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StartseiteDeutschland heuteNazis bei Telegram: konkrete Aufrufe zum Massenmord 31.01.2020

Rechte ForenNazis bei Telegram: konkrete Aufrufe zum Massenmord

Um rechtsextreme Strukturen aufzudecken, fordern Behörden eine Entschlüsselung von Messenger-Diensten. Völlig unnötig meint Miro Dittrich, vom Monitoring-Projekt D:Hate. Die rechten Foren auf Telegram und Instagram sein einfach zugänglich. Die Sicherheitsbehörden hätten hier einfach geschlafen.

Von Manfred Götzke

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Auf einem Smartphone ist das Logo des Messenger-Dienstes Telegram zu sehen (imago images / ZUMA Press / Omar Marques)
Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz greift bei Telegram noch nicht – weil die Plattform angeblich noch zu klein sei (imago images / ZUMA Press / Omar Marques)

Bevor Miro Dittrich den Messenger-Dienst Telegram aufruft, warnt er ziemlich deutlich vor dem, was dort gleich zu sehen sein wird:

"Auf Telegram wird nichts gelöscht, ich gebe mal eine Vorwarnung vor krasser Menschenfeindlichkeit und durchaus auch möglicher Gewalt, die man sehen kann."

Dann gibt er bei Telegram die Namen von rechtsextremistischen und rechtsterroristischen Gruppen ein – die er seit Monaten teilweise schon seit Jahren beobachtet. Sie nennen sich Atomwaffen-Division, Feuerkrieg Division, Iron March.

"Das hier ist eine sehr beliebte Gruppe in der Szene, 4.000 Mitglieder. `Terrorwave refined´ nennt die sich, was ja ziemlich eindeutig ist."

Miro Dittrich leitet das Projekt D:Hate bei der Amadeo Antonio Stiftung – ein Monitoring-Projekt. Seit Jahren beschäftigt er sich mit der Radikalisierung von jungen Menschen – meist Männern – im Netz.

Tägliche Beobachtung 

"Das ist eines ihrer neuesten Videos, man sieht hier maskierte Männer, die im Wald Schießübungen machen mit automatischen Waffen – und Flaggen verbrennen, das ist so ihre Propaganda, ganz einfach zu finden. Genau – die amerikanische und israelische Flagge, sind natürlich die beliebtesten Motive."

Fast täglich beobachtet Dittrich in rechtsextremen Gruppen und Kanälen bei Telegram – Instagram und Youtube, wie Rechtsextremisten ihre Propaganda verbreiten. Heute gibt er einen Live-Einblick in die gefährliche Welt von Rechtsextremisten, Rechtsterroristen und ihren Anhängern. Denn egal ob der Attentäter von Christchurch, von Oslo oder Halle: Alle waren vor ihren Taten in solchen Foren aktiv. Dittrich sagt:

"All diese Fälle eint eine ähnliche Kultur, wenn man sich ihre Manifeste anschaut, sieht man klar den gemeinsamen Ort der Online-Radikalisierung, all diese Fälle haben vorher auf einem Imageboard gepostet mit einem Manifest und nehmen auch gegenseitig aufeinander Bezug."

Hand hält Handy mit Twitch-App (imago stock&people / Broker/ Valentin Wolf) (imago stock&people / Broker/ Valentin Wolf)Rechtsextremer Terror im Netz / "Er hat seinen Highscore verfehlt" 
Um Anerkennung zu finden, nutzte der rechtsextreme Täter von Halle Online-Plattformen. Das sei für junge Männer zunehmend ein Ort möglicher Radikalisierung, sagte Kulturwissenschaftler Christian Huberts im Dlf.

Der Messenger-Dienst Telegram ist derzeit bei Rechtsextremisten besonders beliebt – erzählt Dittrich. Sie können dort unbehelligt von Verfassungsschutz und Co. Hakenkreuze oder konkrete Aufrufe zum Massenmord posten – ohne dass etwas passiert. Meldungen von Dittrich und seinen Kollegen blieben bislang folgenlos, auch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz greift hier noch nicht – weil die Plattform angeblich noch zu klein ist.

"Hier war auch das erste Video, das die Tat von Halle geteilt hat. Auf vielen anderen Seiten im Netz wird sowas gelöscht, man kann eine Gewaltmeldung machen, es ist ein Video bei dem zwei Menschen erschossen werden, hab ich gemacht, man sieht, das Video ist heute noch online."

Was Dittrich in den Foren und Kanälen in den vergangen Monaten generell beobachtet: Gewalt, Terroranschläge werden mehr und mehr gutgeheißen.

"Nach Christchurch haben wir gesehen, dass diese Heldenverehrung zugenommen hat. Der Täter von Christchurch wurde als Heiliger gefeiert, das Live-Video, das er gemacht hat, man sieht wie sich die Community verändert hat – und jetzt Gewalt ganz klar legitimiert. Und wenn man in den Foren unterwegs ist, sieht man, dass es explizit zugeht und man sich gemeinsam überlegt, wie kann man in Zukunft weitere Anschläge machen."

Einblick in die Strategien von Rechtsextremisten

Die meisten Kanäle, die Dietrich heute aufruft – sind in englischer Sprache - was aber keineswegs heißt, dass es sich nur um US-amerikanische oder britische Rechtsextremisten handelt – die Szene ist international vernetzt, auch viele Deutsche tummeln sich bei Atomwaffen-Division und Co.

Dittrich gibt einen Einblick in die Strategien von Rechtsextremisten – viele von ihnen sind der Ansicht, dass die weiße Mehrheitsgesellschaft ohnehin dem Niedergang geweiht ist – und wollen diesen Niedergang weiter beschleunigen. Sie suchen die Eskalation.

"Hier sehen wir einen Beitrag in dem Forum, wo der Täter von Halle gepostet hat und hier wird das Konzept ganz gut beschrieben. Er sagt in diesem Accelarationist Prozess, in dem sie sich sehen, brauchen sie diese Terrorakte."

In fast allen Gruppen und Kanälen durch die sich Dittrich scrollt wird immer wieder auf ein Buch verwiesen – auf das sich zurzeit Rechtsextremisten in den USA oder auch Europa beziehen. "Siege", ein Buch aus den 80er-Jahren des berüchtigten Neonazis James Mason. Es ist quasi eine Anleitung zum rechten Terror.

"Er beschreibt, wo man welche Ziele angreift, in dem Forum, wo der Halle-Täter auch gepostet hat, wird es als PDF angeboten. Hier schreibt ein deutscher User, alles, was nicht 'Siege' ist, ist wertlos, hier sehen wir einen anderen deutschen User, im Edeka, wie er das Buch hochhält…"

Nach einer halben Stunde wechselt Dittrich das Netzwerk: Während bei Telegram vor allem der ganz harte Kern von Nazis und Rechtsextremisten unter sich bleibt – rekrutieren sie in andern Netzwerken. Zum Beispiel bei "Steam", einer Plattform, auf der Gamer ihre Spiele runterladen. In den Communities der Seite fischen zum Beispiel Mitglieder der Identitären Bewegung nach jungen Männern.

BKA und den LKAs fehle es an Kenntnissen

Andere tummeln sich bei Twitter oder Instagram – hier hat sich in den vergangen Jahren eine rechtsextreme Memekultur - also mit Zitaten versehene Fotomontagen - mit eigener Bildsprache entwickelt.

"Hier zum Beispiel, Atomwaffendivison Deutschland ein Ausschnitt."

Auf den Bildern des Users: Eine US-Flagge mit Hakenkreuz. Auf einem anderen Bild in runenartiger Schrift "Race War Rising".  

"So sieht das viel für mich aus, wenn ich mich auf Instagram bewege. Weniger schöne Bilder von essen oder sowas. Sondern sehr viel Nazicontent."

Wenn sich Miro Dittrich durch die Foren arbeitet, ist er immer wieder selbst überrascht: All diese Kanäle, sogar viele Gruppen sind frei zugänglich, sie sind weder verschlüsselt noch besonders gut versteckt.

Eine Entschlüsselung von Messenger-Diensten – wie sie nach dem Anschlag von Halle von Sicherheitsbehörden gefordert wurde – sei völlig unnötig, meint er. Überhaupt: Verfassungsschutz, BKA und den LKAs fehle es einfach an den Kenntnissen, sagt er. Dass erlebe er auch immer wieder, wenn er sich mit den Verantwortlichen austauscht.

"Man sieht ganz klar, dass die Sicherheitsbehörden hier verschlafen haben Expertinnen für Rechtsextremismus im Online-Bereich zu schulen. Das hätte vor drei vier Jahren angegangen werden müssen – jetzt sind wir mitten drin und wir sind nicht darauf vorberietet."

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