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RadsportAufgeregte Reaktionen

20 bis 90 Prozent der Radprofis dopen noch immer und 5 Prozent Leistungssteigerung bringt Epo-Doping in Mikrodosen. Das sind die harten Fakten der Reformkommission der UCI. Die Reaktionen im Fahrerfeld bilden die komplette Bandbreite ab.

Von Tom Mustroph | 14.03.2015

Das Astana-Team im Mannschaftszeitfahren.
Das Astana-Team im Mannschaftszeitfahren. (AFP / Javier Soriano)
Oleg Tinkoff nimmt kein Blatt vor den Mund. "Ich lese diesen Scheiß nicht, ich würde ihn niemals lesen. Ich würde lieber Mark Twain lesen. Das ist das gleiche", poltert der Rennstallbesitzer aus Sibirien. Gemanagt wird sein Team von Bjarne Riis. Star ist Alberto Contador. Beides überführte Doper.
Der Spanier wollte zum Report gleich gar nichts sagen. "Otra pregunta - die nächste Frage, bitte", lautete der knappe Bescheid.
Viele andere Fahrer gaben an, diesen Bericht, der für ihr Berufsfeld folgenreich ist, gar nicht erst gelesen zu haben. Toursieger Vincenzo Nibali nicht, der polyglotte Klassikerspezialist Fabian Cancellara auch nicht. Stellvertretend für das Feld der Sachse Marcus Burghardt, in Diensten bei Team BMC: "Ach, ich hatte noch gar keine Zeit, den zu lesen."
Es gab auch Ausnahmen. Fahrer, die lesen. Und sogar Radprofis, die sich zum Gelesenen eine Meinung bilden. Der Rostocker Paul Martens etwa. Er fährt für den holländischen Lotto-Rennstall. "Aber man muss natürlich auch sagen, dass wir froh sein können, dass so etwas gemacht wird intern und man da auch bereit ist, ein noch immer recht graues Bild zu veröffentlichen."
20 bis 90 Prozent dopen auch noch heute
Martens begrüßt die neue Ausrichtung der UCI. Von einigen Details im Bericht war er aber überrascht. Schockiert sogar. Enttäuscht. Von der Aussage etwa, dass auch heute noch zwischen 20 und 90 Prozent aller Fahrer gedopt seien. "Ja, die Schlussfolgerung hat mich schon dementsprechend überrascht, wenn ich da lese zwischen 20 und 90 Prozent. Erst mal ist das noch eine sehr große Marge, die da steht, aber selbst 20 Prozent hat mich eigentlich überrascht. Was man sich da schlussfolgert, finde ich immer noch zu negativ. Aber gut, wenn man dann zwei Tage später wieder einen positiven EPO-Fall hat, dann können manche halt den Mund auch nicht so aufreißen. Und ich bin froh, dass ich nicht sofort auch reagiert habe: Na, was ist denn das für ein bescheuerter Rapport."
Stimmen die Zahlen, dann wäre das ein Rückschlag für die, die einen sauberen Radsport anstreben. Das sieht auch Nikias Arndt so. Für den Profi vom neuen deutschen Rennstall Giant Alpecin stellt es keine Erleichterung dar, dass der Leistungsvorteil durch Doping von einstmals zehn bis 15 Prozent auf drei bis fünf Prozent gesunken sein soll. Zehn bis 15 Prozent gab die Kommission als Marge für die Hochdoping-Ära an. Jetzt, in Zeiten der Mikrodosierung des Blutdopingmittels EPO, liege der Vorteil bei drei bis fünf Prozent.
"Wenn es noch Fahrer gibt, die Doping betreiben, dann ist es für mich egal, ob das noch fünf Prozent Steigerung bringt oder 20 Prozent Steigerung bringt. Für mich sind es einfach Betrüger. Und wir probieren, den Sport sauber zu kriegen und dann ist es einfach enttäuschend zu sehen, dass es immer noch Fahrer gibt, die sich quer stellen. Und das ist das Schlimme daran. Da ist mir egal, ob das 5 Prozent Steigerung oder 50 Prozent Steigerung bringt."
Selbst fünf Prozent Steigerung durch Doping sind viel
Aber selbst fünf Prozent sind relevant. Marc Reef, Sportlicher Leiter von Arndt bei Giant Alpecin. "Und das macht noch immer einen großen Unterschied. Wenn man 400 Watt als Maximalleistung fährt, um nur mal eine Zahl zu nennen, und man darauf fünf Prozent packen kann, dann sind das 20 Watt. Und das ist schon eine ganze Menge, die man mehr hat als die anderen Fahrer."
Trotz der Handicap-Position, in der sich ein sauberes Team nach Lage der Dinge befindet, geht Reef eine Forderung der Kommission aber zu weit. Sie regte an, auch in der Zeit von 23 Uhr abends bis fünf Uhr morgens Kontrollen vornehmen zu können. Sie will den Mikrodosen-Dopern die Sicherheit nehmen. Reef ist aber dagegen. "Ich meine, sie müssen schon immer angeben, wo sie sind. Es muss auch eine Grenze geben. Sie sind auch normale Menschen. Mein erster Gedanke war, dass das vielleicht doch zu weit geht."
Auch Fahrer sehen das kritisch. Adriano Malori, Sieger des Prologs beim Tirreno: "Wir stehen schon von fünf Uhr morgens bis elf Uhr abends zur Verfügung. Ich denke nicht, dass es gerecht ist, dann auch noch um drei Uhr morgens geweckt zu werden. Es muss ein Gleichgewicht zwischen Kontrollen, so richtig sie sind, und dem Respekt vor der Arbeit geben. Und wenn ich mir erlauben würde, diese Frage an einen Fußballprofi zu richten, so weiß ich nicht, was er mir antworten würde."
Womöglich würde ein Ballarbeiter in der flapsigen Art Oleg Tinkoffs reagieren. Trotz aller Skepsis bei dem weitreichenden Vorschlag der Kommission: Was ist, wenn man Doping mit Mikrodosen nur dann wirksam bekämpfen kann, wenn die Betrüger sich nicht auf die kontrollfreien fünf Stunden verlassen können?