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StartseiteSport am WochenendeJungprofis setzen ältere Fahrer unter Druck 11.10.2020

Radsport im JugendrauschJungprofis setzen ältere Fahrer unter Druck

Nur wenige Wochen nachdem Tadej Pogacar die Tour de France gewonnen hat, trumpft mit Joao Almeida ein weiterer Vertreter des Jahrgangs 1998 bei einer großen Rundfahrt auf. Der 22-jährige Portugiese steckt beim Giro d'Italia im rosa Trikot. Ein Generationswechsel deutet sich an.

Von Tom Mustroph

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Portugals Radprofi Joao Almeida am 10.10.2020 beim Giro d'Italia. (imago images / Sirotti)
Der 22-jährige Radprofi Joao Almeida fährt beim Giro d'Italia vorneweg. (imago images / Sirotti)
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Hier beendet Filippo Ganna, 24 Jahre jung, seine bereits zweite Triumphfahrt bei diesem Giro d'Italia. Er holte sich als Ausreißer den Sieg der 5. Etappe. Schon das Auftaktzeitfahren gewann er - und tauschte dabei sein frisch gewonnenes Weltmeistertrikot im Zeitfahren gegen das rosa Trikot ein.

Sein Nachfolger im Führungstrikot der Italien-Rundfahrt wurde ein noch jüngerer Fahrer, Joao Almeida, 22 jahre jung, der gleiche Jahrgang wie Tadej Pogacar, vor wenigen Wochen Sieger der Tour de France. Almeida jedenfalls will das rosa Trikot nicht so schnell hergeben, auch weil er schon dessen angeblich magische Kraft verspürt: "Ja, genau, auch mental macht es mich stärker. Und ich denke, morgen bin ich einen weiteren Tag in rosa."

Das ist sein Standardspruch, seit mehreren Tagen schon. Und die Konkurrenz lernt ihn immer mehr fürchten. Kann er gar in Mailand, am Ende des Giro, vorne sein? Paolo Slongo, Trainer des Giro-Favoriten Vincenzo Nibali: "Das weiß niemand. Das werden wir erst in Mailand wissen. Aber wir müssen ihn als Gegner ernst nehmen."

Anbruch einer neuen Ära

Eine hohe Ehre für einen Rundfahrtdebütanten. Und zugleich ein weiteres Zeichen für den Anbruch einer neuen Ära. Denn in den letzten zwei Jahren ist eine ganze Schar junger Männer aufgetaucht. Pogacar gewann mit 21 Jahren seine erste Tour de France. Egan Bernal war bei seinem Toursieg im letzten Jahr nur ein paar Monate älter. Filippo Ganna wurde mit 24 Weltmeister im Zeitfahren. Almeida trägt mit 22 rosa beim Giro. Beim Auftaktzeitfahren in Palermo, das Ganna vor Almeida gewann, waren gleich vier der fünf Erstplatzieren jünger als 25. Lediglich Ex-Toursieger Geraint Thomas konnte sich als Tagesvierter noch dazwischen mogeln. Er schied sturzbedingt inzwischen aber aus.

Die Radprofis Primoz Roglic, Tadej Pogacar und Sam Bennett beim Start der 21. Etappe (AP Photo / Christophe Ena) (AP Photo / Christophe Ena)Bilanz der Tour de France - "Eine absolut gelungene Tour"
Die Tour de France 2020 ist Geschichte und hat mit Tadej Pogacar einen Überraschungs-Sieger hervorgebracht. Dazu fand die Rundfahrt aufgrund der Corona-Pandemie unter besonderen Bedingungen statt. Drei Radsport-Experten ziehen im Dlf-Sportgespräch ein Fazit.

Woher kommen die Jungen? "Ja, ich denke mal, dass das auch daher kommt, dass sie in Nachwuchsteams fahren, dass da früh gesichtet wird, dass sie früh schon herangeführt werden mit allem professionellen Hintergrund, mit Datenmessgeräten, mit Ernährung und so weiter. Und jetzt sind die schon da. Mit 22, 23 fahren die schon schnell."

So lautet die Einschätzung von Jens Zemke, sportlicher Leiter bei Bora hansgrohe, der mit Tour-Etappensieger Lennard Kämna auch so ein Jungtalent in den eigenen Reihen hat. Zemke sieht sogar einen regelrechten Wettbewerb der Teams, die jungen Talente am schnellsten zu bekommen: "Ja, genau, das ist eine ganz andere Radsportkultur auf einmal, wo man schon auf die Jungen setzt. Jede Mannschaft guckt jetzt: Junge, Junge, Junge."

Junge Fahrer mit Führungsaufgaben

Der größte Unterschied zu früheren Zeiten besteht aber darin, dass die Jungen schon ihrem ersten Jahr mit Führungsaufgaben betraut werden. Da gerät ein alter Fahrensmann wie Giuseppe Martinelli ins Staunen.

"Früher, als einer 21 Jahre alt war, hat man ihn wachsen lassen, hat ihm erst kleinere Aufgaben gegeben, und mit 25, 26 setzte man ihn dann richtig ein. Vielleicht haben wir das damals falsch gemacht. Und wir sind jetzt auf der richtigen Seite. Ich denke, jetzt haben wir begriffen, dass 21-Jährige auch mit den besten Älteren konkurrieren können."

Martinelli ist seit 1986 bereits sportlicher Leiter. Er führte Marco Pantani und Vincenzo Nibali zu Siegen bei Tour de France und Giro d'Italia. Heute setzt auch er auf den Nachwuchs. Beim Rennstall Astana hat er mit dem Russen Alexander Vlasov und dem Kolumbianer Harold Tejada zwei dieser Jungtalente im eigenen Kader. Er ist aber auch skeptisch, was die Karrieredauer dieser Talente anbelangt:

"Vielleicht halten sie weniger lange durch. In diesem Moment ist der Radsport so schnelllebig, ich will nicht sagen, improvisiert. Aber man kann alles machen, und es zählen nur die Ergebnisse. Das kann dazu führen, dass sie weniger Substanz entwickeln. Und in zwei, drei Jahren sehen wir vielleicht, dass wir sie zu sehr ausgebeutet haben."

Was ist mit der mittleren Generation?

Ähnliche Gedanken hat der aktuelle Trainer von Nibali beim Rennstall Trek Sefafredo, Paolo Slongo. "Ich würde schon gern sehen, ob diese Jungen die Konstanz haben wie Nibali oder Froome, die über viele Jahre ein hohes Niveau hatten. Als Trainer bin ich richtig neugierig, wie lange diese jungen Athleten dabei sein werden und ob sie so lange dabei sind wie ihre Vorgänger."

Jetzt aber sind sie da. Sie fordern die Alten heraus, die Mittdreißiger Vincenzo Nibali und Jakob Fuglsang. Eingeklemmt zwischen ihnen ist die mittlere Generation, die 26 bis 29-Jährigen, das, was bisher als das beste Rundfahreralter galt. Haben sie jetzt Angst davor, überrollt zu werden, dass ihnen die Zeit davon läuft, dass ihnen die Jungen die Show stehlen?

"Ach, wenn man jemanden fürchtet, wie kann man dann gegen ihn gewinnen? Man muss im Rennen kämpfen", entgegnete trocken Simon Yates, 28 jahre alt, einen Tag, bevor er wegen einer positiven Corona-Probe den Giro verlassen musste. Auch Wilco Keldermann, ein weiterer Rundfahrer aus der mittleren Generation und aktuell Gesamt-Dritter, hat keine besondere Angst vor den Jungen. Seine härtesten Rivalen sieht der Kapitän des deutschen Rennstalls Sunweb ohnehin in den alten Herren: "Sie haben sehr viel Erfahrung. Und die braucht man in der letzten Giro-Woche. Sie haben da einen Vorteil. Sie wissen, wie man die Energie zu managen hat. Deshalb denke ich, die erfahrenen Jungs werden in der letzten Woche nach vorn kommen."

Auf jeden Fall wird dieser Kampf der drei Generationen spannend. Unklar ist allerdings, ob der Giro d'Italia wegen der steigenden Infektionszahlen überhaupt in die dritte Woche kommt und welche Bergetappen wegen der bereits angekündigten Schneefälle modifiziert oder gar abgesagt werden müssen.

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