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StartseiteTag für Tag"Die Scharia ist kein Gesetzbuch"18.03.2019

Recht und Religion"Die Scharia ist kein Gesetzbuch"

Der Scharia geht es wie dem Dschihad: Einige deuten sie knallhart, andere deuten sie um. Was aber will die islamische Scharia wirklich? Will sie ein rigides Regelwerk sein oder eine Orientierungshilfe, die im Jemen anders zu verstehen ist als in einer pluralen Demokratie wie Deutschland?

Von Hüseyin Topel

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Mit Buchstabenplättchen sind die Worte "Scharia", "Islam" und "Koran" gelegt. Kleine Menschen-Figuren stehen um die Buchstaben herum (imago stock&people/ Karina Hessland)
Der Begriff "Scharia" wird sehr unterschiedlich ausgelegt (imago stock&people/ Karina Hessland)
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Vor einiger Zeit ging nachts in einer deutschen Großstadt eine Gruppe radikaler Muslime durch die Straßen, die Westen mit der Aufschrift "Scharia-Polizei" trugen. Diese Gruppe von Extremisten kontrollierte, ob Muslime, die unterwegs waren, sich nach ihren salafistischen Moralvorstellungen verhielten. Waren sie der Meinung, dass der eine oder die andere dies nicht täten, griffen sie ein. Es kam zu hitzigen Debatten und körperlichen Auseinandersetzungen. Diese Extremisten beanspruchten das Recht, in einer deutschen Stadt im Namen der Scharia für Ordnung unter den Muslimen zu sorgen. Der Islamwissenschaftler und Jurist Mathias Rohe von der Universität Erlangen-Nürnberg hält das Vorgehen dieser Extremisten für eine völlig unangebrachte Anmaßung.

Ein Mann blickt auf einen Computer-Bildschirm, auf dem selbsternannte "Scharia-Polizisten" zu sehen sind. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)Im Jahr 2014 sorgte die selbsternannte "Scharia-Polizei" in Wuppertal für Aufregung (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

"Die müssen wir sehr genau im Auge behalten und wir müssen sie mit allen unseren zur Verfügung stehenden Mitteln des Rechtsstaates auch in die Schranken weisen. Wir müssen vor allem aufpassen, dass die extremistische Ideologie, nicht in Köpfe der nachwachsenden muslimischen Generationen einsickert - und das können wir am allerbesten dadurch tun, dass wir schlicht unser Recht ganz normal fair anwenden, Überzeugungsarbeit leisten, warum es gut ist, dass die Rechtsordnung bei uns so ist, wie sie ist."

Religiöse Gesetze, Normen und Interpretationsvorschriften

Aus bestimmten muslimischen Kreisen bekam die extremistische "Scharia-Polizei"  Beifall, andere verurteilten deren nächtliche Einsätze. Der Streit darüber, was Scharia inhaltlich bedeute, flammte erneut auf. Dabei wurde immer wieder die Position der Extremisten übernommen, die Scharia fordere sehr strenge Strafen vom Auspeitschen bis zur Todesstrafe.

"Es gibt nur sehr wenige Extremisten, die sagen, man müsse hier das deutsche Recht ersetzen durch irgendwelche mehr oder weniger Rechtsvorschriften, einschließlich Strafrecht, Körperstrafen. Diese Extremisten gibt es. Im politischen oder sogar im gewalttätigen, salafistischen Spektrum etwa."

Kaum einer in Deutschland hat sich so intensiv mit der Scharia auseinandergesetzt wie der Jurist und Islamwissenschaftler Mathias Rohe. Von ihm stammt die Definition, die Scharia beschreibe "die Gesamtheit aller religiösen und rechtlichen Normen, Mechanismen zur Normfindung und Interpretationsvorschriften des Islam". Oder anders ausgedrückt:

"Die Scharia ist kein Gesetzbuch, sondern ganz im Gegenteil ein sehr komplexes System, das im Grunde die gesamte Normenlehre des Islam beinhaltet. Das heißt: religiöse Normen ebenso sehr wie rechtliche Normen und nicht nur die Normen als solche, sondern auch die ganzen Methoden, wie man diese Normen überhaupt erstmal auffinden und interpretieren kann."

Scharia ist also lediglich ein islamischer Fachbegriff für ein offenes System sowohl religiöser wie rechtlicher Normen, die in jedem Einzelfall genauer definiert werden müssen. Von einem eindeutig fixierten Gesetzeskatalog könne schon deshalb keine Rede sein, weil es regional unterschiedliche Scharia-Traditionen gebe.

"Das islamische Recht, das ist ja nur ein kleiner Teil der Scharia insgesamt der islamischen Normenlehre. Es spielt bei manchen eine Rolle in Familienangelegenheiten. Also Familienstand, Zusammenleben in der Familie, vielleicht auch Scheidung und Erbangelegenheiten. Das wird von einigen noch als Kernbereich islamischer Identität angesehen. Von vielen anderen übrigens nicht, die schlicht sagen, "Wir leben hier in einem Rechtsstaat. Dieser Rechtsstaat ist von seinen Grundlagen her sehr fair, sehr ausgeglichen und von dem her ist er uns islamisch genug, vielleicht islamischer als andere Länder im Nahen Osten", und die sehr zufrieden mit der hiesigen Rechtslage sind."

"Ein anständiges Leben führen"

Der Meinung dieser zweiten Gruppe unter den Muslimen in Deutschland schließt sich auch Serap Güler an. Sie versteht sich als gläubige Muslimin und ist Staatssekretärin für Integration in Nordrhein-Westfalen:

"Ja gut, in meinem Alltag muss ich ganz ehrlich sagen, hat die Scharia überhaupt keine Bedeutung. Aber schon das Grundgesetz."

Für Muslime sei es unzulässig, Andersgläubigen die eigenen Regeln aufzuzwingen. Daran sollten sich Muslime in Deutschland halten.

"Zumal ich glaube, nach der islamischen Lehre einem Muslim auch mitgegeben wird, sich an die Regeln des Landes zu halten, wo er lebt. Also insofern dürfte es da eigentlich keine Grundkonflikte geben."

Serap Güler, CDU-Landtagsabgeordnete in NRW, integrationspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion (Deutschlandradio / Ellen Wilke)Die CDU-Politikerin Serap Güler (Deutschlandradio / Ellen Wilke)

Sie betont, keine Theologin zu sein, für sich aber ihren eigenen Weg gefunden zu haben, den Islam zu leben, losgelöst davon, wie Scharia zu verstehen sei:

"Es mag für viele ein Widerspruch sein, aber ich weiß nicht, wenn ich mich als gläubige Muslimin definiere oder selbst so bezeichne, ja das tägliche Gebet fünfmal, das Fasten, die fünf Säulen des Islams tatsächlich so einhalten muss in meinem Alltag. Und wenn ich es nicht tue, dass ich dann nicht mehr gläubig bin. Das sehe ich anders."

Die CDU-Politikerin Serap Güler ist aus Sicht des Islamwissenschaftlers und Juristen Mathias Rohe prototypisch. Die Mehrheit der Muslime in Deutschland teile nicht die Vorstellung, wonach die Scharia mit harten Gesetzen und Strafen gleichzusetzen sei:

"Scharia heißt für viele Menschen, die sich überhaupt für den Begriff interessieren, 'ein anständiges Leben führen'. Also viele Muslime verstehen ihren Glauben hier ethisch, moralisch - und eben gerade nicht als Rechtsordnung."

Extremistische Propaganda in Suchmaschinen platziert

Gerade in Deutschland werde versucht, religiöse und rechtliche Normen neu zu deuten:

"Weg vom Wortlaut. Hin zum Sinn. Und genau diese Debatte brauchen wir. Und wir sind dabei, das zu etablieren. Auch an Universitäten, etwa in Gestalt einer islamischen Theologie, die sich um solche Fragen kümmern kann."

Mathias Rohe räumt aber ein, dass die islamische Theologie noch nicht die breite Masse erreicht. Nach wie vor könnten Jugendliche Opfer von Extremisten werden - auch in Sachen Scharia.

"Im Moment scheint mir noch die größte Autorität weltweit "Scheich Google" zu sein. Die Leute googeln schlicht und ergreifend und schauen was im Internet alles greifbar ist. Und das ist zum Teil schrecklich, was da an extremistischer Propaganda sehr geschickt, zum Teil auch, lanciert wird."

Deshalb ruft der Jurist und Islamwissenschaftler deutsche Muslime dazu auf, zur Aufklärung beizutragen.

"Wir brauchen dringend Gegenwelten, wo die vielen moderaten muslimischen Stimmen sich artikulieren können, noch besser vielleicht - die Leute auch erreichen können. In einer jugendgerechten Sprache."

Alternativen im Internet zu den Extremisten gibt es durchaus, aber ihre Zahl ist noch überschaubar.

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