Todesfall bei Tour de Suisse
Ex-Radprofi Wegmann: "Jede Kurve sichern, das funktioniert nicht"

Der Radsport trauert um Gino Mäder. Der Schweizer war bei der Tour de Suisse in eine Schlucht gefallen und erlag seinen Verletzungen. Den Veranstalter treffe keine Schuld, sagte Ex-Radprofi Fabian Wegmann im Dlf. Mäder sei "zu hohes Risiko gegangen".

Fabian Wegmann im Gespräch mit Marina Schweizer | 17.06.2023
Ein Plakat zum Gedenken an Gino Mäder an der Strecke der Tour de Suisse. Mäder war auf der fünften Etappe in eine Schlucht gestürzt und erlag einen Tag später seinen Verletzungen.
Ein Plakat zum Gedenken an Gino Mäder an der Strecke der Tour de Suisse. Der Schweizer Radprofi war auf der fünften Etappe in eine Schlucht gestürzt und erlag einen Tag später seinen Verletzungen. (IMAGO / Panoramic International / IMAGO / Vincent Kalut)
Die diesjährige Tour de Suisse wird von einem schrecklichen Zwischenfall überschattet. Während der fünften Etappe stürzte der Schweizer Radprofi Gino Mäder vom Team Bahrain-Victorious auf der Abfahrt vom Albula-Pass zu Zielort La Punt in eine Schlucht. Im Krankenhaus erlag Mäder einen Tag später seinen schweren Verletzungen.
Die Tour de Suisse ging dennoch weiter. Die sechste Etappe wurde zu einer Gedenkfahrt für Mäder umgestaltet. Neben Mäders Team sind auch der Schweizer Radrennstall Tudor Pro Cycling und das belgische Radsportteam Intermarché-Circus-Wanty aus der Tour ausgestiegen. 17 weitere Fahrer aus anderen Teams sind ebenfalls nicht weitergefahren.

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Fabian Wegmann, ehemaliger deutscher Radprofi, hat vor zwölf Jahren etwas ähnliches erlebt. Damals war sein Zimmernachbar, der belgische Radsprofi Wouter Weylandt, nach einem Sturz beim Giro d'Italia verstorben. "Ich konnte damals nicht weiterfahren", sagte Wegmann im Deutschlandfunk. "Wir gehen tagtäglich mit diesen Risiken um. Und jeden Tag stürzt jemand, auch mal schwerer. Aber man fährt immer weiter, es geht immer voran. Aber in diesen Situationen bleibt die Welt stehen."
Für ihn sei ein Weiterfahren damals aber keine Option gewesen. "Ich glaube, jeder Fahrer geht da anders mit um und ich glaube, das sollte jeder für sich entscheiden."

Pass bei Tour de Suisse "oft gefahren"

Mäder war in eine Schlucht gefallen. Wegmann sei die Abfahrt selbst allein bei der Tour de Suisse drei Mal gefahren, sagte er. "Es ist nichts Neues. Der Pass wird oft gefahren." Auch Gino Mäder habe die Abfahrt gekannt, sagte Wegmann. "Es ist eine Highspeed-Abfahrt. Es ist in den Alpen, die sind immer schnell. Der Organisator kann nicht jede Kurve absichern. Wichtig ist, dass nichts auf der Strecke ist, dass kein Gegenverkehr kommt, dass Inseln abgedeckt sind, dass gewarnt wird. Aber jede Kurve absichern, das funktioniert einfach nicht. Das ist ein Risiko, das jeder Fahrer selber tagtäglich eingeht. Und er muss selber einschätzen, welche Geschwindigkeit er fährt."
Von Regelungen wie einer Geschwindigkeitsbegrenzung an gefährlichen Punkten hält Wegmann nichts: "Das würde ja das Rennen fahren ad absurdum führen", sagte er. "Es ist eine Abfahrt und das gehört zu Radrennen seit 120 Jahren dazu, dass es Berg hoch und Berg runter geht. Und ein Rennen besteht daraus, dass man schneller ist als der Kontrahent. Und da gehört das einfach dazu. Dann können wir eher in den Bereich gehen, dass wir E-Sport betreiben, beziehungsweise auf der Rolle sitzen. Dann ist das natürlich sicher."

Radprofi Remco Evenepoel kritisiert Veranstalter

Der belgische Radprofi Remco Evenepoel kritisierte nach dem Unfall, dass die Abfahrt kurz vor dem Etappenziel platziert wurde. Er hätte sich stattdessen eine sicherere Bergankunft gewünscht. Ihn störe, dass es im Radsport immer mehr Spektakel geben müsse.

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"Genau die Strecke gibt es schon seit mindestens 20 Jahren", entgegnete Wegmann. "Also es ist nichts Neues. Es ist nicht so, dass der Veranstalter sagt, sie wollen jetzt was Spektakuläres machen." Eine Bergankunft in dieser Gegend sei zudem logistisch nicht machbar gewesen.

Gino Mäder "ist einfach zu hohes Risiko gegangen"

Bei Mäder sei es außerdem auch nicht mehr um den Tagessieg gegangen. "Er ist ist nicht um ganz vorne mitgefahren. Es ging nicht um die Gesamtwertung und auch nicht um den Tagessieg. Er ist da einfach ein zu hohes Risiko gegangen an der Stelle, was vielleicht nicht hätte sein müssen."
Die Kritik von Evenepoel könne er verstehen, sagt Wegmann. "Man ist natürlich aufgebracht so kurz nach dem Ziel. Da sieht man das auch immer anders. Dazu muss man sagen, dass Evenepoel mit der Etappe auch überhaupt nicht zufrieden war, weil er da 1:20 Minuten verloren hat. Das ist dann auch immer anders, als wenn man vielleicht gewonnen hat. Da sieht man das hinterher vielleicht auch anders."
Zusammenfassend sagte Wegmann: "Was ich einfach denke ist, diese Abfahrt gibt es schon sehr, sehr lange und es hat sich noch nie jemand darüber beschwert. Die sind vor zwei Jahren sogar im Regen da runter gefahren, da ist auch nichts passiert. Es ist jetzt nicht so, dass die Abfahrt so extrem gefährlich ist. Aber wenn man nicht auf der Straße bleibt, wenn man einen Fahrfehler begeht, ist es extrem gefährlich."