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Rebecca Solnit: "George Orwells Rosen"
Mit Schönheit gegen Lüge, Terror und Staatsgewalt

Rosen stehen für Schönheit, für Liebe, aber auch für Schmerz und Vergänglichkeit. Dass George Orwell Rosen pflanzte, ist für die amerikanische Essayistin Rebecca Solnit mehr als nur eine Kuriosität. Sein Garten war Ausgangspunkt seines Denkens, seines Schreibens und seiner Politik

Von Jörg Magenau | 14.07.2022
Rebecca Solnit: "Orwells Rosen"
Lüge als politisches Prinzip will das Konzept der objektiven Wahrheit untergraben – auch davon handelt Rebecca Solnits Buch (Buchcover: Rowohlt Verlag / Foto: Trent Davis Bailey )

"Im Frühling 1936 pflanzte ein junger Schriftsteller Rosen.“ So oder so ähnlich beginnt die amerikanische Essayistin Rebecca Solnit jedes Kapitel. Der Schriftsteller mit den Rosen ist George Orwell. Er steht nicht nur für die düstere Dystopie „1984“, sondern auch für die Freude an und in der Natur. Rebecca Solnit möchte keine Orwell-Biographie schreiben. Vielmehr unternimmt sie Streifzüge durch die Erd- und Menschheitsgeschichte, die immer wieder an der Geste des Rosenpflanzens ansetzen und dabei schließlich doch ein mosaikartiges Porträt eines der berühmtesten Autoren des 20. Jahrhunderts ergeben.

„Orwells Rosen“ ist ein Buch – natürlich über Rosen: Rosen als poetische Metaphern, aber auch als Produkt einer ausbeuterischen Industrie, die aus Kolumbien oder Kenia die westliche Welt mit Schönheit beliefert. „Orwells Rosen“ erzählt von Gärten, Landschaftsbau und Natur. Es ist aber auch ein Buch über das Erdzeitalter des Karbon, über den Spanischen Bürgerkrieg, über Stalinismus, Darwinismus, Lüge und Wahrheit, über die Rosenbilder der Fotografin Tina Modotti und Gandhis Heiligkeit, Kolonialismus und Sklaverei, Schönheit, Tuberkulose und sogar über einen Fluss namens Orwell.

Orwells Garten als Rückzugsort und Naturbezugspunkt

Der Reichtum der Themen ist zusammengebunden wie ein großer Blumenstrauß, weil sich alles auf Orwell bezieht. Er pflanzte nicht nur Rosen, sondern vor allem Gemüse, nicht zuletzt, um trotz seiner Armut im Zweiten Weltkrieg einigermaßen durchzukommen. Der Garten war ihm mehr als nur ein Rückzugsort. Solnit erkennt in Orwells Naturbezug einen tiefen Zusammenhang mit seinen politischen Überzeugungen:
"Seine Sätze über Natur hallen nicht so stark wieder, sind weniger prophetisch als die politische Analyse, stehen aber durchaus im Zusammenhang mit ihr und haben ihre eigene Poesie, ihre eigene Kraft und ihren eigenen politischen Gehalt. Ist doch die Natur selbst zutiefst politisch durch die Art, wie wir sie uns vorstellen, mit ihr interagieren und auf sie einwirken."
Dieser Gedanke mag zu Orwells Zeiten noch nicht sehr weit verbreitet gewesen sein. Heute ist klar, dass sich die Zukunft der Menschheit am Klima und damit am Verhältnis zur Natur und ihren Ressourcen entscheidet. Es ist phänomenal, wie weit Rebecca Solnits Streifzüge führen, wie lässig und wie klug sie schreibt. Orwells Sozialreportage über den englischen Kohletagebau und das Elend der Bergarbeiter nimmt sie beispielsweise zum Anlass für einen Ausflug ins Karbon, um klarzumachen, dass die Brennstoffe, die die Menschheit heute in kürzester Zeit verbraucht, Jahrmillionen benötigten, um zu entstehen.

Lüge als politisches Prinzip

Auf dem Umweg über den Spanischen Bürgerkrieg, an dem Orwell auf Seiten der nicht-stalinistischen Kommunisten teilnahm, landet Solnit wenig später bei Fragen der Evolutionstheorie und Stalins Verteufelung des Darwinismus, dem der Diktator die kuriosen Ansichten des ihm genehmen Agrartechnikers Lyssenko entgegenstellte, wonach nicht die Gene, sondern Umweltbedingungen, Training und Gewohnheiten die entscheidenden Faktoren der Evolution wären. Dieser entschiedene Unsinn führt sie zur grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der Lüge als Mittel der Politik und damit zurück in die Gegenwart mit Trump und Putin.

Solnit macht klar, dass es bei der Lüge als politischem Prinzip nicht einfach bloß um einzelne Sachverhalte geht, sondern darum, das „Konzept einer objektiven Wahrheit“ und damit das menschliche Urvertrauen des In-der-Welt-Seins zu erschüttern. „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft“, schrieb Orwell in „1984“. Und: „Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit“. Im Totalitarismus ist Wahrheit an Macht gekoppelt. Rebecca Solnit schreibt dazu:

"Der Angriff auf Wahrheit und Sprache ermöglicht die Gräueltaten. Wer Geschehenes auslöschen, wer Leute mit Terror mundtot, fügsam, unehrlich machen und die Wahrheitssuche so aussichtslos oder riskant werden lassen kann, dass sie niemand mehr unternimmt, kann die eigenen Verbrechen endlos fortsetzen."
Über Stalins Zitronenbäume, die der Diktator in seinen nördlichen Residenzen und mit der Behauptung pflanzen ließ, die Kälte würde die Bäumchen abhärten, findet Solnit zurück zu Orwells Rosen und zur Erkenntnis:
"Lügen mutieren ungehinderter als Samen, und auch sie bringen neue Früchte hervor"
Natur ist nicht unschuldig. Sie ist nicht einmal unpolitisch. „Orwells Rosen“ ist ein Wunder von einem Buch, das so viel an Recherche, Wissen, Entdeckungslust, Naturfreude und Schönheit zusammenbringt, dass es eigentlich für zehn Bücher reichen würde.

Mit Schönheit gegen Lüge und Gewalt

Schönheit ist dabei das Prinzip, das der Lüge und der Gewalt entgegenzusetzen wäre. Und mit der Schönheit ist es die Fähigkeit, sie wahrzunehmen und zu genießen. Auch das steckt im Bild der titelgebenden Rosen.

Solnit zitiert eine indische Legende, wonach sich ein Mann auf der Flucht vor einem Tiger einen Fels hinabstürzt und dort an einem Erdbeerpflänzchen festklammert. Die Wurzeln werden nicht lange halten, doch an der Pflanze hängt eine reife Frucht, die er doch bitte vor dem finalen Sturz noch genießen soll. Genau so, sagt Solnit, hat Orwell gelebt. Und während die Erdatmosphäre sich unaufhaltsam weiter erwärmt, sollte man unbedingt dieses großartige Buch mit all seinen Erkenntnisfrüchten genießen – und anschließend Orwell lesen.
Rebecca Solnit: "Orwells Rosen"
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger.
Rowohlt Hundert Augen, Hamburg.
354 Seiten, 24,00 Euro