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StartseiteCorsoKeine Normalität für Juden in Deutschland11.01.2021

Rapper Ben SalomoKeine Normalität für Juden in Deutschland

„1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ - dieses Jubiläum ist für den Rapper Ben Salomo kein Grund zum Feiern. Zu allgegenwärtig ist für ihn der Antisemitismus. Entsprechend zerrissen ist sein Jubiläumssong „Deduschka“.

Von Christian Röther

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Songtext aus "Deduschka":

Ich leb' schon 'ne Ewigkeit in diesem Land
Das Land, für das sich Deduschka entschieden hat
Ich war noch klein, wurde nicht gefragt
Von der gemeinsamen Geschichte hab' ich nichts geahnt

Ben Salomo performt vor Mahnmalen, Grabsteinen und einem Davidstern. Er wirkt ins sich gekehrt, desillusioniert. Zugleich aber auch kämpferisch und entschlossen. So präsentiert sich der Berliner Rapper im Video zu seinem Song "Deduschka". Denn 1700 Jahre Judentum dort, wo heute Deutschland ist, das ist für Ben Salomo nicht wirklich ein Grund zum Feiern. Zu sehr sei die deutsch-jüdische Geschichte geprägt von Judenfeindschaft und Antisemitismus – bis heute:

"Ich habe diesen Song wirklich aus einer emotionalen Situation heraus geschrieben, wo ich wütend war, weil wieder diverse Intellektuelle oder sogenannte Künstler versuchen, hier Freiräume für den Antisemitismus zu schaffen, indem sie beispielsweise Beschwerdebriefe an Angela Merkel schreiben und sich über den Antisemitismus-Beauftragten Felix Klein auslassen."

"Das hat mich einfach wütend gemacht"

Im Sommer 2020 schrieben 60 Künstlerinnen, Intellektuelle und Wissenschaftlerinnen aus Deutschland und Israel einen Offenen Brief, in dem sie meinten, dass – Zitat – "legitime Kritik" an Israel in Deutschland allzu schnell als Antisemitismus bezeichnet werde. Zugleich warfen sie dem Beauftragten der Bundesregierung gegen Antisemitismus, Felix Klein, vor, er lenke von realen antisemitischen Gesinnungen ab. Unterzeichnet haben den Brief unter anderem die Schriftstellerin Tanja Kinkel, der Plakatkünstler Klaus Staeck und der Regisseur Edgar Reitz.

"Das hat mich einfach wütend gemacht, dass Leute wirklich in diesem Land nichts anderes zu tun haben, als irgendwie Antisemitismus, den sie ausleben möchten, zu legitimieren."

Songtext aus "Deduschka":

Als Israelkritik getarnt – das darf man ja
Deduschka, du hast ihnen vertraut
Doch dein Vertrauen wurde mir geraubt
Trotz all dem bin ich hier zuhaus'
Seit siebzehnhundert Jahren, ist das zu glauben?

Ben Salomo heißt eigentlich Jonathan Kalmanovich. Er wurde in Israel geboren und kam als kleiner Junge zusammen mit seinen ukrainisch-rumänischen Eltern nach Deutschland, weil sein "Deduschka" hier lebte – sein Großvater:

"Ich habe wirklich von super vielen Leuten Nachrichten bekommen, dass sie zu Tränen gerührt waren, und dass viele Gedanken, die ich da artikuliert habe, auch ihre eigenen Gedanken sind. Vor allen Dingen mit dem Satz, dass die Großeltern oder Eltern, die hierher gekommen sind mit dem Versprechen, dass dieses Land dieses 'Nie Wieder' wirklich ernst meint - dass dieser Vertrauensvorschuss, den man dann diesem Land gegeben hat, dass der eigentlich schon fast verspielt ist."

Ben Salomo kämpft gegen Antisemitismus - als Buchautor, in Vorträgen und Workshops und auch als Rapper in der eigenen Szene. In den vergangenen Jahren gab es im Deutschrap einige Diskussionen und Skandale, weil manche Musiker Verschwörungsmythen verbreiten und antisemitische Stereotype bedienen. Doch große Hoffnungen hat Ben Salomo nicht, als jüdischer Künstler etwas verändern zu können.

"Zu glauben, dass die Sichtbarkeit von jüdischem Leben ein Heilmittel gegen den Antisemitismus sein könnte, ist - glaube ich - zu kurz gedacht. Das sieht man ja auch an den USA, wie viele unzählige jüdische Künstler, Schauspieler, Regisseure in Erscheinung getreten sind, und parallel sehen wir halt aber auch, dass es dort eben Anschläge auf Synagogen gibt. Und dass es eben auch einen Anstieg des Antisemitismus gibt. Das heißt, dieser Ansatz allein kann es nicht sein."

"Es ist traurig, dass ich mich auf diese Themen einlassen muss"

Deshalb ist das Jubiläumsjahr für Ben Salomo auch kein Anlass für Sonntagsreden oder Wohlfühlsongs. "Deduschka" widmet er den Opfern der Anschläge von Halle und Hanau. Damit legt er den Finger in die Wunde.

"Der Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft - sage ich mal -, den muss auch die Mehrheitsgesellschaft selbst an sich abarbeiten. Es ist traurig, dass ich mich auf diese Themen einlassen muss. Ich würde gerne auch über andere Dinge sprechen, aber leider ist der Antisemitismus in meinem persönlichen Leben so präsent gewesen - ich konnte ein ganzes Buch darüber schreiben -, dass mir praktisch als Künstler nichts anderes übrigbleibt, als diese Themen wirklich ungeschminkt anzusprechen."

Songtext aus "Deduschka":

Deduschka, du hast ihnen vertraut
Doch dein Vertrauen wurde jäh missbraucht
Deshalb warst du niemals hier zuhaus'
Seit siebzehnhundert Jahren nicht, ist das zu glauben?
Und wenn mich einmal meine Enkel fragen:
Sabale, wie war es in deinen Kindertagen?
Dann werde ich meinen Enkeln sagen:
Nie wieder lassen wir uns verjagen.

Ben Salomo: "Die Ambivalenz, die ich in diesem Song ausdrücke, hat halt einfach viel mit dem Verhältnis zwischen Juden und der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu tun, die in diesen 1700 Jahren eben noch nie eine echte Normalität dargestellt hat. Und es wäre echt schön, wenn wir das mal endlich - so viele Jahrzehnte auch nach dem Holocaust - es schaffen, eine Normalität herzustellen. Und ich hoffe, dass dieses Jahr dazu beitragen kann."

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