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RadsportTalentefabrik Kolumbien

Kolumbien ist Radsportland. Viele Top-Fahrer mischen bei den großen Rundfahrten mit, aber auch die Straßen von Bogotá und Medellin bevölkern viele Radler, denn Sonntags sind die Innenstädte autofrei. Doch an einem eigenem Rennen und Teams auf WorldTour-Niveau, fehlt es. Und auch Kolumbiens Antidopingsystem hat Mängel.

Von Tom Mustroph | 29.12.2018

Das Fahrrad als Zeichen eines wachsenden Umweltbewusstseins wird in Bogotá immer beliebter - hier ein abendlicher Ausflug des Fahrradkollektivs "teusacatubici".
Das Fahrrad als Zeichen eines wachsenden Umweltbewusstseins wird in Bogotá immer beliebter - hier ein abendlicher Ausflug des Fahrradkollektivs "teusacatubici". (Johannes Kulms)
Stille in Bogota. Nur das Sirren von rotierenden Rädern ist zu hören. Bei der jeden Sonntag organisierten Ciclovia sind 120 km des Straßennetzes der Acht- Millionen-Stadt für den Fahrzeugverkehr gesperrt. Hunderttausende sind mit den Rad unterwegs. Medellin, zweitgrößte Stadt Kolumbiens, hat ebenfalls eine sonntägliche Ciclovia. Ohne Radsport kann man hier gar nicht aufwachsen.
"In Kolumbien sprießen die Talente im Radsport regelrecht. So wie in den USA die guten Schwimmer wachsen, in Afrika die Läufer, in Brasilien und Argentinien die Fußballer", erklärt Lisandro Rengifo, Radsportexperte bei Kolumbiens wichtigster Tageszeitung "El Tiempo".
Keine autofreien Sonntage als Ansporn nötig
In Boyacá, der Region, aus der der zweifache Tour-Zweite Nairo Quintana stammt, braucht man die autofreien Sonntage als Ansporn nicht einmal. Es fahren einfach so die meisten Rad. Und weil sie das auf Höhenlagen von 2000 und 3000 Metern unternehmen, haben sie von vornherein viel Sauerstoff im Blut.
"Sie sind hier, Sie sehen, was Boyaca ausmacht. Wir befinden uns jetzt auf 2800m Höhe. Ich habe ein Haus, das sich auf 3200m Höhe befindet. Dort bin ich auch geboren. Es gibt gute Trainingsstrecken. Heutzutage gehen fast alle Fahrer, die die großen Rundfahrten anpeilen, in Höhentrainingslager, um mehr Sauerstoff in den Körper zu bekommen. Ich mache das immer hier", erzählt Nairo Quintana in seiner Heimatstadt Tunja.
Nairo Quintana fährt bei der Tour de France für das Team Movistar. Im Bild bei der Team-Pressekonferenz am 3. Juli 2015 in Utrecht.
Der kolumbianische Radfahrer Nairo Quintana (picture alliance / dpa / Francis Nicolas.)
Viele Radsporttalente gehen dem Land verloren
So manches Talent, das in den Höhenlagen groß wird, verschwindet allerdings auch schnell von der Bildfläche. Physiologisch ähnlich begabte Burschen wie Quintana schafften eben nicht den Sprung nach Europa.
Radsport-Experte Lisandro Rengifo: "Wegen des hohen Konkurrenzdrucks und des Mangels an Sponsoren gehen Kolumbien auch viele Radsporttalente verloren. So wie viele Fußballer in Brasilien verloren gingen, bessere sogar als Pelé, die aber nicht das gleiche Glück und nicht die gleichen Manager hatten."
Um das zu verhindern, gibt es mittlerweile ausgefeilte Nachwuchsprogramme, mit Psychologen, die sich um die Kids kümmern, mit Grundlagentraining auf der Bahn und sogar mit Englischlehrern, die im Rennen Anweisungen auf Englisch erteilen, um die jungen Burschen besser auf Europa vorzubereiten. Im heimischen Boyacá hat Superstar Quintana ein staatlich finanziertes Förderprogramm aus der Taufe gehoben, Budget zwei Millionen Euro jährlich.
Die Nachwuchsrennen boomen
Carlos Chalapud, Koordinator des Programms "Boyacá – Raza de Campeones": "Das große Ziel dieses Programms ist die Entwicklung des Radsports in der Breite, für Jungen und Mädchen, von den Kindern bis hin zur U23. Aktuell haben wir acht Mannschaften."
Insgesamt 70 Sportler werden so unterstützt. Hinzu kommt ein Monitoringprogramm für etwa 2000 Kinder.
Dieser regionale Unterbau führt zu beeindruckenden Starterfeldern bei den nationalen Rennen. 180 Fahrer traten zuletzt bei der Vuelta de Juventud, einem U23-Etappenrennen, an. 280 gar bei der Vuelta de Porvenir in der U19-Kategorie.
Zum Vergleich: Bei den Deutschen Meisterschaften 2018, einem Eintages-Rennen, waren in der U19-Kategorie lediglich 143 Fahrer gemeldet.
, umringt von Reportern, lächelt in die Kamera.
Der kolumbische Radsportler Esteban Chaves (imago sportfotodienst)
20 kolumbanische Radprofis, doch kein WorldTour-Rennen
Die Spitze der nationalen Radsportpyramide Kolumbiens betreut Fernando Saldarriaga. Er ist Nationaltrainer und Chef des international zweitklassigen Teams Manzana Postobon. Er hat unter anderem Nairo Quintana und den Kletterer Esteban Chaves herausgebracht. 2019 gab er gleich drei neue Talente an WorldTour-Teams ab.
"Aktuell haben wir 20 kolumbanische Radprofis in der WorldTour. Da ist es nicht gerecht, dass wir kein WorldTour-Team haben. Und es ist eine Schande im organisatorischen Bereich, dass wir auch kein WorldTour-Rennen haben."
Mit Saldarriaga setzt neues Denken in Kolumbiens Radsport ein. Der Trainer will nicht mehr nur Talentezulieferer sein. Er fordert noch bessere Infrastrukturen. Und er geht proaktiv das Dopingproblem an.
"Wir haben ein individuelles Blutpassprogramm seit 2007. Wir machen überraschende Kontrollen bei den Fahrern, um zu sehen, ob die Werte schwanken, die Blutwerte und die Hormonwerte. Die Rennfahrer werden acht bis neun Mal pro Jahr von uns kontrolliert. Und beim geringsten Verdacht fliegen sie raus aus dem Team. In den letzten drei Jahren hatten wir zwei solcher Fälle."
Kolumbiens Antidopingsystem ist problematisch
Diese Konsequenz führt dazu, dass Saldarriagas Fahrer in Kolumbien weniger Erfolge haben als im besser kontrollierten Europa.
"Wir wissen, der Radsport ist ein Risikosport", sagt Orlando Reyes, Koordinator der Nationalen Antidopingagentur. Er gibt auch offen die Probleme von Kolumbiens Antidopingsystem zu.
"Dieses Jahr war sehr kritisch für uns. Es gab weniger Geld." Statt der etwa 2300 Dopingkontrollen in den Vorjahren gab es 2018 lediglich 700 Kontrollen, etwa ein Drittel davon im Radsport.
Gründe sind die Schließung des Labors in Bogotá und die Zusatzkosten für Transport und Analyse im Ausweichlabor Salt Lake City. Das Labor in Bogotá hatte zuvor fehlerhaft gearbeitet. "Zum Labor kommen zu Kontrollzwecken immer wieder von der WADA vorfabrizierte Proben. Leider wurden in ein oder zwei die dort vorhandenen Substanzen nicht entdeckt."
Die neue Laborleiterin arbeitet nun an einer Qualitätsverbesserung. Und Reyes an mehr Geld für Kontrollen.
Kolumbiens WorldTour-Profis immerhin werden von den Kontrolleuren des Weltradsportverbands UCI aufgesucht. Das versichert auch Quintana.
"Dopingkontrollen gibt es hier viele. Ich denke, genauso viel wie in Europa. Uns folgen hier viele Kontrolleure. Nicht solche aus Kolumbien, sondern aus Belgien, Frankreich und Spanien. Und ganz viele aus den USA."