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StartseiteBüchermarktIn der Echokammer der Liebe08.01.2019

Rachel Cusk: "Kudos"In der Echokammer der Liebe

Rachel Cusk erzählt in ihrem neuen Roman vom Zwang der Selbstoptimierung und vom Wunsch nach Selbstverwirklichung in der Liebe. Männer scheitern dabei anders als Frauen. Immer dabei ist eine Erzählerin, die vor allen Dingen weiß, wie man zuhört.

Von Sabine Peters

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Cover von Rachel Cusks "Kudos" vor dem Hintergrund eine kleinen Gruppe von Flugpassagieren auf dem Flughafen (Imago / Verlag Suhrkamp/Insel)
Cover von Rachel Cusks "Kudos" vor dem Hintergrund eine kleinen Gruppe von Flugpassagieren auf dem Flughafen (Imago / Verlag Suhrkamp/Insel)
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Rachel Cusk über autobiografisches Schreiben "Der Autor steckt da tief mit drin im Geschriebenen"

Rachel Cusk Die schweigende Erzählerin

Rachel Cusk: "Kudos" Erzählerisch überraschend, aber wenig elegant

Die Ich-Erzählerin namens Faye im neuen Roman von Rachel Cusk sitzt in einem Flugzeug. Ein erfolgreicher Geschäftsmann neben ihr erzählt sehr Persönliches aus seinem Leben: Etwa, dass er weinte, als er seine Tochter in einem Schulkonzert musizieren hörte. Denn er fürchtete immer, mit der Tochter könne etwas nicht stimmen. Faye sagt: Viele Eltern zweifelten ständig an ihren Kindern; an sich selbst aber nie. Der Geschäftsmann wehrt ab und erzählt weiter.

Faye ist Schriftstellerin und unterwegs zu einem Literaturfestival in Südeuropa, wo sie ihr neues Buch vorstellen wird. Dort trifft sie ihren Verleger, einige Kollegen und Journalisten, eine Übersetzerin. Sie macht Zufallsbekanntschaften im Hotel und auf der Straße.  

Wem auch immer Faye begegnet: Die Leute erzählen Anekdoten aus ihrem Ehe- und Familienleben. Sie beschreiben Rollenmodelle als Mann oder Frau, als Partner und als Eltern. Erzählend geben sie ihrem Leben eine Logik und einen Sinn, der allerdings flüchtig und wandelbar ist. Das sehen sie selbst mit oft großem Erstaunen.

Die englische Schriftstellerin Rachel Cusk, Jahrgang 1967, hat mit dem Roman "Kudos" den letzten Teil einer Trilogie vorgelegt, in der erneut die Figur Faye, ein alter ego der Autorin, auftaucht. Man muss aber die vorausgegangenen Romane "Outline" und "In Transit" nicht kennen, um sich in dem neuen Buch zurechtzufinden.

Leben unter Leistungsdruck

Faye bildet auch hier eine Art "leere Mitte". Sie wird kaum charakterisiert. Sie ist Zuhörerin der anderen, die ihr Ausschnitte aus ihrem Innersten offenlegen, die man normalerweise verschweigt. Alle Figuren des Romans stehen unter dem Druck, erfolgreich zu sein, ihr Leben permanent zu optimieren. Schon der Titel des Romans - "Kudos" bedeutet so viel wie "guter Ruf, Ansehen" - spielt darauf an. Aber die Leute scheitern immer wieder. Vor allem die Ehen entwickeln sich oft desaströs. In gleichmütigem Tonfall berichten eine Journalistin und eine Übersetzerin von subtiler und offener männlicher Gewalt.

Rachel Cusk reiht in markanten kurzen Berichten "Fallbeispiele" für den immer noch virulenten Geschlechterkonflikt aneinander. Sie hat in Interviews wiederholt ihren Zweifel am konventionellen fiktionalen Erzählen mit einem allwissenden Autor und einer stringenten Handlung geäußert. In "Kudos" finden sich, diesem Zweifel entsprechend, keine abgerundeten Geschichten, sondern einzelne, prägnante Puzzlestücke. Deren Fülle verhindert, dass dem Leser einzelne Gestalten nahekommen. Im Grunde geht es Cusk ums Aufzählen, um das Herstellen einer Serie. Die Figuren treten auf, sagen das Ihre, treten wieder ab. Ein Journalist, der Faye nach ihren schriftstellerischen Positionen befragen sollte, fragt stattdessen sich selbst lang und breit, ob es möglich sei, unvoreingenommen zu erzählen, Widersprüche auszuhalten und auch Ungereimtes unkommentiert zuzulassen. Der Roman selbst behauptet diese Möglichkeit auf der formalen Ebene, durch seine serielle Machart. Aber auf der inhaltlichen Ebene entkommt er nicht dem, was man als Dominanz des eigenen Blicks bezeichnen kann: Jeder Autor zieht die Fäden. Er entscheidet, wer und wie zu Wort kommt.

Illusionen und Enttäuschungen

Die Mosaikstücke, die Rachel Cusk aneinanderfügt, zeigen: Die Selbstverwirklichung in der Liebe zwischen Mann und Frau ist eine Illusion. Wenn die männlichen Gestalten daran glauben, blenden sie auf naive oder arrogante Weise aus, dass ihre Selbstbestimmung auf Kosten der Frauen geht.

Sämtliche Frauenfiguren werden von ihren Liebeserfahrungen bald so oder so enttäuscht. Und die Selbstverwirklichung in der freien künstlerischen, kreativen, intellektuellen Arbeit? Rachel Cusks eigene poetologische Position – das Schreiben als ein aufmerksames, möglichst unvoreingenommenes und Widersprüche zulassendes Tun – diese theoretische Position wird in der Figurenrede gelegentlich vorgestellt. Aber wenn es um praktische, konkrete Arbeitserfahrungen geht, sprechen Übersetzer und Journalisten kaum von dem, was sich an ihren Schreibtischen und in ihren Köpfen abspielt. Sie reden lieber vom Literaturbetrieb. Der erweist sich in diversen Anekdoten als ein Haifischbecken - er ist wie andere Betriebe. Das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen ist auch hier die Regel, selbst wenn es Ausnahmen gibt. Und die Frauen sind aktiv an der Erhaltung von überholten Strukturen und Rollenzuweisungen beteiligt.

Verzicht auf Larmoyanz und Klage

"Kudos" ist ein geschliffener, kluger Roman. Ein Roman, der an die strenge Eleganz eines Flamencotanzes erinnern kann. Dieser Vergleich weckt allerdings auch Fragen, Einwände: Besteht nicht die Gefahr, dass aus der gefassten, kontrollierten Manier ein Manierismus wird, etwas Gekünsteltes? Warum der fast ungebrochen hohe Ton? Spricht ein junger Fremdenführer tatsächlich so wie ein abgeklärter Geschäftsmann? Der dänische Schriftsteller Per Hultberg hat in seinem Opus magnum "Requiem" von 1985 ebenfalls auf serielle Weise Lebensbeichten ganz verschiedener Protagonisten vorgeführt – aber bei allem, was da Hultbergs eigenes Weltbild und was sein eigener Duktus war, hörte man die Unterschiede im Wortschatz der Figuren.

Der Roman "Kudos" beschreibt wie die vorausgehenden Bücher alltägliche fatale Denkmuster, Vorurteile und Verhaltensweisen. Cusk verzichtet auf Larmoyanz und Klage, auf offene Aggression. 

Das Konfliktpotential, das im Geschlechterkampf nach wie vor besteht, könnte freundlichen Humor oder auch grimmige Komik freisetzen. Doch der Roman erlaubt sich diesen subversiven Akt des Widerstandes nicht, und das ist schade.

Rachel Cusk: "Kudos" 
Suhrkamp, Berlin 2018. 224 Seiten, 20 Euro

 

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