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Startseite@mediasresVerlust von Vielfalt oder Bündelung der Kräfte?12.11.2018

RedaktionsnetzwerkeVerlust von Vielfalt oder Bündelung der Kräfte?

Immer weniger unabhängige Tageszeitungen, die sich in immer größeren Medienunternehmen zusammenfinden – ein Trend, der dem deutschen Printmarkt Vor- und Nachteile bringt.

Von Philip Banse

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Mitarbeiter des "RedaktionsNetzwerk" in Hannover, von wo aus sie überregionale Inhalte vor allem für die Tageszeitungen der Madsack-Gruppe produzieren.  (picture alliance / dpa / )
Mitarbeiter des "RedaktionsNetzwerk" in Hannover, von wo aus sie überregionale Inhalte vor allem für die Tageszeitungen der Madsack-Gruppe produzieren. (picture alliance / dpa / )
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Neben den großen überregionalen Zeitungen gibt es in Deutschland Dutzende Regionalzeitungen: Vom Hamburger Abendblatt über die Westdeutsche Allgemeine bis zur Stuttgarter Zeitung. Diese Regionalzeitungen haben alle auch einen bundespolitischen und internationalen Teil, den sogenannten Mantel. Diesen Mantel haben die Zeitungen jahrzehntelang zu großen Teilen selber bestückt, mit eigenen Korrespondenten im Ausland, und vor allem auch in der deutschen Hauptstadt. Dann kam das Internet. Leser wanderten ab, Anzeigenkunden wanderten ab.

"Das hält auch nach wie vor an, der Verlust. Es ist Jahr für Jahr ein Minus", sagt die Medienjournalistin Ulrike Simon. "Und dann hieß es zunächst, die Redaktion muss sparen, das heißt die Chefreaktion hatte dann Jahr für Jahr weniger Geld zur Verfügung für Recherche, um die Redakteure zu bezahlen. Es wurden Stellen gestrichen, aber irgendwann war kein Fett mehr da, das man hätte wegschneiden können. Und da kam es dazu, da wurde dann die Entscheidung getroffen: Wir müssen uns komplett neu organisieren."

Rund 50 Tagesszeitungen unter einem Dach

Und so bauten vor vier, fünf Jahren die großen deutschen Regionalzeitungsverlage Zentralredaktionen auf: Zur Funke Mediengruppe gehören 13 Regionalzeitungen, von der Westdeutschen Allgemeinen bis zur Bergedorfer Zeitung. Überregionale Artikel bekommen diese Regionalzeitungen seit drei Jahren aus der Funke Zentralredaktion in Berlin. Ähnlich machten es die Südwestdeutsche Medienholding mit 16 Zeitungen wie der Stuttgarter Zeitung; ähnlich machte es die Madsack Mediengruppe. Deren Redaktionsnetzwerk Deutschland versorgt nach eigenen Angaben rund 50 Tagesszeitungen mit überregionalen Nachrichten - verlagseigene wie die Hannoversche Allgemeine oder fremde wie die Berliner Zeitung.

"Und so haben sich eben diese drei großen Gruppen gebildet", sagt Ulrike Simon, die Medienjournalistin. "Das hat zur Folge, dass dann hier ein Menschen sitzt, der dann bis zu 40 Zeitungen bedient."

Größte Kritik an diesem Modell ist: Die Vielfalt geht verloren. Die Gewerkschaftlerin Cornelia Haß von der Deutschen Journalistenunion: "Wir haben ja leider seit 1996 keine Medienstatistik mehr, aber wir haben schon eine Ahnung davon, dass wir einen ziemlich herben Verlust an Vielfalt zu beklagen haben."

Dem entgegnet Gordon Repinski, Leiter Hauptstadtbüros beim RedaktionsNetzwerk Deutschland: "In der Struktur, die wir jetzt haben, haben wir auch einen Fokus auf besonders wichtige Themen für den Osten und besonders wichtige Themen für den Westen." Beispiel: der Skandal an der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen (*). "Und das kann sich beispielsweise die Berliner Zeitung, die sich selber ihre Politikseiten baut, auch so groß aufmachen, wie sie das möchte, um weiter ihren Markenkern zu behalten."

Wegfall von Expertise und Vielfalt?

Gewerkschaftlerin Haß bemängelt auch, dass die Bildung von Zentralredaktionen dazu geführt habe, dass Journalisten mit Experten-Wissen aus den Redaktionen gedrängt würden: "Ich kann mich noch gut erinnern, dass viele gesagt haben: 'Ich mache das nicht mehr mir, ich schaffe es nicht mehr, meinem eigenen Anspruch gerecht zu werden, den ich an meine Expertise habe, den ich an meine fachliche Arbeit habe. Ich suche mir etwas anderes.'"

"Es ist nicht so, dass die Leute immer mehr zu Generalisten werden", entgegnet Gordon Repinski vom RedaktionsNetzwerk Deutschland. "Sondern wir haben in unserem Hauptstadtbüro durch die Bündelung der Kräfte die Möglichkeit, uns zu spezialisieren, wie es nie für eine unserer Regionalzeitungen der Fall war."

Das RedaktionsNetzwerk Deutschland erreicht mit seinen über 50 Regionalzeitungen nach eigenen Angaben täglich sieben Millionen Menschen. Diese Reichweite erleichtere die Arbeit und führe zu besserer Qualität für die Regionalzeitungen, sagt Repinski: "In einer Selbstverständlichkeit bekommen die Leser der Hannoverschen Allgemeinen oder der Leipziger Volkszeitung oder der Ostsee-Zeitung ein Interview mit der Bundeskanzlerin, mit dem Bundespräsidenten, auch andere Gespräche, exklusive Informationen, vielleicht auch das erste Mal eine Hintergrundgeschichte aus dem Gesundheits- oder dem Rentenbereich. Das kannten die Leser vorher nicht."

Auch die Medienjournalistin Ulrike Simon sagt zur Arbeit der Zentralredaktionen: "Das ist, wenn sie mich fragen, doch deutlich besser, als wenn jetzt  in ganz Deutschland derselbe dpa-Artikel stünde." Also Artikel der Deutschen Presse-Agentur, Deutschlands größter Nachrichtenagentur.

Auch Gordon Repinski vom RedaktionsNetzwerk Deutschland hätte gerne doppelt so viele Korrespondenten und zehn davon in Ungarn. Aber die Realität sei nun mal, das Leser und Anzeigenkunden weglaufen: "Und in dieser Welt glaube ich nämlich nicht, dass es so ist, wie Ulrike Simon gesagt hat, dass wir darüber reden, dass wir irgendwann nur noch dpa-Geschichten in die Zeitungen wuppen. Sondern wir reden darüber, ob Zeitungen überhaupt überleben können." Und auch für die anstehende Digitalisierung der Branche seien Zentralredaktionen eine sinnvolle, weil effektive Einrichtung.

* In der Ursprungsversion dieses Textes hieß es und dem dazugehörigen Audio heißt es fälschlicherweise "der Stasi-Unterlagenbehörde".

Die Arbeit von Mediengruppen und Redaktionsnetzwerken war Thema einer Diskussion auf der Tagung "Formate des Politischen", die der Deutschlandfunk vergangene Woche in Berlin durchgeführt hat. Moderiert wurde die Veranstaltung von @mediasres-Mitarbeiter Stefan Fries.

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