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Rainer Moritz: "Mein Vater, die Dinge und der Tod"Was die Dinge über uns sagen

Was bleibt von einem Vater, der nie viel Persönliches von sich preisgab, der nie Tagebuch schrieb und nur ungern über Krankheit oder Gefühle sprach, nach seinem Tod? Für sein Erinnerungsbuch habe er "die Gegenstände sprechen lassen", um ein Bild seines Vaters zeichnen zu können, sagte der Autor Rainer Moritz im Dlf.

Rainer Moritz im Gespräch mit Gisa Funck

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Buchcover: Rainer Moritz: „Mein Vater, die Dinge und der Tod“ (Buchcover: Verlag Antje Kunstmann, Foto: Kunstmann/Gunter Glücklich)
Schreibt mit versöhnlichem, aber unpathetischem Blick auf den verstorbenem Vater: Rainer Moritz (Buchcover: Verlag Antje Kunstmann, Foto: Kunstmann/Gunter Glücklich)
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Gisa Funck: Ja, wie kann man sich an den eigenen Vater zurückerinnern, wenn der vor seinem Tod gar nicht so viel über sich selbst erzählt hat? Dieses Problem treibt Rainer Moritz gleich zu Anfang seines Buches "Mein Vater, die Dinge und der Tod" um. Und Herr Moritz, ich hoffe, Sie sind uns jetzt aus Hamburg zugeschaltet. Hallo?

Rainer Moritz: Ja, das klappt hervorragend!

Funck: Herzlich Willkommen zum "Büchermarkt"! Ihr neues Buch, das könnte man als Vater-Recherchebuch bezeichnen. Denn darin versuchen Sie, drei Jahre nach dem Tod Ihres Vaters noch einmal ein möglichst wahrhaftiges Bild von ihm nachzuzeichnen. Und zwar anhand von bestimmten Gegenständen, die Ihr Vater zu Lebezeiten gern und oft benutzt hat. Wie kam es zu dieser Idee, das so zu machen?

Moritz: Als das Buchprojekt so langsam im Kopf zu reifen begann, war die interessanteste Frage natürlich, wie will ich das tun? Wie will ich versuchen, ein Bild meines Vaters zu zeichnen? Und es kam, wenn Sie so wollen, der glückliche Umstand dazu, dass meine Eltern seit 1969 in derselben Wohnung wohnen. Meine Mutter lebt immer noch in dieser Wohnung. Sie war mit meinem Vater über 60 Jahre verheiratet. Und diese Gegenstände, die meinen Vater in den letzten Lebensjahren, als er das Haus kaum noch verlassen konnte, umgaben, die stehen immer noch so da. Das ist der Fernsehsessel, das ist der Rasierer, der immer noch im Bad steht. Und dann kam mir die Idee, keine Biografie über ihn zu schreiben, sondern ihn über diese Gegenstände sprechen zu lassen. Was sagen diese Gegenstände uns heute noch? Wo meinen wir Spuren von ihm zu haben? Wie sind die Dinge emotional aufgeladen? Und so war das Konzept des Buches eben Ein Durch-Die-Wohnung-Gehen anhand dieser Gegenstände.

Funck: Ihr Vater drückte seine Zigarettenkippen, solange er noch rauchte, in einem hüfthohen Dreh-Aschenbecher aus. Er benutzte "Old Spice", das werden vielleicht noch einige kennen, als Rasierwasser. Was würden Sie sagen: Wie typisch war Ihr Vater mit diesen Marken-Vorlieben und von seinen Lebensgewohnheiten her für die Nachkriegs- und Wiederaufbau-Generation der alten Bundesrepublik?

Moritz: Sie sollten auf keinen Fall seine Lieblings-Zigarettensorte verschweigen! Ernte 23 ...  

Funck: ... ja Ernte 23.

Moritz: Eine Marke, die es heute nicht mehr gibt. (Oder wenn, dann nur noch am Rande.) Nein, ich glaube, das war auch ein Ergebnis dieses Buches, dieser Recherche, dieses Schreibens, dass mein Vater natürlich ein singulärer Mensch war, aber doch auch verhaftet war in dieser Nachkriegszeit, in den 50er/60er Jahren. Und deshalb spiegeln diese Gegenstände natürlich auch eine gewisse wirtschaftliche Haltung wider, eine Befindlichkeit im Wirtschaftswunder-Zeitalter. Dieser Dreh-Aschenbecher, den werden manche noch vor Augen haben, das war ein Wohn-Accessoir. Mein Vater hätte diesen Ausdruck natürlich nie benutzt! Aber dieses Accessoir stand für Wohlstand. Das sagte: Man leistet sich was. Das war es, was dieser Aschenbecher symbolisierte. Damals hat man ja noch viel unbefangener in den Wohnungen geraucht. Heute käme niemand mehr auf diese Idee. Insofern sind diese Objekte, das habe ich in der Tat beim Schreiben festgestellt, auch Spiegelbild einer ganzen Zeit.

Der Vater sprach nicht gern über Gefühle

Funck: Was mir aber auch aufgefallen ist bei der Lektüre, das ist, dass Sie auch öfter von einer Sprachlosigkeit schreiben. Beziehungsweise: Von einem Schweigen, das öfter zwischen Ihnen und Ihrem Vater herrschte. Da schreiben Sie zum Beispiel, Ihr Vater habe eigentlich nie über sich persönlich gesprochen, er habe auch fast nie über Krankheit, Tod oder Gott geredet, also auch nicht über Religion... Welche Erklärung haben Sie im nachhinein für diese - ja - für diese Gefühlsverschlossenheit Ihres Vaters?

Moritz: Ja, das war auch eine Frage, die sich mir immer drängender gestellt hat: Inwieweit ist dieses Verschlossene typisch für ihn - oder inwieweit ist das typisch für diese Generation? Ich glaube, beides ist zu Teilen richtig. Weil dieses Schweigen meines Vaters tatsächlich nur wenig mit dem Krieg und nur wenig mit dem Nationalsozialismus zu tun hatte. Es war aber glaube ich schon eine Generationstypische Haltung. Man hat in dieser Generation nicht so gern über Emotionen gesprochen, sondern man sagte sich: "Das machen wir mit uns selbst aus!" 

Diese Haltung war glaube ich weit verbreitet, und die ist nicht nur typisch für meinen Vater gewesen. Und das ist natürlich auch etwas, was man im nachhinein ein wenig bedauert, ein wenig beklagt. Warum haben wir uns nicht öfter ausgetauscht? Wäre das überhaupt möglich gewesen? Aber es wäre meinem Vater wohl wichtuerisch, übertrieben vorgekommen, sich so über Emotionen zu äußern. Er hat auch Fernseh-Talkshows immer ausgeschaltet, bei denen zu viel Innenleben vorkam. Wenn sich Menschen dort zu sehr offenbart haben. Das war nicht seine Haltung. So wollte er nichts durchs Leben gehen.

Aufgewachsen unter Hitler, mit 18 eingezogen in den Krieg

Funck: Ihr Vater war Geburtsjahrgang 1926, und er ist dann noch als junger Mann mit 18 Jahren in den Zweiten Weltkrieg eingezogen worden. Hat er nie über seine Kriegserlebnisse geredet?

Moritz: Er hat darüber gesprochen, aber das waren, soweit ich das beurteilen kann, keine so dramatischen Erlebnisse, wie man sie von vielleicht älteren Männern aus dieser Zeit kennt. Er kam in Kriegsgefangenschaft in Dänemark, hat sich dann durchgeschlagen nach Hause, in seine oberpfälzische Heimat. Aber das war glaube ich nicht das brennende Problem. Eine andere Frage ist natürlich: Wie ist er aufgewachsen im Dritten Reich? Denn er hat seine Jugend natürlich - Sie haben es erwähnt: Jahrgang '26 - im Dritten Reich verbracht. Und später war es dann für ihn nicht ganz einfach, alles aus dieser Zeit abzutun. Also alles kleinzureden, was für ihn in dieser Zeit als Jugendlicher prägend war. Deswegen hat er gerne über Max Schmeling gesprochen. Er hat gerne über Schauspieler oder Sänger gesprochen, die auch schon während des Nationalsozialismus erfolgreich waren. Die wollte er nicht abtun und hat dann immer behauptet, diese Sänger hätten damals besser gesungen als die, die dann in den 50er und 60er Jahren gesungen haben.

Trotz vieler Differenzen stritten sich Vater und Sohn kaum

Funck: Eine Frage, die ich Ihnen unbedingt noch stellen möchte, ist: Eine Vater-Sohn-Beziehung ist ja generell immer sehr konflikt-trächtig. Aber Sie haben sich ja offenbar nur sehr wenig mit Ihrem Vater gestritten! Obwohl er CDU-Mann war, Franz Josef Strauss-Verehrer ...

Moritz: ....CSU-Mann! Er war CSU-Mann und er hat immer darunter gelitten, dass er in Baden-Württemberg dann nicht CSU wählen durfte. Nein, das ist kein Abrechnungsbuch. Ich kenne ja viele Bücher aus der Literatur, die hart mit Vätern ins Gericht gehen. Das ist ein literarischer Topos, der oft verwendet worden ist. Mein Vaterbuch sollte aber kein Abrechnungsbuch sein, weil mir eine Abrechnung mit meinem Vater unnötig erschien. Wir haben natürlich unsere Konflikte gehabt, aber die wurden eher verschwiegen oder im Kleinen ausgetragen - oder eben auch nicht besprochen.

Funck: Vielen Dank Rainer Moritz (leider läuft uns die Zeit davon!) für diese interessanten Auskünfte!  

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Rainer Moritz: "Mein Vater, die Dinge und der Tod"
Verlag Antje Kunstmann, München. 192 Seiten, 20 Euro.  

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