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StartseiteEuropa heuteRechtelos und eingeschüchtert21.12.2010

Rechtelos und eingeschüchtert

Tschetschenische Frauen in einem islamischen Nationalstaat

Dass Tschetschenien ein Teil Russlands ist, das ist für Moskau Teil der Staatsraison. Trotzdem schaut Moskau tatenlos zu, wie der Präsident Tschetscheniens Stück für Stück das russische Rechtssystem unterminiert und gegen ein islamistisch geprägtes ersetzt. Darunter leiden vor allem die Frauen.

Von Barbara Lehmann

Tschetschenische Frauen müssen sich den Männern unterordnen.  (AP)
Tschetschenische Frauen müssen sich den Männern unterordnen. (AP)

40 Jahre lang lebte die Ärztin Aischat Baissajewa an der Seite ihres Mannes. Gemeinsam bauten sie ein Haus, richteten es ein, zogen darin die Kinder groß. Nach dem Tod des Gatten bemächtigten sich die Angehörigen des Mannes des Besitzes und jagten die Witwe davon. In ihrer Not wandte sich Aischat Baissajewa an das Zentrum "Frauenwürde" in Grosny. Dort ermutigte man die Eingeschüchterte zur Klage. Tatsächlich entschied das Gericht, dass ihr der Nachlass zustehe. Die Juristin Selita Gagajewa von "Frauenwürde" hat dazu beigetragen:

"Die tschetschenischen Frauen und die tschetschenische Gesellschaft leben in der Trias von drei Gesetzsystemen: Das Gesetz des Adat, der Scharia und der Russsischen Förderation. Juristisch gelten die Gesetze der Russischen Förderation. Doch viele Frauen kennen diese Gesetze nicht – und in diesem Zusammenhang leisten wir Aufklärungsarbeit: Wir halten Vorträge, führen Seminare durch, leisten Beratung – und vertreten die Interessen der Frauen vor Gericht."

"Frauenwürde" wurde 2002 von der Menschenrechtlerin und Dozentin Libkan Bassajewa gegründet. Ursprünglich sollte es jenen Frauen Zuflucht bieten, die von russischen Militärs vergewaltigt worden waren. Eine Vergewaltigung gilt in der tschetschenischen Gesellschaft als Schande und wird traditionell der Frau angelastet und totgeschwiegen. Derzeit bietet "Frauenwürde" neben gynäkologischer auch psychologische und juristische Beratung an – und unterstützt vor allem geschiedene und verwitwete Frauen in ihrem Kampf um die Kinder und das Erbe.

"Wenn eine Frau nach dem Tod des Mannes mit ihren Kindern allein bleibt, oder auch ohne Kinder, hat sie kein Recht auf das Erbe des Mannes. Sie muss ihr Haus verlassen - und ebenso ihre Kinder. Der Adat fordert, dass die Kinder bei den Verwandten des Mannes bleiben. Nur wenige Frauen sind damit einverstanden. Doch die wenigsten wenden sich an die Gerichte, denn damit riskieren sie, ihren guten Ruf einzubüßen und von anderen verurteilt zu werden. Eine Frau braucht dafür Zivilcourage, Geld, Wissen sowie die Unterstützung ihrer Familie. Und sie braucht die Hilfe von Juristen, von guten, klugen Ratgebern. Das leisten wir."

Unter Moskaus Statthalter Ramsan Kadyrow entwickelt sich Tschetschenien zunehmend zu einem islamischen Nationalstaat. Dazu tragen auch die Wahhabiten, die ehemaligen Unabhängigkeitskämpfer, bei, die der junge Präsident mit dem Versprechen der Amnestie um sich schart. Nun garantieren sie mit Waffengewalt den brüchigen Frieden und fordern Tribut.

Das männliche Selbstbewusstsein, das am Trauma des verlorenen Unabhängigkeitskampfes krankt, richtet sich vor allem auf Kosten der Frauen auf. Der Brautraub erlebt eine Renaissance. Im Unterschied zur recht freizügigen Sowjetzeit haben sich die Frauen nun einem strengen Sittenkodex zu unterwerfen. Seit neuestem ist auch das Kopftuch in Tschetschenien vorgeschrieben. Wer sich nicht fügt, riskiert etwa während des Fastenmonats Ramadan, von Schwarzuniformierten mit Farbpatronen beschossen zu werden. Keines der Opfer hat es gewagt, dagegen zu klagen. Viele Frauen sind unwissend und finanziell abhängig von männlichen Verwandten und Ehemännern.

Auch die elf gut ausgebildeten Mitarbeiterinnen von "Frauenwürde" erleben die gesamtgesellschaftliche Schizophrenie am eigenen Leib. Einerseits versuchen sie, sich mit misstrauischen Behördenvertretern zu arrangieren; spektakuläre Fälle und kritische Äußerungen gegenüber den tschetschenischen Machthabern zu meiden. Andererseits wollen sie aber so offen und frei wie möglich in der Öffentlichkeit auftreten:

"In Tschetschenien leben wir in einem sehr engen gesellschaftlichen Raum. Wenn wir Erfolge vorweisen können, wird sich die Kunde darüber sehr schnell verbreiten. Glücklicherweise leben wir einem globalen Informationsraum. Und unser Volk sieht, was in der Welt passiert. Und so sehen wir uns als Teil der Menschheit und wollen wir uns weiter entwickeln – in jeder Hinsicht. Wir haben die Hoffnung, dass wir aus dem Kollaps des Rechtssystems herausfinden, den wir derzeit durchleben."

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