Mittwoch, 18. Mai 2022

Ré Soupault: „Überall Verwüstung. Abends Kino. Reisetagebuch“
Geistlosigkeit macht ein Land hässlich

Aus dem Exil zurück nach Deutschland: 1951 fährt die damals 50jährige Künstlerin Ré Soupault mit dem Fahrrad durch Süddeutschland. Ihr Weg führt durch Trümmerlandschaften und unerträgliche Missstimmung. „Überall Verwüstung. Abends Kino“ heißt das nun erschienene Tagebuch dieser Reise.

Von Ulrich Rüdenauer | 05.05.2022

Ré Soupault: "Überall Verwüstung"
Ré Soupault (1901 bis 1996) wechselte ihre Namen ebenso wie ihre künstlerische Berufungen. (Foto: VG Bild-Kunst Bonn/Manfred Metzner, Buchcover: Verlag das Wunderhorn)
Eine der wundersamsten, schönsten Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Annäherung zwischen den ehemaligen Erzfeinden Deutschland und Frankreich. Wie unwahrscheinlich diese Liaison der beiden ehemaligen Gegner war, zeigt sich noch einige Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur:
„Immer wieder spüre ich die tiefe Kluft zwischen Franzosen und Deutschen. [Ein französischer Geschäftsmann] sprach mit einer gewissen Schärfe, die nicht ohne Hass war, von dem feinen Leben, das die Deutschen wieder führten.“
Auf der anderen Seite sind die Ressentiments nicht weniger ausgeprägt: Die Deutschen fühlen sich von den Franzosen ausgebeutet.
Ré Soupault, 1901 in Pommern geboren, aber nach vielen Jahren in Paris sich längst als Französin fühlend, ist geradezu prädestiniert, diese nicht nur atmosphärischen Spannungen aufzuspüren. Im September und Oktober 1951 reist sie von Basel aus durch Süddeutschland: Mit ihrem Vélosolex – einem schicken Fahrrad mit Hilfsmotor und immerhin 0,4 PS – legt sie Hunderte von Kilometern zurück.

Jegliche Konjunktur fehlt

Es geht Richtung Trier; sie wohnt einige Tage bei Verwandten in Wittlich, weiter fährt sie nach Stuttgart und München, Landsberg und Oberstdorf und schließlich nach gut fünf Wochen zurück nach Basel. Im Saarland schon, auf der ersten Etappe, fällt ihr eine tiefe Traurigkeit bei ihren Landsleuten auf, eine „unerträgliche Missstimmung“. Die Straßen sind schlecht, die Trümmer prägen vielerorts noch die Städte. Kalt kommt ihr dieses Land vor. Dem Leben in Deutschland fehle jegliche Kontur. Auf Dauer, stellt Soupault fest, würde sie es dort nicht aushalten können.
„Wie sehen die Gesichter aus, denen man auf der Strasse begegnet? Sie sind hässlich, zum grössten Teil. Der Kummer, die tägliche Jagd nach dem täglichen Stück Brot, macht hässlich. Aber auch die Geistlosigkeit macht hässlich. Und so ist es doch.“
Bei einem Spaziergang über die Höhen von Stuttgart notiert Ré Soupault lapidar: „Überall Verwüstung. Abends Kino“. So lautet auch der Titel des Reisetagebuchs, das Manfred Metzner, Verleger des Heidelberger Wunderhorn-Verlags und Nachlassverwalter Soupaults, nun herausgegeben hat. Es ist ein weiteres Puzzleteil zu einer faszinierenden Künstlerinnen-Biografie, die sich in den letzten Jahren dank Metzner nach und nach erschlossen hat – in Ausstellungen, Fotobänden und Büchern.

Exilantin und Überlebenskünstlerin

Im Reisetagebuch lernen wir Ré Soupault in einer fragilen, ungewissen Zeit kennen. Sie muss sich neu sortieren. Mehrere Leben hat sie in dieser Phase bereits hinter sich: als Bauhaus-Schülerin, Filmassistentin, avantgardistische Modeschöpferin, Journalistin, Fotografin und angeschlossenes Mitglied der Surrealisten in Paris, als Exilantin und Überlebenskünstlerin.
Nach dem Krieg trennt sie sich von ihrem notorisch untreuen zweiten Mann Philippe Soupault. Sie versucht zunächst, in New York Fuß zu fassen, kehrt dann nach Europa zurück, lebt eine Weile in Basel. Die Reise mit ihrem geliebten und auch eigensinnigen Vélosolex hat nicht nur den Zweck, Verwandte und Freunde zu besuchen. Sondern vor allem will die nun als Übersetzerin und Feature-Autorin reüssierende Soupault Kontakte zu Verlagen und Rundfunkanstalten knüpfen.
„Dr. P. vom Rundfunk freute sich sehr, dass ich da war. Wir trafen uns im Büro der Regisseurin, Frau Schimmel, wo ein paar der wichtigsten Pressevertreter versammelt waren (aus ganz Deutschland). Unten, im Hörsaal, sassen dann etwa 30 Radiokritiker – alles sehr wohlgenährte und gut gekleidete Herren – um einen grossen Tisch herum. Der gewölbeartige Raum füllte sich mehr und mehr mit Zigaretten- und Zigarrenrauch, so dass ich glaubte, ersticken zu müssen.“

Wiederkehr und Erneuerung

Sie schöpft die Hoffnung, in Zukunft mit Radioarbeiten ihren Lebensunterhalt verdienen zu können, plant voller Enthusiasmus, bei Karl Jaspers zu studieren. Soupaults „Carnet de route“ hält sprachlich gewitzt viele kleine Beobachtungen fest, Flüchtiges und Kurioses, Begegnungen und Eigenheiten ihrer deutschen Landsleute.
Das Tagebuch ist aber vor allem der aufmerksame, sensible Versuch, eine Zwischenzeit zu dokumentieren – eine Übergangsphase in ihrem eigenen Leben, aber auch eines Landes, das mit den Folgen des Krieges beschäftigt ist und dessen Auferstehung im Wirtschaftswundermärchen erst noch bevorsteht. Auch Soupault gelingt die Neuerfindung – als Übersetzerin und Essayistin. Einmal mehr macht sie ihrem selbstgewählten Namen alle Ehre: In Ré sind Wiederkehr und Erneuerung schon enthalten.
Ré Soupault: "Überall Verwüstung. Abends Kino. Reisetagebuch"
Herausgegeben von Manfred Metzner
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg, 124 Seiten, 22 Euro.