Montag, 09.12.2019
 
Seit 07:00 Uhr Nachrichten
StartseiteInformationen am MorgenLieferung ins Ungewisse18.11.2019

Radioaktiver AbfallLieferung ins Ungewisse

In Russland werden nach Angaben von Umweltschützern Fässer mit uranhaltigem Material unter freiem Himmel gelagert. Dennoch sollen nun wieder uranhaltige Stoffe aus Deutschland dorthin exportiert werden. Demonstranten haben ihren Protest angekündigt.

Von Thielko Grieß

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Vier gelbe Fässer mit radioaktivem Abfall stehen neben einem Weg auf dem ein gelber Richtungspfeil am Boden nach rechts zeigt. (picture alliance / dpa / Wolfram Kastl)
Fässer mit radioaktivem Müll werden zwischengelagert (Symbolbild) (picture alliance / dpa / Wolfram Kastl)
Mehr zum Thema

Dual Fluid Reaktor Mit Flüssigbrennstoff im Reaktor soll Kernenergie sicher werden

Rückbau des AKW Ignalina in Litauen Eine Atomstadt muss sich neu erfinden

Atommüll Workshop zur Endlagersuche

Die Stadt Nowouralsk ist eine sowjetische Gründung aus dem Jahr 1941. Sie liegt nicht weit entfernt von Jekaterinburg im Ural. Es ist auch heute noch eine geschlossene Stadt, (Es gelten also Reise- und Aufenthaltseinschränkungen, Anmerkung der Redaktion) was Recherchen dort praktisch unmöglich macht. Nowouralsk wird dominiert vom "Ural Elektrochemischen Kombinat". Dieser Betrieb ist das Ziel der Transporte aus Gronau. Dort wird das uranhaltige Material nach Erkenntnissen der Organisation Greenpeace in Fässern unter freiem Himmel gelagert.

Diese Praxis hatte die russische Atomaufsicht 2011 selbst noch kritisiert, erklärt Raschid Alimow, Atomexperte von Greenpeace Russland: "Es wurde damals aufgeführt, dass die Lagerungsbedingungen aktuellen Sicherheitsanforderungen nicht genügen. Dass die Gefahr besteht, dass die Behälter undicht werden. Wir haben keine neuen Informationen, anhand derer wir annehmen könnten, dass sich die Lagerung seither deutlich geändert hat."

Vor zehn Jahren hatte Urenco, das in Gronau tätige Unternehmen, seine Exporte nach Russland schon einmal gestoppt; damals war viel Kritik an den Lagerungsbedingungen im Ural und in Sibirien geübt worden. Auch der russische Atomkonzern Rosatom versprach schon einmal, keine weiteren Importe anzunehmen.

Atomkonzern Rosatom spricht von Wertstoff

Der transportierte Stoff damals und heute heißt Uranhexafluorid, eine giftige chemische Verbindung, die leicht radioaktiv strahlt. Tritt er aus, entstehen hochaggressive Chemikalien. Er kann jedoch weiter verarbeitet werden, wobei das darin enthaltene Uran so angereichert wird, dass es in Atomkraftwerken wieder als Brennstoff dienen kann. Allerdings: So kann nur ein kleiner Teil weiter genutzt werden.

"Mehr als 80 Prozent, sogar rund 90 Prozent bleiben hier", schätzt Alimow, also in Russland. Die Umweltschützer argumentieren, eine Unterfirma des Atomkonzerns Rosatom importiere auf diese Weise Atomabfälle, die auf lange Sicht im Land blieben. Das verstoße gegen russisches Gesetz.

Rosatom hat auf Fragen des Deutschlandfunks nicht geantwortet, aber vor wenigen Tagen nach einem Treffen mit russischen Umweltschützern unter anderem eine Mitteilung verbreitet. Darin heißt es, der Stoff aus Gronau sei kein Abfall, sondern ein Wertstoff, weil er verarbeitet werden könne. Und für das, was übrig bleibe, könne es in Zukunft weitere Verwendungen geben. Eine Umwandlung in weniger gefährliche Substanzen wurde für die nächsten Jahrzehnte in Aussicht gestellt. Eine Gefahr für die Umwelt bestehe nicht.

Es geht um  12.000 Tonnen

Im Ural und in Sibirien sind verschiedene Anlagen in Betrieb, in denen wie in Nowouralsk Fässer, wohl zumeist unter freiem Himmel, gelagert werden. Greenpeace nennt diese Zahl: "Man kann sagen: etwa eine Million Tonnen. Diese Zahl wächst stetig."

Eine politische Diskussion über die Stilllegung von Atomkraftwerken wie in Deutschland gibt es in Russland nicht.

Zurzeit, so Rosatom, importiere der Konzern den Stoff Uranhexafluorid nur vom Vertragspartner Urenco. Dieses Unternehmen betreibt drei europäische Standorte: in Gronau, in den Niederlanden und in Großbritannien. Anteilseigner sind der niederländische und der britische Staat, außerdem die deutschen Energiekonzerne RWE und E.ON.

Nach Recherchen des Westdeutschen Rundfunks haben die Transporte vom britischen Urenco-Standort nach Russland schon vor drei Jahren begonnen. Insgesamt geht es nach Angaben des Bundesumweltministeriums bis 2022 um 12.000 Tonnen.

In Gronau wurde gestern vor der Urananreicherungsanlage gegen die Transporte demonstriert. Heute soll dort eine Mahnwache stattfinden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk