thronjubiläum wurden allgemein als großer Erfolg gewertet – und als Zeichen, dass die Monarchie in Großbritannien auf festem Boden steht. 
Im Mai 2011 machte die Queen den wohl symbolträchtigsten Staatsbesuch ihrer Amtszeit, als sie als das erste britische Staatsoberhaupt die unabhängige Republik Irland besuchte:
„Wir dürfen niemals die Toten, die Verletzten und ihre Familien vergessen. Ich bekunde mein tiefstes Mitgefühl all denjenigen, die aufgrund unserer schwierigen Vergangenheit gelitten haben. Im Rückblick können wir alle sehen, was in unserer Vergangenheit besser anders gemacht – oder auch gar nicht getan worden wäre.“

Nur bei der Queen kann ein Premier offen reden

Im Mai 2012 feierte die Königin ihr diamantenes Thronjubiläum – im September 2015 war sie länger im Amt als Königin Victoria. Als Staatsoberhaupt einer konstitutionellen Monarchie mischte sich die Königin nicht in die Alltagsgeschäfte der Politik ein. Königin Elizabeth hat zahlreiche Premierminister kommen und gehen sehen. Was sie von ihnen gehalten hat, hat sie nie gesagt, und wir werden es wohl auch nie erfahren.
Dieses Stillschweigen wussten alle Premierminister zu schätzen. Die Königin sei die einzige Person, der man etwas streng Vertrauliches mitteilen könne, mit der Gewissheit, dass dieses Vertrauen nie gebrochen werde, sagt Tony Blair. Er habe das mehrfach gemacht. Sein Vorgänger im Amt, John Major, sagt es noch deutlicher: Nur bei der Queen könne ein Premier offen reden.
Einmal in der Woche lege der Premier alles, was ihn beschäftige, auf den Tisch: Selbst Gedanken, die man zum gegebenen Zeitpunkt nicht mit dem Kabinett diskutieren möchte, könne man mit der Königin besprechen – und er, Major, habe das getan.
Auf diese Weise blieb den Medien nur Spekulation. So wurde angenommen, dass Tony Blair sich gut mit der Königin verstand und Margaret Thatcher offenbar wesentlich schlechter.
Diese erinnerte sich an ihre Nervosität beim ersten Zusammentreffen: Die Königin habe auf ihre Nervosität reagiert, sie habe genau gewusst, was sie zu sagen hatte, und sei darin sehr viel erfahrener als sie, so Margaret Thatcher. Über die Jahre ist der politische Instinkt der Königin gereift.

Die Realität als "Unfall der Geschichte"

Nach Einschätzung des ehemaligen Labour-Premiers James Callaghan hat ihre Anpassungsfähigkeit das Überleben der Monarchie gesichert: 

Die Königin ist der ruhende Pol der Nation. Das Parlament ist das Schwungrad, ständig in Bewegung. Sie hat sich an die gesellschaftlichen Veränderungen angepasst und geht gleichzeitig als gutes Beispiel für alle voran. Hätten wir einen Monarchen, der sich anders verhalten hätte, wäre der Republikanismus gewachsen. 

Labour-Premier James Callaghan
Elizabeth war aber auch Staatsoberhaupt vieler ehemaliger Kolonien – und in einer dieser ehemaligen Kolonien, Australien, wurde in den 90er-Jahren der Ruf nach einem australischen Staatsoberhaupt laut. Der damalige australische Ministerpräsident Paul Keating kündigte ein Referendum zu dieser Frage an. Würde die australische Verfassung heute geschrieben, müsste man noch nicht einmal festschreiben, dass das Staatsoberhaupt australischer Nationalität ist, sagte er. Die Realität sei „ein Unfall der Geschichte“.
Wie sich bei dem im November 1999 abgehaltenen Referendum herausstellte, teilten die Australier diese Auffassung nicht ganz: 55 Prozent sprachen sich für die Beibehaltung der Monarchie aus – und damit für Königin Elizabeth als Staatsoberhaupt. Ihr politisches Vermächtnis ist nicht zuletzt der Zusammenhalt der im Commonwealth zusammengeschlossenen Staaten.

Gewappnet für die Herausforderungen der Gegenwart

Zwar zerfiel das britische Imperium während Elizabeths Amtszeit weiter, und die Zahl der Kolonien – 2002 umgetauft in Überseeterritorien – sank auf 14. Aber die Mehrzahl der unabhängig gewordenen Staaten trat dem Staatenbund bei. Das war die Eröffnungsfeier des Commonwealth-Gipfels in Nigeria im Jahr 2003, zu der der Gastgeber, Präsident Obasanjo, die Königin begrüßt.
Der Commonwealth ist eine großartige Staatengemeinschaft, in der Arm und Reich, Groß und Klein, zum gegenseitigen Nutzen zusammenarbeiten, sagt die Königin. Diese Zusammenarbeit sei nicht nur für Frieden und Wohlstand innerhalb des Commonwealth von größter Wichtigkeit, sondern auch für den Rest der Welt – so könnten die Herausforderungen der Gegenwart gemeistert werden.
Als Elizabeth Königin wurde, bestand der Commonwealth gerade mal aus acht Staaten. Die Rolle und künftige Bedeutung des Staatenbundes war unklar.
Über die Jahre hat er sich jedoch entwickelt – mittlerweile sind mehr als 50 Staaten Mitglieder. Yoweri Museveni, der 1986 Präsident des unabhängig gewordenen Uganda wurde, schreibt den Erfolg des Commonwealth vor allem Königin Elizabeths Flexibilität zu: Einige Mitgliedsstaaten seien Republiken und haben damit die Königin nicht als Staatsoberhaupt.
Elizabeth aber habe sich nicht in interne Angelegenheiten, Identitätsfragen und nationale Besonderheiten eingemischt. Für ihre Fähigkeit, die Beziehung zu pflegen und gleichzeitig die Souveränität der Staaten im Commonwealth nicht anzutasten, dafür werde man sie in Erinnerung behalten, sagt Museveni.

Prinz Philip war Stärke und Stütze der Queen

In den letzten Jahren ging die Queen weiter ihren Pflichten nach: Sie nahm öffentliche Auftritte wahr, eröffnete regelmäßig und der Tradition entsprechend das britische Parlament, empfing zu Audienzen. Und sie spendete ihrem Volk Zuversicht, im Frühjahr 2020 etwa, als die Corona-Pandemie Großbritannien hart traf.
In einer Ansprache sagte sie: „Wir werden wieder mit unseren Freunden vereint sein, wir werden wieder mit unseren Familien vereint sein – wir werden uns wiedersehen.“ Dennoch dominierten auch immer wieder private Themen die Schlagzeilen. Anfang 2020 erklärte Prinz Harry, sich aus der ersten Reihe des Königshauses zurückziehen zu wollen.
Er und seine Frau Meghan Markle, die Herzogin von Sussex, wollten sich finanziell unabhängig machen, hieß es, und fortan im Ausland leben. Die Entscheidung wurde auch mit der Berichterstattung durch die britischen Boulevard-Medien begründet. Die Queen soll enttäuscht gewesen sein, als sie vom Rückzug ihres Enkels erfuhr.
Im April 2021 verstarb Prinz Philip im Alter von 99 Jahren. Philip war sieben Jahrzehnte als Ehemann an der Seite der Queen. Er sei ihre Stärke und Stütze gewesen – so sagte es die Monarchin einmal anlässlich der gemeinsamen Goldenen Hochzeit. Kurze Zeit nach der Beerdigung von Prinz Philip nahm die Queen wieder Termine wahr, noch 2022 feierte sie ihr 70-jähriges Thronjuiläum. Sie – der „ruhende Pol der Nation“ – blieb pflichtbewusst. Bis zuletzt.